Bernhard Martin Ausstellung in Berlin : Überzuckerte Fieberträume

Das Haus am Waldsee eröffnet wieder: Die Gemälde von Bernhard Martin kombinieren glatte Oberflächen und abgründige Provokation.

Ungenierte Sicht auf das Obszöne und Verführerische. Bernhard Martins surreales Gemälde „Le Mot“ ist 2017 entstanden.
Ungenierte Sicht auf das Obszöne und Verführerische. Bernhard Martins surreales Gemälde „Le Mot“ ist 2017 entstanden.Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Wochenlang waren sie allein in der Villa. Corona geschuldet. Jetzt steht das Haus am Waldsee wieder offen – und immer noch schaut die vierköpfige Berliner Familie überaus ernst, sogar etwas unheimlich aus dem Bild in den Ausstellungsraum. Freuen können sich andere.

Etwa die Besucher, die Bernhard Martins Soloschau nun endlich in Augenschein nehmen dürfen. Das große Familienporträt sticht als Auftragsarbeit ein bisschen heraus und zeigt dennoch Typisches, denn Martin verknüpft darin vier fotorealistisch gemalte Gesichter mit einem abstrakten, psychedelischen Leuchten im Hintergrund.

Solche Kräfte sind sein Markenzeichen

Der Kurzschluss zweier konträrer Stile sorgt für die eigentümliche Energie seiner Kunst. Ein realistisches Wohnzimmer wäre wohl repräsentativer gewesen, aber auch etwas langweilig. Dieses Irisierende überall auf dem Bild macht die Familie geheimnisvoll.

Als wirkten atmosphärische Kräfte zwischen ihren Mitgliedern, die dank Martin erst sichtbar werden. Solche Kräfte sind ebenso ein Markenzeichen seiner Ausstellung „Image Ballett“: der ersten institutionellen Schau in Berlin, sieht man von Martins Auftritt 2015 in der Berlinischen Galerie ab, der sich mit der Vergabe des Fred-Thieler-Preises an den 1966 geborenen Künstler verband.

Woran das liegt? Sicher nicht an der Qualität seiner Arbeit. Bernhard Martin ist ein begnadeter Maler. „Image Ballett“ reicht chronologisch gut zwei Jahrzehnte zurück, und man kann wunderbar nachvollziehen, was er mit der Bemerkung meint, nach all der Übung und Erfahrung seit dem Abschluss an der Kunstakademie Kassel 1989 stünden ihm endlich alle Ausdrucksmittel zur Verfügung, die er braucht.

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Es gibt die feinnervige Zeichnung und das lässige Verschachteln von Motiven zu rätselhaften Collagen wie „Macht nicht wirklich Sinn, ist aber schön“ – ein Bild von 2020 mit Laub und Reifenspur, Nackten am kitschigen Palmenstrand und einem Kaninchen, das aus dem Zauberzylinder springt. Es gibt die minutiöse Malerei und jene faszinierenden Farbschleier, die sich hauchdünn und wie toxische Regenbögen unter das Geschehen legen.

Und dann wäre da noch die Provokation. Brüste, Hintern, Dessous und phallische Symbole bevölkern Martins Leinwände. So hat er immer schon gearbeitet, und kein Diskurs über Sexismus oder ethisch korrektes Malen brächte ihn je davon ab.

Man ahnt, dass viele Kuratoren die ikonografische Auseinandersetzung scheuen. Oder dass sie Martins glatte, ästhetische Oberflächen, die seine Bilder so anziehend machen, missverstehen. Denn darunter brodelt es in vieler Hinsicht dreckig.

Leidenschaft für das Obszöne und Verführerische

Etwa im kaltblauen Licht des Ateliers, wo der Künstler Farben aus der Dose direkt auf eine am Boden liegende Leinwand gießt. „Elysian Fields“, ein Gemälde von 2017, ist ein Selbstporträt – wenn man die eckige, schwarze Brille als die von Martin erkennt. Sein Gesicht wird von Farbschaum bis zur Unkenntlichkeit verzerrt: Ein Spektakel wie auf dem Bild, das wiederum im Bild gerade entsteht. Was Bernhard Martin bewegt, bahnt sich den Weg offenbar ohne Umschweife vom Kopf in die Malerei.

„Seine Leidenschaft gilt der ungenierten Sicht auf das Obszöne und Verführerische der kommerziellen und medialen Bildkommunikation“, schreibt Katja Blomberg im Katalog zur Ausstellung. Die Direktorin im Haus am Waldsee hat die Soloschau um einige Wochen verlängert, damit man die Chance hat, Martins groteske Welt doch noch selbst auszuloten.

[Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, bis 5. Juli, Di-So 11-18 Uhr. Katalog: Verlag Walther König, Köln 2020, 24 €.]

Hauchzarte, wie in farbige Zuckerwatte getauchte Frauenfiguren oder die surreale Szenerie von „Le Mot“ (2017), auf der zwei haarige Gestalten vor einem Haufen Mikrofone so viel Käse erzählen, dass er ihnen flüssig aus den Mündern in den Bart rinnt. Rechts von dem Duo explodiert etwas, was einen ahnen lässt, dass Worte nicht bloß flüchtig, sondern auch ziemlich gefährlich sein können.

Kein Zweifel: Bernhard Martin ist ein kritischer Geist, den das Oberflächliche ebenso fasziniert, wie es ihn abstößt. Seine Motive fischt er aus der (Kunst-)Geschichte oder dem Internet und führt historischen Darstellungen den sieben Todsünden ähnlich – Eitelkeit, Gier und innere Leere vor. Seinen eigenen Zwiespalt verarbeitet er in Motiven, auf denen Schönheit und Chaos visuell Amok laufen.

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Den Kunsthistoriker und Bestsellerautor Florian Illies erinnern Martins Bilder an „viel befahrene Kreuzungen“ einer Großstadt. „Von überall kommen Gedanken oder Themen wie Fahrzeuge angerauscht“, heißt es in einem Interview, das Illies für den Katalog mit dem Künstler geführt hat und das auszugsweise auch in der Ausstellung hängt.

„Die Schönheit ist die größte Provokation“, meldet sich Martin in diesem Gespräch zu Wort. Um sein Publikum garantiert herauszufordern und es damit letztlich zu berühren, setzt er in seinen Bildern einen drauf. Schönes gibt es bei ihm nur zusammen mit Abgründigem, seine Motive wirken wie überzuckerte Fieberträume. Wer daraus aufwacht, der begreift, dass Martin sein Publikum verführt, um es zu tieferer Einsicht zu bringen.

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