Ausstellung „Geschichtsbilder“ : Hintergründige Geschichtslektionen

Die Ausstellung „Geschichtsbilder“ gibt einen umfangreichen Einblick in das Comic-Werk von Simon Schwartz. Jetzt ist sie in Oberhausen zu sehen.

Familienbild: Die Reinzeichnung zum Cover des Buches "drüben!".
Familienbild: Die Reinzeichnung zum Cover des Buches "drüben!".Foto: Angermuseum/Avant

Erstaunlich, was Zwischenräume im Comic bewirken können: Die Originalzeichnungen zu „drüben!“, Simon Schwartz’ vor zehn Jahren veröffentlichter erster Graphic Novel, wirken deutlich freundlicher als die im fertigen Buch. Das liegt daran, dass die Zwischenräume der Panels geschwärzt und die Zeichnungen mit Grautönen unterlegt wurden. Erst durch die Nachbearbeitung per Grafiksoftware bekam die autobiografische Erzählung über Schwartz’ Eltern und deren Ausreise aus der DDR Anfang der 80er Jahre ihren grau-tristen Look, der perfekt zum Thema passte.

Simon Schwartz in seinem Atelier.
Simon Schwartz in seinem Atelier.Foto: Katalog

Dass sich jetzt anhand der Originalzeichnungen der Entstehungsprozess dieses Comics nachvollziehen lässt, ist dem Erfurter Angermuseum und der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen zu verdanken. Die beiden Museen widmen Simon Schwartz mit „Geschichtsbilder“ eine umfassende Ausstellung, die nach ihrer ersten Station in Erfurt seit dem vergangenen Wochenende in Oberhausen zu sehen ist (bis 19. Januar 2020, reich bebilderter Katalog mit Texten von Andreas Platthaus, Christine Vogt und Jochen Voit im Avant-Verlag, 136 S., 29 €).

Die kompakte Schau zieht einen Bogen von ersten Comicversuchen aus der Kindheit über die Zeit als Zeichner in der Berliner „Mosaik“-Redaktion bis zu den neuen Werken des heute in Hamburg lebenden Künstlers. Dabei sind neben Originalseiten aus seinen ausgezeichneten Buchveröffentlichungen „drüben!“ und „Packeis“, sowie der jüngsten Graphic Novel „Ikon“ auch unbekanntere Werke zu sehen.

Vom „Mosaik“ geprägt

Es fällt auf, wie früh Schwartz seinen eigenen Strich gefunden hat: Der „Mosaik“-Zeichenstil, der von Hannes Hegen in den 1950ern kreiert wurde und bis heute in dem Comicmagazin fortlebt, hat Schwartz geprägt. Allerdings modernisiert er ihn in eigenen Arbeiten, sodass er eine gewisse Naivität im Ausdruck der Figuren beibehält, zugleich aber anspruchsvolle Stoffe transportiert.

Packeis: Eine Entwurfsseite.
Packeis: Eine Entwurfsseite.Foto: Katalog

Bereits während seiner „Mosaik“-Zeit (2002-2004) entstanden erste kurze Comics, die 2006 in den Band „Die Moritaten“ zusammengefasst wurden und schon seinen späteren Stil vorwegnahmen, insbesondere in der überspitzten Charakterzeichnung sowie der expressionistischen Architektur und Atmosphäre der Zeichnungen.

Experimente mit neuen Zeichentechniken

Während des Studiums an der HAW Hamburg schuf Schwartz, verunsichert und wohl auch angeregt durch die experimentellen Ansätze der Klasse von Anke Feuchtenberger, weniger Comics und wandte sich der Lithografie zu. Der Zyklus „Der Golem“ (2005) fällt aus dem Rahmen des übrigen Oeuvres, nimmt den Betrachter aber durch seine düsteren, gestrüppartig schraffierten Bilder gefangen, die die schwer fassbare Atmosphäre des Romans von Gustav Meyrink durch städtische Impressionen evozieren und fast komplett auf figurale Darstellung verzichten.

Frühwerk: Zwei Seiten aus "Die Unschuld" von 2005.
Frühwerk: Zwei Seiten aus "Die Unschuld" von 2005.Foto: Katalog

In der 2018 veröffentlichten Graphic Novel „Ikon“ greift Schwartz diese in „Die Moritaten“ und „Der Golem“ sichtbare Vorliebe für düster-expressionistische Motive wieder auf. Trotz seines gut erkennbaren Zeichenstils, der Farbe gezielt einsetzt, experimentiert Schwartz fast in jeder Arbeit mit neuen Techniken: In „Ikon“, einem Doppelportrait des Ikonenmalers Gleb Botkin und der falschen Zarentochter Anastasia, arbeitet er mit kräftigeren Pinselstrichen als sonst, verwendet raue Buntstifte und ahmt russische Ikonenmalerei nach, indem er eine Mischtechnik aus Monotypie und Schablonendruck mit Acrylfarbe auf Holz kombiniert.

Mosaik: Für diese Magazin-Seiten hat Simon Schwartz die japanischen Polizisten gezeichnet.
Mosaik: Für diese Magazin-Seiten hat Simon Schwartz die japanischen Polizisten gezeichnet.Foto: Katalog

Natürlich dürfen auch seine jeweils einseitigen Comicbiografien unbekannter oder übersehener Persönlichkeiten der Geschichte aus der Reihe „Vita Obscura“ (2012-16) sowie herausragender deutscher Parlamentarier nicht fehlen. Dadurch, dass in seinen Originalen die Texte fehlen (diese werden ebenfalls erst später per Computer ergänzt), lässt sich die Mühe erkennen, die Schwartz auf das Seitenlayout verwendet. Er scheint geradezu nach dem einzigen möglichen, zwingenden Layout zu suchen, das die Biografie der jeweiligen Person – sei es der Musiker Moondog oder die Parlamentarierin Clara Zetkin – auf den Punkt bringt.

Das Covermotiv des Katalogs.
Das Covermotiv des Katalogs.Foto: Avant

Eine weitere Entdeckung ist mit dem Fortsetzungscomic „Blutige Kohle“ (2014-15) zu machen, der wie „Vita Obscura“ in der Wochenzeitung „Der Freitag“ erschien, bislang aber nicht in gesammelter Form vorliegt. Neben der experimentellen Technik, die in verschiedenen Arbeitsstufen abzulesen ist, ist auch hier Schwartz’ Interesse an aussagekräftigen Randepisoden der Geschichte zu erkennen.

Die hierzulande nahezu unbekannten, damals von der Regierung blutig niedergeschlagenen Bergarbeiteraufstände in den USA (1913-1921) sind die Grundlage für eine Reihe von Geschichten, die die Vorgänge aus wechselnden Perspektiven erzählen. Hier wird deutlich, wie es Schwartz gelingt, die Historie auf wenigen Bilder-Folgen zu verdichten, wie es ihm ebenfalls in der Graphic Novel „Packeis“ (2010-12) über den Polarforscher Matthew Henson geglückt war.

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Redaktioneller Hinweis: Dieser Artikel wurde im Juli 2018 zum ersten Mal auf den Comicseiten des Tagesspiegels veröffentlicht und nun aus aktuellem Anlass leicht überarbeitet.