Comic-Erzählung „Jein“ : Wenn die Kunst politisch wird

Die Berliner Zeichnerin Büke Schwarz verhandelt in ihrem Comic-Debüt „Jein“ Identitätsfragen und die gesellschaftliche Verantwortung von Künstlern.

Birte Förster
Aus Jein wird Nein: Eine Szene aus dem besprochenen Buch.
Aus Jein wird Nein: Eine Szene aus dem besprochenen Buch.Illustration: Büke Schwarz / Jaja

Elâ Wolf ist Künstlerin und lebt in Berlin. Dass sie türkische Wurzeln hat, empfindet sie für ihr Leben und ihre Kunst als nebensächlich. Als sie Preisträgerin der Goldmund-Stiftung wird, beginnen zusammen mit drei weiteren ausgezeichneten Künstlern die Vorbereitungen für eine Ausstellung. „Jein“ betiteln sie diese, als Zeichen der Unentschlossenheit, der Verweigerung einer klaren Aussage.

Doch als die Türkei im April 2017 für die Verfassungsreform stimmt, die Recep Tayyip Erdogan mehr Macht verleiht, stellt sich für Elâ die Frage, ob sie als Künstlerin Position beziehen sollte.

„Jein“ lautet auch der Titel der Graphic Novel der deutsch-türkischen Zeichnerin Büke Schwarz, die mit ihrem Comic ein starkes Debüt hingelegt hat (Jaja-Verlag, 232 S., 24 €).

Es beginnt mit einem Brief

Schon der Einstieg sitzt. Unter der Ortsbeschreibung von Elâs Wohnhaus in Moabit, in dem sie zusammen mit ihrem Freund lebt, gleitet der Blick des Lesers in gespannter Erwartung über gänzlich schwarze Seiten und Panels, die sich erst am Ende der dritten Seite lichten. Aus dem Inneren des Briefkastens, der von der anderen Seite geöffnet wird, entspannt sich schließlich die Handlung.

Alles beginnt mit dem Brief der Goldmund-Stiftung. Die Geschichte, die Schwarz mit viel erzählerischem Geschick und dramaturgischer Dynamik aufzieht, lässt einen so schnell nicht mehr los.

Das Titelbild des besprochenen Buches.
Das Titelbild des besprochenen Buches.Foto: Jaja-Verlag

Als Elâ gerade an ersten Ideen für die Ausstellung arbeitet, erhält sie einen entsetzten Anruf von ihrer Mutter: 51 Prozent haben bei den Wahlen in der Türkei „Ja“ gestimmt. Unter Erdogan-Fans in Berlin herrscht Feierstimmung. Auch Elâ ist darüber erschrocken und bezieht schließlich öffentlich Stellung: In einem Fernsehbeitrag kurz vor der Vernissage äußert sie sich erstmals kritisch zur türkischen Kulturpolitik.

Und bekommt daraufhin zu spüren, wie diese bis in ihr Leben als Künstlerin in Deutschland vordringt. Etwa, wenn sie von Erdogan-Anhängern in Berlin verfolgt wird oder ihr in Istanbul lebender Vater sie dazu zu drängen versucht, in der Türkei Kunst nach Erdogans Regeln zu machen.

Ausstellungen in New York und Basel - oder Protest?

In skizzenhaften Aquarellzeichnungen, die bis auf die farbigen Kapitelanfänge zwischen Schwarz-Weiß und verschiedenen Grauabstufungen variieren, erzählt Büke Schwarz, 1988 in Berlin geboren, die Geschichte der jungen Künstlerin.

Sie konfrontiert ihre Protagonistin schließlich mit einer schwierigen Entscheidung: Soll sie das Angebot eines bekannten Galeristen annehmen, der mit ihr Ausstellungen in New York und Basel plant? Oder aber bei der Istanbul-Biennale in den künstlerischen Protest gehen?

Büke Schwarz stellt in ihrer Graphic Novel relevante Fragen über die Verantwortung des Künstlers und der gesellschaftlichen Funktion der Kunst. „Jein“ ist ein spannendes und unterhaltsames Debüt, das zum Nachdenken anregt und auf mehr hoffen lässt.

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