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Lars von Törne.

© Kai-Uwe Heinrich

Wettbewerb: Die besten Comics des Jahres - Lars von Törnes Favoriten

Nach unseren Lesern nennt jetzt die aus neun professionellen Comiclesern bestehende Jury ihre Favoriten des zu Ende gehenden Jahres. Heute: Tagesspiegel-Redakteur Lars von Törne

In den vergangenen Wochen haben wir unsere Leser gefragt, welches für sie die besten Comics des Jahres 2012 waren. Mehr als 100 Einsendungen mit teilweise ausführlichen Begründungen erreichten uns, hier ist eine Auswahl davon dokumentiert.

Jetzt ist die Fach-Jury dran. Sie besteht aus Anne Delseit (AnimaniA, Comix), Lutz Göllner (zitty), Volker Hamann (Reddition), Matthias Hofmann (Alfonz), Martin Jurgeit (Comixene), Stefan Pannor (Spiegel Online), Frauke Pfeiffer (Comicgate), Andreas Platthaus (FAZ) und Lars von Törne (Tagesspiegel).

Jedes Jurymitglied war aufgefordert, unter den im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienen Titeln seine fünf Favoriten zu nennen und die Auswahl kurz zu begründen. Hier die Antworten von Tagesspiegel-Redakteur Lars von Törne, der bei der in Berlin erscheinenden Zeitung unter anderem die Comicseiten betreut.

Herausragend: "Rosalie Blum" und "Packeis"
Herausragend: "Rosalie Blum" und "Packeis"

© Promo

Platz 5: „Rosalie Blum“ von Camille Jourdy (Reprodukt)
Vielschichtig, klug konstruiert und nur auf den ersten Blick harmlos: Camille Jourdy ist mit der Graphic Novel „Rosalie Blum“ einer der herausragenden Comicromane des Jahres gelungen. Ich liebe es, wie viel Zeit sie sich nimmt, um in bis ins letzte Detail ausgeklügelten Bildern das exzentrische Personal dieser Komödie lebendig werden zu lassen, dessen Lebenswege einander kreuzen und sich auf überraschende Weise beeinflussen. Beeindruckend ist auch die Kontrastierung von hellen, warmen und anfangs naiv wirkenden Bildern mit ernsten Begebenheiten und tragikomischen Momenten.

Platz 4: „Packeis“ von Simon Schwartz (Avant)
Eine aufregende literarische Annäherung an die Wirklichkeit.Mit geschickten Perspektivwechseln erzählt Schwartz die Geschichte der ersten Eroberung des Nordpols vor gut 100 Jahren als packendes Lehrstück über menschliche Hybris und ihre Folgen. In sorgfältig komponierten Bildern führt er vor Augen, wie unterschiedlich die Beteiligten die dramatischen Reise ans Ende der Welt erlebten. Noch beeindruckender als in seinem Graphic-Novel-Debüt „drüben“ erweist sich Schwartz hier als Meister der Kunst, in klaren, auf den ersten Blick naiv wirkenden Bildern Geschichten von überraschend hoher Komplexität und Emotionalität zu erzählen.

Flix' Meisterwerk: "Don Quijote".
Flix' Meisterwerk: "Don Quijote".

© Promo

Platz 3: „Don Quijote“ von Flix (Carlsen)
Flix hat seine ohnehin schon enormen Fähigkeiten als Erzähler und Zeichner, die er seit seiner Quasi-Autobiografie „Held“ regelmäßig unter Beweis stellt, in dieser anfangs als Zeitungsserie veröffentlichten Erzählung noch einmal in beeindruckender Weise gesteigert. Eine packende Story voller Cliffhanger, die das literarische Original ehrt, aber etwas ganz Eigenes draus macht. Charaktere, die komödiantisch überdreht und zugleich authentisch-menschlich wirken und einem ans Herz wachsen. Filigrane, dynamische Zeichnungen voller Zwischentöne. Und ein traumwandlerisches Gespür für Witz und Ernst.

Hier finden Sie Lars von Törnes Top-Favoriten

Spitzentitel: "Sweet Tooth" und "Stiche".
Spitzentitel: "Sweet Tooth" und "Stiche".

© Promo

Platz 2: „Stiche“ von David Small (Carlsen)
Dieser Kinderbuchillustrator, der sich erst in späten Jahren das Medium Comic zur Aufarbeitung eines persönlichen Traumas erschlossen hat, ist für mich die Endeckung des Jahres. Wie David Small in dieser bewegenden Graphic Novel eine ganz eigene Bilderwelt um das Thema Sprachlosigkeit herum kreiert, ist fantastisch. Anrührend erzählt er, wie er als kleiner Junge in den 1950er Jahren dem Krebs (der ihn lange Zeit verstummen ließ) und einer erbarmungslosen Gesellschaft ausgeliefert war – und sich dank einer Therapie und der Entdeckung der eigenen Stärke daraus befreite. Dass der US-Autor es schafft, daraus keine eindimensionale Abrechnung mit seinen Eltern zu machen, die für sein Leid große Verantwortung trugen, beeindruckt auch beim wiederholten Lesen. Dazu kommt, dass man dem Werk ansieht, dass ein großer Künstler sich hier Freiheiten erlaubt, die dem Werk mit seinen virtuosen Wechsel zwischen Realismus und Fantasie, Ernst und Humor eine ganz eigene Handschrift geben.

Platz 1: „Sweet Tooth“ von Jeff Lemire (Panini)
Nur wenige Autoren verbinden die Elemente der US-amerikanischen Mainstream-Unterhaltung und der Comic-Avantgarde so gekonnt wie Jeff Lemire. Auch „Sweet Tooth“, die  vor knapp drei Jahren gestartete und seit diesem Jahr auch auf Deutsch erscheinenden Serie über den Überlebenskampf nach einer tödlichen Seuche, verbindet das Beste aus beiden Welten. Ich liebe den Kanadier für seinen kratzigen, sensiblen Strich und dafür, wie er mir seine Figuren so einfühlsam nahebringt, dass ich in diesem apokalyptischen Road-Comic mit den Charakteren um den Hybrid-Jungen Gus mitfiebere. Dafür verzeihe ich dem Autor sogar manchen kitschigen Moment und manch vorhersehbare Wendung. Eine der wenigen Serien, die ich im US-Original abonniert habe, da ich es kaum erwarten kann, Monat für Monat den neuen Band beim Comic-Händler abzuholen (was in diesem Monat leider zum letzten Mal passiert, da die Serie im Original mit Band 40 endet).

Die Favoriten der anderen Jurymitglieder finden sich zum Teil bereits unter diesem Link, die übrigen veröffentlichen wir nach und nach in den kommenden Tagen. Am 12. Dezember geben wir die Gewinner der Gesamtauswahl bekannt.

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