Tagesspiegel-Comic ausgezeichnet : Max-und-Moritz-Preis für „Busengewunder“

Weitere Preise beim Comic-Salon für Emil Ferris, Anna Haifisch, Mikael Ross, Krieg und Freitag, David Basler, Anke Feuchtenberger, Anke Kuhl und Julia Bernhard.

Ausgezeichnet: Die Max-und-Moritz-Gewinner*innen 2020.
Ausgezeichnet: Die Max-und-Moritz-Gewinner*innen 2020.Fotos: Promo

Die Comiczeichnerin Lisa Frühbeis ist am Freitagabend für ihre Kolumnensammlung „Busengewunder“ mit einem Max-und-Moritz-Preis für den besten Comicstrip ausgezeichnet worden. Die in Augsburg lebende Künstlerin hat ihre feministischen Comicstrips zwei Jahren lang im das Tagesspiegel-Sonntagsmagazin veröffentlicht, kürzlich wurden sie gesammelt im Carlsen-Verlag als Buch veröffentlicht.

Aufklärung mit Unterhaltungswert: Eine Szene aus „Busengewunder“.
Aufklärung mit Unterhaltungswert: Eine Szene aus „Busengewunder“.Foto: Carlsen

„Informativ und klug, unbekümmert und humorvoll, sozialkritisch und auf den Punkt – Lisa Frühbeis versteht es, gesellschaftliche Tabus anzusprechen und Themen in den Fokus zu rücken, über die, zumindest öffentlich, sonst kaum gesprochen wird“, heißt es in der Begründung der Jury zur Preisvergabe. Frühbeis räume auf mit gängigen patriarchalen Vorstellungen von Geschlechterrollen, Schönheitsidealen und sexuellen Klischees, fordere Gleichberechtigung und zeichne ein alternatives Frauenbild. „Eine starke weibliche Stimme in der deutschen Comic-Szene.“

Große Comic-Kunst mit Kugelschreiber auf Notizbuchpapier

Als bester deutschsprachiger Comic wurde „Der Umfall“ von Mikael Ross ausgezeichnet. Für sein Buch hatte der Berliner Zeichner eineinhalb Jahre lang in Neuerkerode recherchiert, einem Dorf für geistig behinderte Menschen. Die Erzählung handelt von einem – fiktiven – Bewohner der Ortes. „Ein wunderbar leichtes, lebensbejahendes Buch, das trotz aller Tragik hochkomisch ist und zutiefst berührend“, urteilte die Jury.

Mit dem Preis für den besten internationalen Comic wurde „Am liebsten mag ich Monster“ von Emil Ferris ausgezeichnet. Die autobiografisch inspirierte Erzählung verbindet Elemente des Bildungsromans, des Horrorcomics und einer Detektivgeschichte. „Fast beiläufig scheint dieser Familienroman entstanden zu sein, mit farbigen Kugelschreibern auf Notizbuchpapier“, heißt es in der Jurybegründung. „Und so liefert er den Beweis, dass es keinen Red-Sable-Pinsel von Winsor & Newton braucht, um große Comic-Kunst hervorzubringen.“

Enorme stilistische Bandbreite. Eine Seite aus „Am liebsten mag ich Monster“.
Enorme stilistische Bandbreite. Eine Seite aus „Am liebsten mag ich Monster“.Foto: Panini

Der Titel war bereits 2018 von der Tagesspiegel-Comicjury als beste Veröffentlichung des Jahres ausgezeichnet worden. Da die Max-und-Moritz-Jury ihre Preise nur alle zwei Jahre vergibt, waren in diesem Jahr auch Titel aus den beiden Vorjahren mit in der Auswahl.

„Gimmi Gimmi Gimmi ä Mänafa Mitleid“

Als beste deutschsprachige Comic-Künstlerin wurde Anna Haifisch („The Artist“) ausgezeichnet. Die in Leipzig lebende Zeichnerin und Mitorganisatorin des Comicfestivals „The Millionaires Club“ sei in ihren Arbeiten „immer radikal eigen geblieben“, lobt die Jury. „The Artist“ beinhalte alles, „was das Künstlerleben ausmacht, inklusive sämtlicher Klischees. Das liest sich großartig, weil Anna Haifisch wunderbar respektlos aus der Innensicht der Kunstszene schreibt. Und weil sie ebenso eigene, wie abgewrackte Bilder für ihre kurzen Geschichten findet – die immer auch eine Achtsamkeitsübung gegenüber der von Selbstzweifeln geschundenen Künstlerseele ist.“ Dieser Preis ist mit 7500 Euro dotiert.

Sinnsucher: Eine Seite aus "The Artist: Der Schnabelprinz".
Sinnsucher: Eine Seite aus "The Artist: Der Schnabelprinz".Foto: Reprodukt

Als bester Comic für Kinder wurde die autobiografische Episodensammlung „Manno! Alles genau so in echt passiert“ von Anke Kuhl ausgezeichnet. „Die Figuren sind liebevoll, aber nicht beschönigend gezeichnet“, urteilt die Jury. „Und wenn bei den Tanzeinlagen zu ABBA die kindliche Umsetzung des englischen Textes mit „Gimmi Gimmi Gimmi ä Mänafa Mitleid“ mitgeliefert wird, ist auch für die Elterngeneration der Spaß perfekt.“

Als bestes deutschsprachiges Comicdebüt wurde Julia Bernhards Buch „Wie gut, dass wir drüber geredet haben“ ausgezeichnet. Das Buch versammelt mit feinem Strich gezeichnete Episoden, in denen die Protagonistin in unangenehme oder absurde Dialoge mit Verwandten und Freunden verwickelt wird. „Mit dieser Kluft aus polierten Oberflächen und dem abgrundtiefen Desinteresse am menschlichen Gegenüber produziert Julia Bernhard in ihrem Comic-Debüt einen Humor, der an Woody Allen anknüpft und dabei absolut heutig wirkt“, lobt die Jury. Dieser Preis ist dotiert mit 1.000 Euro.

Verleger, Vernetzer, unermüdlicher Aktivist

Der Spezialpreis der Jury geht in diesem Jahr an den Verleger David Basler, der vor rund 40 Jahren den Verlag Edition Moderne mitbegründet hat, lange Zeit auch das Magazin „Strapazin“ mit herausgab und sich kürzlich aus dem aktiven Geschäft zurückgezogen hat. „Die deutschsprachige Comic-Kultur verdankt David Basler sehr viel“, heißt es in der Begründung. „Und da er sich selber nicht gerne feiert, feiert ihn die Jury des Max und Moritz-Preises mit dem Spezialpreis: Als Verleger, Vernetzer, unermüdlichen Aktivisten für die Sache der Comics und als gute Seele.“

Herr der Bücher. David Basler in seinem Verlag, aufgenommen 2016.
Herr der Bücher. David Basler in seinem Verlag, aufgenommen 2016.Foto: Lars von Törne

Der Publikumspreis geht in diesem Jahr an den Zeichner Tobias Vogel, der unter dem Künstlernamen Krieg und Freitag seit 2017 kurze Comic-Sequenzen und Cartoons, in denen er Alltagsbeobachtungen, Gedankenspiele und visuelle Ideen verarbeitet und auf Instagram, Twitter und Facebook mit seinen inzwischen rund 180.000 Followern teilt. Eine Auswahl davon ist als Buch unter dem Titel „Schweres Geknitter“ veröffentlicht worden.

Der Sonderpreis für ein herausragendes Lebenswerk geht 2020 an Anke Feuchtenberger. Die Zeichnerin, die als Hochschullehrerin zahlreiche jüngere Comickünstlerinnen und -künstler geprägt hat, wird in einer längeren Laudation von Brigitte Helbling geehrt, die sich hier nachlesen lässt.

Der Jury für den Max-und-Moritz-Preis, in der bis 2018 auch der Autor dieses Textes saß, gehörten in diesem Jahr an: Christian Gasser (Autor, Dozent an der Hochschule Luzern – Design & Kunst), Andrea Heinze (Journalistin, Berlin), Andreas C. Knigge (Journalist und Publizist, Hamburg), Katinka Kornacker (Geschäftsführerin COMIX – Comicbuchhandlung Hannover), Isabel Kreitz (Comic-Zeichnerin, Hamburg), Christine Vogt (Leiterin der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen) und Bodo Birk (Leiter des Internationalen Comic-Salons Erlangen).

Die Max-und-Moritz-Preisverleihung fand in diesem Jahr zum ersten Mal nicht auf der Theaterbühne in Erlangen sondern im Internet statt. Wegen der Coronavirus-Pandemie war der Internationale Comic-Salon ausgefallen, an diesem Wochenende gibt es stattdessen unter dem Stichwort #csedigital ein umfangreiches Online-Programm auf der Website des Festivals.