Bibelfilm „Maria Magdalena“ im Kino : Die erste Braut Christi

Jüngerin unter Jüngern: Garth Davis' Bibeldrama „Maria Magdalena“ traut sich nicht an eine wirklich feministische Interpretation heran.

Stella Donata Haag
Apostelin. Maria (Rooney Mara) schließt sich Jesus ( Joaquin Phoenix) an.
Apostelin. Maria (Rooney Mara) schließt sich Jesus ( Joaquin Phoenix) an.Foto: Universal

Die Welt der Frauen ist überschaubar im Dorf Migdal am Ufer des Sees Genezareth. In der archaischen Gemeinschaft wird das Leben durch klare Rollen und kollektive Interessen festgelegt, denen sich der und vor allem die Einzelne fügen müssen. Der Lebensraum der Frauen ist das enge, übervolle Haus der Großfamilie, düsteres Refugium in einer erhabenen, aber unwirtlichen Umgebung. Wie eine Verheißung wirkt dagegen der weite Strand, an dem die Frauen der Fischerfamilien täglich arbeiten. Im Wasser stehend flicken sie die Netze. „Maria Magdalena“ ist ein Bibelfilm, da liegt die Metapher nah: Das Wasser steht für Bewegung, Reinigung und Neuanfang. Diese Bedeutung wird in den zahlreichen Taufszenen des Films zur rituellen Formel.

Besonders nah ist dem Wasser Maria, die als unverheiratete Frau einen Sonderstatus hat. Als sie mit einem Verwandten verheiratet werden soll, widersetzt sie sich. Damit beschädigt sie die Ordnung der Gemeinschaft – und die Familienehre, was derart unvorstellbar ist, dass sie nicht bestraft, sondern „behandelt“ wird. Doch bei der Dämonenaustreibung stirbt sie beinah. Ihr Vater holt darauf diesen Wanderrabbi zu Hilfe, dem der Ruf eines Messias vorauseilt. Der Mann heilt Maria, die junge Frau schließt sich ihm und seinen Jüngern an. Sie machen sich auf dem Weg nach Jerusalem, wo zum Pessachfest große Dinge passieren sollen.

Biblische Geschichten haben sich in der Filmgeschichte als nur bedingt kinotauglich erwiesen, denn trotz ihrer klassischen Dramaturgie stößt der Realismus des Filmischen auch in bildaffinen Religionen wie dem Christentum oft an seine Grenzen. Das Genre ist nicht zu Unrecht bekannt für seine unfreiwillig komischen Effekte, die entstehen, wenn religiöse Symbolsysteme auf die Mechanismen der Unterhaltungsindustrie treffen. Regisseur Garth Davis begegnet dieser Gefahr mit einer Reduzierung der ästhetischen Reize. Die Landschaft ist karg, die Leinenstoffe sind ungefärbt, die Ausstattung spartanisch. Die Szenerie bleibt so auf sicherem Abstand zur filmischen Tradition der visuellen Überwältigung. Davis erzählt die Geschichte der „Apostelin“ als Entwicklungsroman und knüpft damit an seinen Debütfilm „Lion“ (2016) an, der ebenfalls ein Selbstfindungsmärchen von der globalkulturellen Peripherie erzählt.

Joaquin Phoenix versucht als Jesus möglichst wenig zu tun

Die Jünger haben sich aus sehr unterschiedlichen Gründen dem Wanderprediger aus Nazareth angeschlossen. Sie bilden eine multiethnischen Truppe, die von Petrus (Chiwetel Ejiofor) zusammengehalten wird. Joaquin Phoenix versucht als Jesus möglichst wenig zu tun und kombiniert die virile Sanftheit hinter seinem Rauschebart mit einem Touch Che Guevara. Andere Interpretationen waren radikaler, und hier zeigt sich ein Problem des Films: Er will schon im Titel die weibliche Perspektive etablieren, traut sich aber nicht an eine wirklich feministische Interpretation heran. Eine Frau, die Männern widerspricht, ist ein schwacher Kommentar zu dem über Jahrtausende gültigen Antagonismus von Hure und Madonna, der in der Figur Marias begründet liegt.

2016 hatte selbst der Vatikan Maria Magdalena als Jüngerin Jesu anerkannt. Nun macht Davis den Film zum Dogma: Maria Magdalena tritt auf als erste Braut Christi, ihre sehnsuchtsvollen Blicke nehmen die Verzückung der christlichen Mystikerinnen vorweg. Ob Sexualität dabei sublimiert, transzendiert oder schlicht verdrängt wird, ist eine akademische Frage, in jedem Falle ist sie praktischerweise aus den Film verschwunden. Zurück bleibt eine bereinigte Weiblichkeit, bürgerlich anschlussfähig und ökumenisch kompatibel. Rooney Mara liefert dazu das schöne, kitschfreie Gesicht und gibt der Figur die Kraft einer Kämpferin, zu der sie werden muss, wenn sie als Frau öffentlich die Stimme erhebt. Der zugrunde liegende Befund, dass eine Frau im strikt patriarchalen System nur dann stark sein kann, wenn sie sich außerhalb des Sexuellen stellt, könnte kritisches Potenzial entfalten. Würde sich der Film dafür interessieren.

Mehr zum Thema

In 14 Berliner Kinos; OmU: Eiszeit, Kulturbrauerei, Hackesche Höfe, OV: Cinestar Sony Center

0 Kommentare

Neuester Kommentar