Berlins öffentliche Skulpturen : Von provinzieller Scheußlichkeit

Berlins Skulpturen sind verlässlich hässlich. Dabei leben in der Stadt spannende Künstler wie Alicja Kwade oder Olafur Eliasson. Plädoyer für eine Revolution.

Jörg Johnen
In Form der nackten Maja. Wolf Vostells „Beton Cadillacs“ in Halensee.
In Form der nackten Maja. Wolf Vostells „Beton Cadillacs“ in Halensee.Foto: Imago/VG-Bildkunst, Bonn 2019

„Dieses verrostete Ding muss weg“, meinte neulich ein Bekannter und zeigte auf die berühmte Skulptur von Eduardo Chillida vor dem Kanzleramt. So ähnlich wird wohl über viele Kunstwerke im öffentlichen Raum geurteilt, falls sie überhaupt bemerkt werden. Die meisten Skulpturen fallen unter die Wahrnehmungsgrenze. Im Falle von Chillida gehört der Rost allerdings zum Material und entsprang einer bewussten Entscheidung des Künstlers. Cortenstahl ist nicht nur durch den Rostbelag sehr wetterfest sondern ein modernes Material, das in der Architektur gerne eingesetzt wird.

Auch Richard Serra verwendete zwei riesige Cortenstahlplatten für seine Skulptur an der Herbert-von-Karajan-Straße. Die Arbeit „Berlin Junction“ von 1987 wird immer wieder von Graffitischmierereien gereinigt und sieht zur Zeit recht ordentlich aus. Seine prominente Lage vor der Philharmonie sorgt wohl dafür, dass der Stadt hier ausnahmsweise nicht alles egal ist.

Angesichts der zahllosen öffentlichen Skulpturen in Berlin stellen sich drei Fragen: Lässt man sie einfach still und leise vergammeln (Berlin-Style), pflegt und restauriert man sie, oder sollte man sie abbauen, da sie inzwischen ästhetisch und inhaltlich veraltet sind? Manche Werke sind auch heute noch großartig und bilden eine perfekte Einheit mit der Architektur wie etwa der „Schaschlikspieß“ von Hans Uhlmann vor der Deutschen Oper. Der „Lichtpfeiler“ von Heinz Mack, architektonisch eingebunden ins Europacenter, wurde nach vielen dunklen Jahren mit neuer Lichttechnik ausgestattet und funkelt jetzt wieder effektvoll in die Berliner Nacht.

Das hässliche Ungetüm ist fast schon sexy

Die beiden plumpen und düsteren Brunnen am Wittenbergplatz mit ihrer biederen FKK-Erotik von Waldemar Grzimek aus dem Jahr 1985 bieten dagegen keinen erfreulichen Anblick. Dies wird verstärkt durch ihren ungepflegten Zustand. Akzeptiert man sie als Teil der Berliner Geschichte, dann wäre zumindest eine sofortige und regelmäßige Reinigung vonnöten. Immerhin stehen sie in Sichtweite des KaDeWe. Dringend abgebaut gehört der „Wasserklops“ am Breitscheidplatz. Das war provinzieller Zeitgeist in den 80er-Jahren und sollte durch ein Kunstwerk ersetzt werden, das mehr vom Berlin heute und morgen vergegenwärtigt. Hier könnte man Olafur Eliasson fragen, einen Künstler, der in Berlin ein Studio mit 90 Mitarbeitern unterhält und seine attraktiven und beliebten Werke in die ganze Welt liefert.

Provinzieller Zeitgeist weht auch über den Skulpturenboulevard, der 1987 am Kurfürstendamm installiert wurde. Das Skandalstück „13.4.1981“, das berüchtigte Randaledenkmal aus Sperrgittern von Olaf Metzel, wurde rasch wieder entfernt. Das zweite Skandalstück von Wolf Vostell, die Beton-Cadillacs, ist so weit entfernt von der Shopping-Meile, dass man es tatsächlich vor einigen Jahren restaurierte. Am Rathenauplatz stört es niemanden. Man kann dieses hässliche Ungetüm heute fast schon sexy finden. Was noch auf dem Mittelstreifen steht, ist Mittelmaß und könnte getrost ins Depot. Eine Aktualisierung der öffentlichen Skulpturen wäre dringend geboten.

Berlin hat sich stark verändert in den letzten 30 Jahren

Berlin hat sich während der letzten 30 Jahre stark verändert. Das müsste auch im Bereich der öffentlichen Kunstwerke sichtbar werden. Aber bitte nicht im Mittelmaß. Wie wäre es zum Beispiel mit dem vieldeutigen blauen „Hahn“ von Katharina Fritsch, der immerhin bereits auf der berühmten vierten Plinthe am Trafalgar Square in London ein Jahr lang für Aufsehen sorgte? Oder einer Arbeit von Isa Genzken. Im November letzten Jahres hatte die Galerie Daniel Buchholz in Berlin eine Ausstellung mit ihren Projekten für den öffentlichen Raum zusammengestellt, die viele überraschte.

Katharina Fritschs "Hahn" 2013 auf dem Trafalgar Square.
Katharina Fritschs "Hahn" 2013 auf dem Trafalgar Square.Foto: Andy Rain/dpa/picture alliance/VG-Bildkunst, Bonn 2019

Man könnte sich so vieles vorstellen wie etwa einen Brunnen von Jeppe Hein, eine Soundinstallation von Susan Philipsz oder eine performative Installation von Tino Sehgal. Das Feld der öffentlichen Skulptur ist so vielfältig geworden, dass Berlin hier dringend Anschluss suchen müsste. Eine Kleinstadt wie Münster macht es mit seinen „Skulptur Projekten“ alle zehn Jahre vor. Irgendwie scheinen sich in Berlin aber links-grüne Kulturferne und konservative Modernefeindlichkeit zu vereinen. Selbst im konventionelleren Bereich hat Berlin den Anschluss verpasst. Nirgendwo eine Arbeit von Anish Kapoor oder Alicja Kwade. Sie stellt gerade auf dem Dach des Metropolitan Museums in New York aus und bezaubert dort die Besucher. Und in Berlin, wo sie lebt und arbeitet? Hier scheint man sich ganz auf die Attraktionen des Nachtlebens zu verlassen.

Wie steht es um den Bestand der Werke?

Vor dem PalaisPopulaire Unter den Linden wird man zur Zeit von einer Skulptur von Tony Cragg überrascht. Sie ist dort allerdings nur vorübergehend installiert. Der schneeweiße „Runner“ korrespondiert gut mit der architektonischen Situation und verleiht dem Ort einen Charme, ohne das Ensemble zu stören.

Und wie steht es um den Bestand der bedeutenden Werke? Der „Butterfly“ von Henry Moore vor der Kongresshalle hat reichlich braunen Belag angesetzt, sodass vom goldenen Schimmer der Bronze kaum noch etwas zu erahnen ist. So hockt der Schmetterling flügellahm auf dem veralgten Wasserbecken und wartet auf erlösende Pflege, damit Licht und Sonne ihn durch ihre Licht-und Schattenspiele auf der glänzenden Oberfläche wieder zum Fliegen bringen.

Werk für Werk genau betrachten

Dringend gereinigt gehört auch der weiße Marmorobelisk von Braco Dimitrijevic. Der dreimalige Documenta-Teilnehmer hat ein großartiges und wahrhaft demokratisches Kunstwerk im Schlosspark von Charlottenburg versteckt. Nur: Gereinigt und in leuchtendem Weiß würde seine Botschaft auch wirklich strahlen. Es muss wiederentdeckt und entsprechend gewürdigt werden, wie ich es bereits in meinem Skulpturenführer „Marmor für alle“ getan habe. Dessen Titel wurde von dieser Arbeit inspiriert.

Um den großen „Bogen“ von Bernar Venet an der Urania, ein Geschenk Frankreichs an die Stadt, hat sich gerade eine Diskussion entsponnen, die Bäume links und rechts sollen gefällt werden. Eigentlich würde es reichen, die beiden ersten Bäume zu entfernen. Es ist spannender, den Bogen im Grün der Bäume verschwinden zu sehen, statt ihn auf einen Blick blank in voller Größe zu erfassen. Über die Lage könnte man diskutieren – wie bei manch anderer Arbeit auch.

Es wäre an der Zeit, Werk für Werk genau zu betrachten und sich darüber Gedanken zu machen. Vieles hat ausgedient und kann ins Depot. Damit schafft man Platz für neue, aktuelle Themen und Anregungen. International erfolgreiche Künstler wie Alicja Kwade oder Tino Sehgal leben in der Stadt. Von ihrem Spirit ist im öffentlichen Raum nichts zu sehen.

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