Berlin Art Week : Kunst und Politik zusammendenken

„Durch Mauern gehen“ im Gropius Bau: 28 internationale Künstlerinnen und Künstler erinnern 30 Jahre nach dem Mauerfall an Teilung und Vertreibung.

Claudia Wahjudi
Dara Friedman haut auf den Putz. Ein großformatiges Produktionsfoto aus dem Super-8-Film „Whip Whipping the Wall“ (1998–2002).
Dara Friedman haut auf den Putz. Ein großformatiges Produktionsfoto aus dem Super-8-Film „Whip Whipping the Wall“ (1998–2002).Foto: Dara Friedman & Galleria Massimo Minini

Die Schatten der Vergangenheit sind verblasst, aber unverkennbar. Die Berliner Künstlerin Nadia Kaabi-Linke hat die zartgraue Silhouette eines Wachturms auf die Wände eines Saals gesprüht, gerade so, als stünde draußen vor dem Gropiusbau noch die alte Grenzanlage. Der Klangkünstler Emeka Ogboh hat seine Installation im Ostflügel des Gebäudes aufgebaut: Wenn die Ausstellung „Durch Mauern gehen“ am 12. September eröffnet, wird Haydns „Deutschlandlied“, gesungen in verschiedenen afrikanischen Sprachen von Geflüchteten, aus den Fenstern erklingen, aus denen der Blick auf die Topographie des Terrors fällt.

„Durch Mauern gehen“ macht es Besuchern leicht, Kunst und Politik zusammenzudenken. Arbeiten 28 internationaler Künstler und Künstlerinnen ergeben einen Parcours von Denkräumen, die Mauern nicht als Schutz vor Wind, Wetter, Feuer oder Fluten verhandeln, sondern als Folge politischer gewollter Trennung von Menschen. Locker verteilen sich die Beiträge über die Saalflucht im ersten Stock, assoziationsreich angeordnet von dem Kuratoren-Duo Sam Bardaouil und Till Fellrath. Mit der Gropius-Bau-Direktorin Stephanie Rosenthal arbeiteten sie bereits für die Sydney-Biennale zusammen. Jetzt haben sie Rosenthals Konzept, die von deutscher Geschichte zeugende Nachbarschaft des Gropiusbaus zu berücksichtigen, mit scheinbar leichter Hand umgesetzt.

Der Berliner Mauerstreifen fungiert als roter Faden

Diese Lebendigkeit geben sie ans Publikum weiter. Einige Arbeiten sprechen alle Sinne an wie die von Dora García markierte Fläche, auf der Besucher sich gemeinsam mit zwei Performern bewegen können. Smadar Dreyfus’ Installation „Mother’s Day“ (2006-2008) löst starke Gefühle aus: Im Dunkeln erklingen Stimmen von Frauen und Kindern, die einander über eine große Entfernung rufen – Grüße getrennter Familien an der syrisch-israelischen Grenze. Andere Arbeiten handeln von Versuchen, Grenzen zu überwinden, wie Anri Salas Film „1395 Days without Red“ (2011) über die Belagerung Sarajevos. Neue Arbeiten aus Berlin sind ebenfalls vertreten wie Mona Hatoums Skulptur „Orbital I“ (2019) aus Stahl und Beton. Zusammengehalten werden die Beiträge von Schwarzweiß-Aufnahmen, die Sibylle Bergemann 1990 entlang des Berliner Mauerstreifens machte. Ihre Fotos fungieren als roter Faden.

[Gropius Bau, Niederkirchnerstr.7, Kreuzberg: 12.9.-19.1., Mi-Mo 10-19 Uhr]

Und dann gibt es Beiträge, die bittere Aha-Effekte auslösen. Etwa die Apparatur des Klangkünstlers Samson Young, mit der sich Geräusche punktgenau auf Personen richten lassen. Eine militärische Erfindung, Sound als Waffe. Young lebt in Hongkong, wo das Militär gerade Proteste gewaltsam niederschlägt. Auch Willie Dohertys Schwarz-Weiß-Fotos aus dem nordirischen Derry zur Bürgerkriegszeit wirken angesichts des Brexits bedrohlich aktuell. Doch gerade weil die Welt zur Zeit solcher Art ist, wäre es souverän, mehr Arbeiten zu zeigen, die thematisieren, wie sich tatsächlich „durch Mauern gehen“ lässt. Wie Menschen diese überwinden.

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