Berlin, Rewe und Deutsche Bank : Die Logomacher der Republik

Kein Widerspruch zwischen Werbegrafik und Kunst: Anton Stankowski und Karl Duschek prägten deutschen Alltag. Die Kunstbibliothek widmet ihnen eine Schau.

Grafisches Atelier Stankowski + Duschek , Markenzeichen der 1970er- bis 2000er-Jahre
Grafisches Atelier Stankowski + Duschek , Markenzeichen der 1970er- bis 2000er-JahreFoto: Meike Gatermann und Stankowski-Stiftung

Kunstbibliothek, Kulturforum, bis 28.6., www.smb.museum

Weniger ist mehr. Das ist eine Binse und trotzdem das Prinzip guter Gestaltung. Genau so funktioniert das „Berlin Layout“. Der Grafikerdesigner Anton Stankowski hat es 1969 wohl als erstes Corporate Design für eine deutsche Stadt entwickelt. Sein einstiger Mitarbeiter Udo Schliemann, heute Creative Direktor in Toronto, begeistert sich immer noch für das „genial flexible Ordnungssystem“. Eine horizontale Linie, ein vertikaler Balken und der Stadtname in Versalien.

Dieser in Farbe, Größe und Kombinationsmöglichkeiten – etwa mit Fotos – beliebig variierbare Kopf krönte jahrzehntelang alle Berliner Drucksachen. „Das war kein Logo, sondern ein Anti-Logo, die erste Systemmarke“, erläutert Christina Thomson, Kuratorin der Ausstellung „Marken:Zeichen – Das Grafische Atelier Stankowski und Duschek“ in der Kunstbibliothek kuratiert. „Das Berlin Layout schafft Wiedererkennungswert, ohne ein festes Bild zu bieten.“

Vereinfachen, versachlichen, vermenschlichen. Das sei das Credo der von der 68er-Bewegung beeinflussten Künstler Anton Stankowski und Karl Duschek gewesen, sagt Udo Schliemann. Er arbeitete von 1982 bis 1999 in deren Stuttgarter Büro. „Es war Studium ohne Hörsaal, Arbeiten statt Reden, Disziplin ohne Pedanterie.“ Das Büro prägt bis heute den deutschen Alltag ästhetisch, über Jahrzehnte war es die führende Adresse für Kommunikationsdesign. Universitäten, Krankenhäuser, Messen und Sportevents bestellten hier ihre Leitsysteme.

Kein Widerspruch zwischen Werbegrafik und freier Kunst

Deren Entwicklung lässt sich anhand von 300 Grafiken auch im Entstehungsprozess nachvollziehen. Im Moment allerdings nur in einem virtuellen 360 Grad-Rundgang auf der Website der Staatlichen Museen, der aber den Geist der Arbeiten trotzdem gut vermittelt. Inklusive Raumplan, Zoomfunktion und anklickbarer Infotexte. Ursprünglich sollte die Ausstellung Anfang März öffnen. Thomson und Schliemann konnten noch auf der Vorbesichtigung sprechen. Die Vernissage anderntags fiel ins Corona-Loch. Dem virtuellen Zugang soll bald die Wiedereröffnung und Verlängerung der derzeit bis 28. Juni terminierten Laufzeit folgen. Womöglich schon nächste Woche.

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Die Idee von Christina Thomson, eine Ausstellung zum Sehen statt Lesen anzubieten, die keinen Widerspruch zwischen Werbegrafik und freier Kunst sieht, lässt sich so lange online testen. Statt Beschriftungen, die absichtlich fehlen und trotzdem vermisst werden, führt ein Booklet durch die Schau, das sich auch runterladen lässt, wenn man mehr als nur Klicktexte lesen möchte.

Beispielsweise die durch sprechende Gegenstände belegte Einführung in das Markenwesen gleich zu Beginn. Ein Druck von Albrecht Dürer, Münz- und Buchsiegel und ein antiker römischer Dachziegel zeigen, dass das Markenwesen keine Erfindung des 20. Jahrhunderts ist. Die erste eingetragene Handelsmarke Deutschlands war Meißner Porzellan, in England Bass Pale Ale, die Bierflasche ziert eine Vitrine.

„Komplexe Botschaften, telegrammartig verkürzt“

Stankowski und Duschek betrachten Logos offensichtlich nicht nur als Kombination geometrischer Formen und Signalfarben, die in zahlreichen Variationen über die Ausstellungswände wandern, sondern versenken sich auch in deren Philosophie, um das optimale Resultat nach dem Motto „komplexe Botschaften, telegrammartig verkürzt“ zu erreichen. In ihren Überlegungen zur visuellen Kommunikation bezeichnen sie sie als „Flaggen“, ja „Kulturatome“, die uns laut Duschek im Alltag begleiteten, aber in ihrer komprimierten Wirkung oft unerklärbar seien.

Das Firmenzeichen der Deutschen Bank, die genau wie die Lebensmittelkette Rewe, die Messe Frankfurt, Leica, VGH Versicherungen, Werkbund, Olympische Winterspiele Berchtesgaden oder Kloster Loccum zu den Kunden zählten, ist an Klarheit unüberbietbar und seit 1973 unverändert in Gebrauch. Der von einem Quadrat umschlossene, schwebende Schrägstrich verläuft von links unten nach rechts oben, ein Symbol für Aufstieg und Erfolg. Was das Auge nicht sieht, weiß das Booklet. „Die leichte Asymmetrie der Diagonale, die im Winkel von 53 Grad (statt 45 Grad) angelegt ist, verleiht dem Zeichen seine Besonderheit“. Ohne den Namen der Firma, für die es wirbt, überhaupt noch zu nennen.

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