Berliner Philharmoniker : Das Leuchten im Dunkeln

Sanftmut und Noblesse: Semyon Bychkov dirigiert bei den Berliner Philharmonikern Werke von Detlef Glanert, Max Bruch und Antonín Dvořák.

Katia und Marielle Labèque
Katia und Marielle LabèqueFoto: Umberto Nicoletti


Komponist Detlev Glanert teilt mit Johannes Brahms die Geburtsstadt Hamburg – und die Prägung durch die norddeutsche Tiefebene. 2013 schrieb er eine viertelstündige Hommage und nannte sie „Weites Land“, sie lässt Brahms schon in den ersten Tönen anklingen, mit der markanten Figur aus fallenden Terzen und steigenden Sexten, die dessen 4. Symphonie eröffnet. Wenn die Berliner Philharmoniker mit Semyon Bychkov am Pult in der Philharmonie das Werk spielen (noch einmal diesen Samstag, 19 Uhr), wirkt es düsterer und harscher als alles, was Brahms je geschrieben hat. Was am motorischen, stampfenden Rhythmus liegt und dem überbordenden Gebrauch der Pauke. An Mahler soll man sich laut Programmheft erinnert fühlen, aber auch Brahms Antipode Wagner klingt an. Jetzt könnte man denken, das sei alles epigonal – ist es aber nicht. Glanert überschreibt das vorgefundene Material, denkt es weiter, schärft es an und hält auf seine Weise damit den klassischen Kanon lebendig.

Die Labèque-Schwestern können sich schwer durchsetzen

Beim Dirigieren strahlt Bychkov Sanftmütigkeit und Noblesse aus. Umso bedauerlicher, dass er die Philharmoniker in Max Bruchs Konzert für zwei Klaviere nicht stärker zu bändigen weiß. Katia und Marielle Labèque – die immer mehr aussehen, als hätte sich Cher mal eben verdoppelt – haben bei voller Lautstärke keine Chance, sich durchzusetzen, die dynamische Balance stimmt nicht, der Klang von immerhin zwei Klavieren wird weggespült. Allerdings setzen die Schwestern auch selbst keine starken Akzente, sieht man einmal von ihrer natürlich stupenden Koordinationsfähigkeit ab.

An diesem Abend geben sich die Philharmoniker als Machos. Denn ganz auf sich gestellt, spielen sie furios auf – nicht nur im dritten Satz von Antonín Dvořáks 7. Symphonie, der an den böhmischen Volkstanz Furiant erinnert und seine umwerfende Energie aus der vertrackten Überlagerung zweier Rhythmen bezieht. Die ganze, für Dvořáks Verhältnisse eher düstere Symphonie, leuchtet bei den Philharmonikern aus dem Dunkeln heraus. Bychkov ist kein Mann der Extreme, sucht den Ausgleich, zügelt damit aber die explosive Kraft des Orchesters, bringt sie aufs richtige Maß. Es wird vor allem der Abend der hohen Streicher um Konzertmeister Daishin Kashimoto, ihr Strich ist von unfassbar Präsenz, Reinheit und Klarheit.

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