zum Hauptinhalt
Treffpunkt in der Innenstadt, das vom Kollektiv gegründete Ruru-Haus.

© Nicolas Wefer

Tagesspiegel Plus

Kurator über Documenta 15: „Die Besucher sollen sich glücklicher fühlen“

Das indonesische Künstlerkollektiv Ruangrupa kuratiert die Documenta 2022. Mitglied Farid Rakun über Solidarität, geteilte Budgets und den Humor der Kasseler.

Das Künstlerkollektiv Ruangrupa kuratiert die Documenta 15, die vom 18. Juni bis 25. September 2022 stattfindet. Es stammt aus Jakarta, hat sich 2000 gegründet und besteht aus zehn Mitgliedern, die mit Mitstreitern und Kollektiven aus Kunst, Architektur, Sozialwissenschaft, Politik, Medien und Technologie zusammenarbeiten.

Ruangrupa entwickelt neue Sichtweisen auf urbane Probleme der Gegenwart in Indonesien. Die Gruppe organisiert außerdem Kunstprojekte wie Ausstellungen, Festivals. Sie nahm an zahlreichen Biennalen teil. 2016 hat Ruangrupa „Transaction: Sonsbeek“ in Arnheim, Niederlande, kuratiert. 2018 hat das Kollektiv „Gudskul“ gegründet, ein Bildungsprojekt für Kreative, das auf kooperativem Arbeiten beruht. An der Documenta 14 waren sie 2017 mit einem Internetradio beteiligt. 

Die Ernte teilen. Ruangrupa vor dem Ruru-Haus in Kassel. Die Documenta 15 findet vom 18. Juni bis 25. September 2022 statt.
Die Ernte teilen. Ruangrupa vor dem Ruru-Haus in Kassel. Die Documenta 15 findet vom 18. Juni bis 25. September 2022 statt.

© Nicolas Wefers

Herr Rakun, warum haben Sie sich als Künstlerkollektiv aus Jakarta für die Organisation der Documenta beworben?
Als die Findungskommission der Documenta uns 2018 ansprach, haben wir in Jakarta gerade eines unserer Projekte weiterentwickelt: Gudskul, eine selbstorganisierte, offene Bildungsplattform. Wir haben außerhalb der Stadt neue Räume bezogen, arbeiteten am Programm. Wir waren überrascht, dass wir als Kandidat:innen im Gespräch waren. Wir dachten nicht, dass unsere Art zu arbeiten, für die Documenta interessant sein könnte. Aber wir haben eine Bewerbung eingereicht, wenn auch keine klassische. Aus unserer Sicht war es eine Einladung an die Documenta, uns als Gruppe auf unserer Reise und in unseren Plänen zu unterstützen. So kam der Begriff „lumbung“ auf, der zum Leitmotiv der Documenta 15 wurde.

Lumbung ist in Indonesien ein sehr verbreitetes Prinzip. Es bedeutet so viel wie „Reisscheune“, in der die Ernte einer Gemeinde zusammengetragen wird. Auch in Ihrem Ausstellungskonzept geht es um Kollektivität, gegenseitige Unterstützung, gerechte Ressourcenverteilung. Inwiefern wird diese Documenta anders als vorherige?
Wir machen keine Vergleiche. Wir arbeiten so, wie wir es kennen und dabei lernen wir von vorherigen Ausgaben. Wir erfahren etwas über die verschiedenen Künstlerischen Leitungen, deren Management, wie sie ihre Verantwortung umgesetzt haben. Wir lernen vor allem etwas über Machtstrukturen, die Beziehungen zwischen Kurator:innen und Institution, über die Beziehung zur Öffentlichkeit und zur Politik. Im Prozess gleichen wir unsere Arbeitsweise mit den Gepflogenheiten der Documenta ab, aus diesem Dialog ergibt sich die Documenta 15.

Es ist ein Experiment, ein erstes Mal für alle.

Farid Rakun

Wird die kollektive Arbeitsweise, die Sie mitbringen, sich langfristig in die Documenta einschreiben?
Was bleibt, hängt von vielen Faktoren ab: von der Institution, der Stadt, den politischen Gremien. Wir möchten die Initiativen, die wir anstoßen, fortführen und würden uns etwa wünschen, dass das Ruru-Haus fortbesteht, ein Treffpunkt, den wir in Kassels Innenstadt eingerichtet haben. Ich möchte betonen: unsere kollektive Art, Ausstellungen zu machen, ist nicht der einzig mögliche Weg, vielleicht auch nicht immer der beste. Es ist unser Weg. Aber es gibt andere.

Bei der Documenta 15 werden die ausstellenden Künstler:innen in neun Gruppen, die sogenannten „mini-majelis“ eingeteilt. Sie sollen jeweils über die Verwendung eines gemeinsamen Budgets entscheiden. Birgt das nicht viel Konfliktpotential?
Konflikte sind an der Tagesordnung. Aber das ist in Ordnung. Bisher hatten wir den Extremfall noch nicht, dass jemand aus einer Gruppe austreten wollte. Aber wenn es so wäre, wäre es okay, dann finden wir andere Wege. Für alle Beteiligten gibt es ohnehin ein Budget neben dem kollektiven Budget. Es ist ein Experiment, ein erstes Mal für alle. Wir wollen sehen, wie man den Umgang mit Geld und Ressourcen bei einer solchen Großausstellung anders gestalten kann.

Große, kommerziell erfolgreiche Namen der Kunstwelt sind bei der Documenta 15 – anders als bei vorherigen Ausgaben – nicht dabei. Dafür viele Künstler:innen-Kollektive, die nicht marktorientiert arbeiten. Für Galerien war es bisher attraktiv, ihre Künstler:innen auf der Documenta zu sehen und deren Werke danach auf Kunstmessen zu zeigen. Ein häufig kritisierter Umstand, den aber bisher niemand recht verhindern konnte. Sie machen es jetzt.
Das ist Ihre Lesart der Künstler:innenauswahl. Wir bei Ruangrupa sagen nicht bewusst „Nein“ zum Kunstmarkt. Es ist viel mehr so, dass wir unseren Ursprung nicht in dieser Art von Ökosystem haben. Auch in Indonesien gibt es einen Kunstmarkt, sogar einen sehr vielfältigen. Wir sind es gewohnt, unsere eigenen Märkte zu schaffen und uns auf Arten und Weisen zu tragen, die es so vorher nicht gab. Bei den Künstler:innen, die wir eingeladen haben, dachten wir nicht als erstes daran, ob sie bereits von einer Galerie vertreten werden. Das ist einfach nicht unsere Art zu denken.

Einer für alle. Farid Rakun ist Architekt, Künstler, Schriftsteller.
Einer für alle. Farid Rakun ist Architekt, Künstler, Schriftsteller.

© Gudskul, Jin Panji

Die Liste mit den Künstlerinnen und Künstlern hat Ruangrupa im Straßenmagazin „Asphalt“ veröffentlicht, dessen Einnahmen teilweise an Obdachlose gehen. Ein ungewöhnlicher Schritt.
Im Rahmen der Documenta wollten wir uns mit Kassel verbinden. Dafür haben wir das Ruru-Haus geschaffen, hatten mit Künstler:innen, Kreativen und Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsbereichen Kontakt. So sind wir auf lokale Initiativen gestoßen, mit denen wir arbeiten wollen. Eine davon ist das „Asphalt“-Magazin. Wir wollten die Künstler:innenliste auf eine Weise veröffentlichen, die unserem Kasseler Umfeld, unserem „Ekosistem“ hilft. Wir haben gerade gehört, dass die Verkaufszahlen von „Asphalt“ mit dieser Aktion durch die Decke gegangen sind. Eine tolle Entwicklung.

In einem „Zeit“-Artikel wurde kürzlich kritisiert, ein palästinensisches Kollektiv, das zur Documenta eingeladen ist, habe eine Nähe zur israelkritischen BDS-Bewegung. Wie gehen Sie mit den Vorwürfen um?
Wir nehmen das sehr ernst und setzen uns mit dem Sachverhalt gründlich auseinander. Die Documenta 15 unterstützt in keiner Weise Antisemitismus.

Die Besucher:innen sollten sich glücklicher fühlen, nachdem sie die Documenta besucht haben.

Farid Rakun

Vieles bei der Documenta 15 erinnert an Sonsbeek 2016, eine Biennale, die Ruangrupa im niederländischen Arnheim kuratiert haben. Auch damals fehlten große Namen, wurde der lokale Fußballclub einbezogen, Kontakt zu Bewohner:innen gesucht. Es wurde Brot gebacken, meditiert, Tischtennis gespielt. Können sich Besucher:innen der Documenta 15 auf eine ähnliche Erfahrung einstellen?
Man kann die beiden Ausstellungen nicht direkt vergleichen. Kassel ist größer, bietet mehr Möglichkeiten, mehr Budget. Unsere Ambitionen – und auch die der Künstler:innen – sind viel größer. Alle Beteiligten möchten ihre Ideen durch die Documenta-Teilnahme vertiefen, ausbauen und verstetigen. Es wird wieder kleine Aktionen ähnlich wie das Brotbacken geben, aber es soll weit über diese Gesten hinausgehen. Die Documenta 15 ist für die beteiligten Künstler:innen hoffentlich nicht nur eine einmalige Aktion. Sie sollte ein Sprungbrett für sie sein.

In Interviews haben Sie öfter gesagt, dass Ruangrupa für die Documenta gefährlich werden könnte, aber auch umgekehrt, die Documenta für Ruangrupa gefährlich werden könnte. Wie haben Sie das gemeint?
Das ist etwas, das wir mit Sonsbeek gelernt haben. Wir waren mit Europa beschäftigt und haben eine Zeit lang unsere Aufgaben Zuhause in Indonesien vergessen. Wir wollen diesen Fehler bei der Documenta nicht wiederholen. Deshalb bitten wir alle, auch unsere eigene Gruppe, keine neuen Projekte zu starten und stattdessen, das, was sie ohnehin tun, ihre eigene Agenda, mit und durch die Documenta weiterzuentwickeln.

Das Hallenbad Ost in Kassel, einer der Ausstellungsorte.
Das Hallenbad Ost in Kassel, einer der Ausstellungsorte.

© Nicolas Wefer

Welche Erfahrungen machen Sie mit der deutschen Bürokratie?
Manche Projektideen werden sehr schnell bewilligt, etwa wenn es um eine Diskussion oder ein Symposium geht, wo wir alle Eckdaten schon benennen können. Bei anderen Projekten dauert es viel länger, als wir dachten, Anträge durchzukriegen. Die deutsche Bürokratie ist eine Hürde, aber sie ist es nicht alleine. Es ist keine Frage der Geografie. Manchmal sind es eher unterschiedliche Herangehensweisen – die versuchen wir zu überbrücken.

Ruangrupa hat bei verschiedenen Biennalen, die wir kuratiert haben, bereits Erfahrung damit gemacht, wie man Anträge schreibt und Budgets kalkuliert. Bei den Gruppen, mit denen wir arbeiten, die ja nicht alle aus dem Kunstumfeld kommen, fehlt diese Erfahrung manchmal. Dann braucht es mehr Zeit und wir versuchen, beiden Seiten diese Zeit zu geben.

Welche Erfahrung sollen die Besucher:innen der Documenta im Sommer machen?
Es sollte eine nährende und bereichernde Erfahrung sein. Die Ausstellung soll Menschen dazu anregen, Hoffnung in der Welt zu sehen, Freundschaften zu schließen, Wissen zu sammeln, lernen zu wollen. Unabhängig von dem, was wir tun, sollte die Documenta die Menschen dazu bringen, neue Initiativen zu starten oder bestehende Vorhaben weiter voranzutreiben. Die Besucher:innen sollten sich glücklicher fühlen, nachdem sie die Documenta besucht haben – das wäre das ideale Gefühl. Mich deprimieren Biennalen und große zeitgenössische Ausstellungen manchmal. Das Gefühl möchte ich anderen Menschen nicht geben.

Neben den klassischen Orten der Documenta wie Fridericianum, Karlsaue und Documenta-Halle bespielen Sie in diesem Jahr auch den Osten von Kassel.
Uns interessieren die Gebiete jenseits der Fulda und der Fluss selbst. Der Osten Kassels ist industrieller. Es gibt dort viele lokale Initiativen, die wir interessant finden. Wir begreifen die klassischen Ausstellungsorte und auch die Nicht-Kunstorte als unsere Nachbarschaft. Wir sehen alle Orte als Angebot: Wer nicht alles besucht, braucht trotzdem nicht das Gefühl haben, etwas zu verpassen.

Ruangrupa sieht Humor als wichtigen Teil seiner Arbeit. Wie humorvoll erleben Sie die Menschen in Kassel und Deutschland?
Wir haben schon Schlimmeres erlebt. Humor ist kein Allheilmittel, und jeder versteht Humor anders. Eine Anekdote dazu: Bei unserem ersten Interview mit der Findungskommission der Documenta konnten wir dort niemanden zum Lachen bringen. Das zweite Interview fand glücklicherweise an einem anderen Ort statt – es war wärmer und intimer. Da konnten wir miteinander herumscherzen und sind mit einem Lächeln rausgegangen. Das hoffen wir auch für die Besucher:innen der Documenta 15. Das Rebellischste, was wir zurzeit tun können, ist, positiv zu sein und Freude zu verbreiten, und zwar nicht als Marketing-Strategie, sondern auf eine ehrliche Weise.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
true
showPaywallPiano:
false