Charles Burns' "Daidalos" : Der Horror liegt im Unbekannten

Undurchdringliches Gestrüpp, einsame Steinwüsten, lockende Vaginas: Charles Burns behandelt in „Daidalos“ erneut die Verwirrungen der Adoleszenz.

Rilana Kubassa
Im Zerrspiegel der Adoleszenzphase: Eine Seite aus „Daidalos“.
Im Zerrspiegel der Adoleszenzphase: Eine Seite aus „Daidalos“.Bild: Reprodukt

Der junge Brian sitzt allein in einem Raum, gibt sich seinen Gedanken hin und zeichnet. Eine Frau überrascht ihn, ihr Lächeln und ihr Gesicht beherrschen sofort sein Blickfeld. Ganz klar: Sein Leben wird sich jetzt für immer verändern. 

Brian ist ein Träumer - von einem Moment auf den nächsten driftet er in seine innere Welt ab. Immer wieder führt ihn das zu erotischen Fantasien von Laurie. Dorniges Dickicht oder trockenes, unwegsames Gelände bilden den metaphorischen Gegenpol zu klebrig-sexuellen Andeutungen und einer extremen, ans Ekelhafte grenzenden Körperlichkeit. 

Kaum einer kann die Verwirrungen der Adoleszenz-Phase so darstellen wie der amerikanische Comic-Autor Charles Burns, bekannt durch den Klassiker „Black Hole“.

Mit dem Beginn der Reihe „Daidalos“ (Band 1, aus dem Amerikanischen von Heinrich Anders, Lettering: Michael Hau, Reprodukt, 64 Seiten, 20 Euro) entwirft er sein typisches Setting: Teenager erleben die erste Liebe, entdecken das andere Geschlecht und ihre triebhafte Natur. Das Unheimliche der Veränderungen umgibt sie wie eine dunkle Ahnung: Der Horror liegt im Unbekannten. 

Fantastische Konstrukte: Flucht vor der Wirklichkeit?
Fantastische Konstrukte: Flucht vor der Wirklichkeit?Bild: Reprodukt

Dieses Motiv war auch handlungsführend in „Black Hole“ (1995 bis 2005, deutsche Gesamtausgabe erschienen bei Reprodukt): Im Seattle der 1970er stecken Teenager sich mit einer unheilbaren Krankheit an, der sogenannten „Seuche“, die sie zu entstellten Kreaturen macht. Ausgestoßen aus der Gesellschaft fristen sie versteckt im Wald ein unwürdiges Dasein.

Im Wald werden seltsame Dinge entdeckt

In ihren fast erwachsenen Körpern schwanken die Teenager in „Daidalos“ zwischen Wirklichkeitsflucht und extremer Körperlichkeit. Auch der Wald spielt wieder eine Rolle: Das undurchdringliche Geäst wehrt den Eindringling ab und bietet in seinem Innern gleichzeitig Schutz. Im Wald werden seltsame Dinge entdeckt - wie schon in „Black Hole“ die verseuchten Teenager, so findet auch Brian in „Daidalos“ etwas im Dunkeln.

Mit ihrer Unsicherheit sind die Protagonisten nicht allein. Lesend gerät man selbst in Verwirrung: Raum- und Zeitkonstrukte verlaufen achronisch und bauen auf der Ahnung, dass etwas Unfassbares und Furchtbares geschehen ist, einen Spannungsbogen auf.

Lauries rotes Haar beherrscht Brians Denken: Das Titelbild des besprochenen Albums.
Lauries rotes Haar beherrscht Brians Denken: Das Titelbild des besprochenen Albums.Bild: Reprodukt

In Rückblenden aus den Perspektiven von Brian und Laurie wird ihre Geschichte erzählt. Die großen, gleichmäßig gesetzten Panels wechseln sich mit Filmausschnitten und Skizzen ab. Szenen zwischen Brian und Laurie sind selten in der Totale, meistens nah oder halbnah dargestellt. Close-ups und Unteransichten vermitteln den Eindruck, man würde sich das Storyboard eines alten Films anschauen.  

Bizarre Aliens und fantastische Szenen

In der griechischen Mythologie war Daidolos als genialer Künstler und Baumeister bekannt. Er baute die Flügel, mit denen sein Sohn Ikaros zu nah an die Sohne flog und dann starb, und das Labyrinth, in dem der Minotaurus gefangen gehalten wurde.

Brian drehte schon als Junge Horrorfilme. Sein Skizzenbuch ist gefüllt mit bizarren Aliens und fantastischen Szenen. Er gilt als etwas seltsam, doch die pragmatische Laurie fühlt sich zu ihm hingezogen. 

Wie „Black Hole“ bezieht sich auch „Daidalos“ stilistisch auf die populären Comic-Hefte und Teenage-Horrorfilme der 1950er und 1960er Jahre. Ausgiebig widmet sich Burns der Darstellung alter Monsterfilme und fantastischer Trash-Romanzen, die er in Grautönen von der Rahmenhandlung absetzt. 

Burns ist bekannt für sein meisterhaftes Inking. Man sieht es seinen präzisen Bildern kaum an, aber er zeichnet und tuscht per Hand. Für „Black Hole“ wurde er sieben Mal als bester Tuscher (Inker) mit dem Harvey Award ausgezeichnet. 

Statt Schattierungen und Farbabstufungen verwendet er schwarze Flächen, die starken Kontraste bringen Dynamik in die Bilder. Präzise geschnittene Konturen im Stil einer düsteren Ligne claire lassen die Figuren schablonenhaft erscheinen, wie Abbilder ihrer selbst. Unterscheidbar sind sie nur durch markante Merkmale wie Frisuren und Farben. 

So durchzieht, wie auf dem Cover angedeutet, Lauries rotes Haar die Handlung und spiegelt wider, wie sehr Brians Gedankenwelt von der jungen Frau vereinnahmt ist. Er will mehr - das dürfte am Ende dieses Bandes auch vielen Leserinnen und Lesern so gehen.