Comic-Bestenliste : Die besten Comics 2019 – Barbara Buchholz' Favoriten

Welches sind die besten Comics des Jahres? Das fragen wir unsere Leser und eine Fachjury. Heute: Die Top-5 von Tagesspiegel-Autorin Barbara Buchholz.

Barbara Buchholz
Gold. Mit dieser Auszeichnung können sich in diesem Jahr die Favoriten der Tagesspiegel-Jury schmücken.
Gold. Mit dieser Auszeichnung können sich in diesem Jahr die Favoriten der Tagesspiegel-Jury schmücken.Foto: Tsp

Auch in diesem Jahr fragen wir unsere Leserinnen und Leser wieder, welches für sie die besten Comics der vergangenen zwölf Monate waren - hier eine Auswahl der Ergebnisse. Parallel dazu ist wie bereits in den vergangenen Jahren wieder eine Fachjury gefragt. Die besteht in diesem Jahr aus acht Autorinnen und Autoren der Tagesspiegel-Comicseiten: Barbara Buchholz, Birte Förster, Christian Endres, Ute Friederich, Moritz Honert, Sabine Scholz, Ralph Trommer, Lars von Törne.

Die Mitglieder der Jury küren in einem ersten Durchgang ihre fünf persönlichen Top-Comics des Jahres, die in den vergangenen zwölf Monaten auf Deutsch erschienen sind. Jeder individuelle Favorit wird von den Jurymitgliedern mit Punkten von 5 (Favorit) bis 1 (fünftbester Comic) beurteilt. Daraus ergibt sich dann die Shortlist, auf der alle Titel mit mindestens fünf Punkten oder mindestens zwei Nennungen landen. Diese Shortlist wird abschließend von allen acht Jurymitgliedern erneut mit Punkten bewertet - daraus ergab sich die Rangfolge der besten Comics des Jahres, die am 19. Dezember im Tagesspiegel veröffentlicht wird.

Barbara Buchholz.
Barbara Buchholz.Foto: Privat

Die Favoriten von Tagesspiegel-Autorin Barbara Buchholz

Platz 5: Anna Rakhmanko / Mikkel Sommer: Strannik (Rotopol)
Das russische Wort „Strannik“ bedeutet so viel wie Pilger oder Wanderer. Tatsächlich ist der Protagonist in Anna Rakhmankos und Mikkel Sommers dokumentarischem Comic unterwegs, getrieben von der Hoffnung, mit seinem Leben noch etwas anderes anfangen zu können. Die beiden begleiten einen obdachlosen russischen Mixed-Martial-Arts-Kämpfer namens Vyacheslav. Text und Bilder erzählen auf zwei Ebenen: Einerseits Vyacheslavs zu Protokoll gegebene Begebenheiten aus seinem Leben voller widriger Umständen, gesetzt in Schreibmaschinenlettern; Sommers skizzenhafte, schraffierte Zeichnungen andererseits schildern ein Stück Reise, auf der Journalistin Rakhmanko den „Strannik“ durch Russland begleitet hat: Der bärtige Mann geht mit Tasche über der Schulter eine Straße entlang, schläft in einem Hausflur, boxt barfuß in Shorts und Kampfhandschuhen im Käfig oder ist mit einem Gegner im Clinch verschraubt. Das funktioniert gut, weil subtile Verbindungen zwischen beiden Ebenen geschaffen werden, ganz ohne Redundanzen. Und es passt in seiner Zweigleisigkeit zu dem Kontrast, den dieses schöne Porträt beschreibt: zwischen der offenbar eher sanften Person Vyacheslav und dem martialischen Profi-Sport, den er betreibt.

Platz 4: Posy Simmonds: Cassandra Darke (Reprodukt)
Nahm Posy Simmonds zuvor mit Vorliebe die literarische Welt aufs Korn, hat sie nun die Kunstwelt zum Ziel ihrer fein gestrichelten Entlarvungen gemacht. Cassandra Darke ist Kunsthändlerin, Anfang 70, betreibt eine Kunstgalerie im poshen Londoner Westend und ist gut im Geschäft. Doch sie beginnt bei Kunstverkäufen zu betrügen, fliegt auf und landet vor Gericht – und ist sowohl ihren professionellen Ruf als auch ihr Vermögen los. Dann findet sie auch noch eine Pistole in ihrem Haus: „Cassandra Darke“ ist auch ein Krimi, aber vor allem Sozialstudie. Die Protagonistin ist ein anderes Kaliber als ihre Vorgängerinnen Tamara Drewe und Gemma Bovery: Anders als die beiden jungen, attraktiven Frauen, wuchtet sich die in die Jahre gekommene, übergewichtige Misanthropin über die Seiten und starrt grimmig unter einer Trappermütze hervor. Der collagenartige Stil rahmenloser oder auch seitenfüllender Bilder mit darunter, daneben oder mittenhinein gesetzten Textblöcken aber ist ganz Posy Simmonds. Die Zeichnungen sind so fein und exakt wie gewohnt, der Strich aber kräftiger – und vor allem die Farben ausdrucksvoller und im wirkungsvollen Kontrast mit graphitgrauen Straßenszenen in Winternächten.

Platz 3: Catherine Meurisse: Weites Land (Carlsen)
Die Zeichnung schafft Passagen durch Raum und Zeit: Eine mit drei Linien auf die graublaue Wand gemalte Tür führt aus einer Pariser Wohnung direkt in ein Sonnenblumenfeld; Catherine Meurisses gezeichnetes Alter Ego tritt hindurch, geradewegs ins gelbe Blütenmeer, aus dem sie schließlich als kleines Mädchen herauskommt. Meurisse lässt ihre Kindheit auf dem Land Revue passieren, in den schönsten Farben des Sommers (dank Koloristin Isabelle Merlet) und mit eben der Leichtigkeit, um deren Wiedererlangung sie in ihrem vorigen Buch kämpfte. Die Eltern von Catherine und ihrer Schwester richten einen verfallenen Hof auf dem Lande in Eigenregie wieder her, pflanzen Bäume und legen Gärten an und erziehen die Kinder zu Menschen, die mit Marcel Proust auf Du und Du sind und gleichzeitig voll Vorfreude auf Blutwurst beim Schlachten eines Schweins zusehen. Die Figuren sind in einem lockeren Funny-Stil gezeichnet, der gut zu den phantastisch-humorvollen Einsprengseln passt, die mit der Kindheitsidylle brechen. Die dicken Natursteinmauern hingegen, die Blumen, Bäume und Felder sind naturalistischer gezeichnet, in warmen Ockertönen, sattem Grün, zartem Violett oder Orange. Es ist ein Paradies, in dem Catherine aufwächst, auch wenn äußere Einflüsse daran kratzen; sie fürchtet sich, es zu verlassen, was ihr aber doch den Mut gibt – ist das Zeichnen.

Platz 2: Mawil: Lucky Luke sattelt um (Egmont)
Der Berliner Mawil hat den dritten Band in einer Reihe von Hommagen zu Lucky Lukes 70. Geburtstag geschrieben und gezeichnet – und bei einem Fahrradfan wie Mawil ist es naheliegend, dass der belgische Comic-Cowboy in seiner Geschichte auf ein Stahlross umsattelt und die Luftpumpe schneller als sein Schatten zückt. Mawils Lucky Luke lernt den Tüftler Alfred Overman kennen, der seine neueste Zweirad-Erfindung von der Ostküste nach San Fransisco bringen will, um sie dort bei einem Fahrradrennen zu präsentieren. Das will der empfindlich auf Konkurrenz reagierende Hochrad-Hersteller Pope verhindern und setzt das Gangsterpärchen Smith & Wesson auf Overmann an. Luke schraubt die Einzelteile von Overmans Erfindung zusammen und schwingt sich in den Sattel. Er schlingert durch Wüstensand, kämpft mit steinigen Steigungen, flickt einen geplatzten Reifen – und gelangt schließlich zu einiger Kunstfertigkeit im Sattel. Mawil drückt dem Band nicht nur inhaltlich, sondern auch formal seinen Stempel auf: An den cartoonigen Figuren mit elastisch wirkenden Gliedmaßen, großen Zähnen und auffälligen Nasen, Speedlines, Soundwords oder zackigen Panels und kreativer Seitengestaltung ist er als echter Mawil zu erkennen.

Platz 1: Joachim Brandenberg: Ein kleiner Schritt für die Menschheit (Jaja)
Drei venezianische Wissenschaftler im 14. Jahrhundert haben eine Mission: Sie wollen beweisen, dass sie nur weit genug gen Osten reisen müssen, um den Mond betreten zu können, der ja bekanntlich dort aufsteige. Sie wandern durch moldawische Wälder, setzten mit einem Fährmann über die Wolga, stiefeln über den zugefrorenen Aralsee und durch die kasachische Steppe, über das Altai-Gebirge und durch die Wüste Gobi. Nach mehreren Jahren Expedition ist einer der drei in bunt illustrierten Wahnsinn abgedriftet und einer bleibt zurück. Der Mond zieht derweil in Zwischenkapiteln sorgenvolle Gesichter und plagt sich mit Albträumen von drohender Besetzung – und schläft am Ende mit einem sanften Lächeln, als die Mission gescheitert ist. In Joachim Brandenbergs „Ein kleiner Schritt für die Menschheit“ sind nicht nur das Artwork und die Liebe zum Detail bestechend, sondern die Ästhetik steht im Dienst der Ausdrucksmittel des Comics: Da schlängelt sich der „Schwanz“ einer Sprechblasen aus einem Fenster in einen Hof voller Menschen, die gespannt lauschen, was im Gebäude vor sich geht, oder aber umschlingt den unerreichbaren Mond. Das Lettering definiert verschiedene Ebenen und Haltungen: Die spätmittelalterlichen Wissenschaftler sprechen in Kapitälchen, bei denen Umlaute durch ein kleines in den Buchstaben eingesetztes e dargestellt sind, während die ununterbrochenen Wahnvorstellungen des Dritten leicht schräg gestellt in fetter Frakturschrift über die Seiten poltern. Ein origineller, wunderschön gestalteter und erzählter Comic.

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