Coronavirus-Hamsterkäufe : Warum eigentlich Toilettenpapier?

Ganz Deutschland deckt sich wegen des Corona-Virus mit Toilettenpapier ein. Versuch einer Erklärung mit Freud, Peter Handke und Max Reger.

Nordrhein-Westfalen, Siegen: In einem Regal eines Supermarktes stehen noch ein paar Rollen Toilettenpapier.
Nordrhein-Westfalen, Siegen: In einem Regal eines Supermarktes stehen noch ein paar Rollen Toilettenpapier.Foto: Traut/dpa

Neulich in einem Supermarkt im Wedding, durchaus kein Discounter: Wie in so manchem Berliner Bezirk auch hier Hamsterkäufe, und wie überall in Deutschland vor allem Engpässe beim Toilettenpapier. „Wie, schon wieder alle?“, sagt die Angestellte und weist darauf hin, dass es doch da hinten, in einer anderen Ecke des Ladens, noch das vierlagige De-Luxe-Toilettenpapier gebe, das koste halt einiges mehr.

Warum eigentlich Toilettenpapier? Das fragt man sich in Anbetracht der Virus-Hamsterkäufe. Nudeln, Reis, Dosenpfirsiche, klar. Aber warum nicht Küchenrollen, Taschentücher, Zahnpasta oder Servietten? Zumal es an Wasser in den Badezimmern auch unter schlimmsten Quarantäne-Bedingungen nicht mangeln wird.

Was sagen die Toilettenpapierhamsterkäufe über die psychische Verfasstheit unseres Landes, über die der Deutschen? Muss man von einer analen Fixierung sprechen?

Es geht schnurstracks zurück in die anale Phase

Man könnte mutmaßen, dass ganz Deutschland wegen einer Virus- Pandemie regrediert, dass das Land zurück auf das Entwicklungsniveau von Zwei- bis Dreijährigen möchte, also schnurstracks in die anale Phase. Vielleicht muss es das sogar, weil es inzwischen gar eine Zwangsstörung ausgebildet hat. Als ordnungsliebend, sparsam, penibel, starrsinnig und zwanghaft hat Freud den analen Charakter beschrieben.

Ja, und wenn man sich das genau überlegt, wird Deutschland ja gern von obenhin mit solchen Attributen versehen.

Man könnte auch eine gewisse Sehnsucht vermuten. Eine Weltflucht, die sich paart mit der Flucht vor dem Virus. Denn ist nicht das stille Örtchen, vorausgesetzt es ist ordentlich desinfiziert, der sicherste Ort auf der Welt?

So wie es Peter Handke im Dezember 2011 in seinem „Versuch über den stillen Ort“ beschrieben, vor allem natürlich, Handke-Style!, sich gefragt hat: „War mein Aufsuchen der Stillen Orte, im Lauf des Lebens gleichsam weltweit, immer wieder auch ohne spezielle Notwendigkeit, vielleicht ein Ausdruck, wenn nicht von Gesellschaftsflucht, so doch von Gesellschaftswiderwillen, von Geselligkeitsüberdruss?“

Von einem „asozialen“, „antisozialen Akt“ spricht Handke kurz darauf („Ja, das war, und ist, zeitweise unabstreitbar der Fall“).

Könnte es ein Ausdruck von Gesellschaftsflucht sein?

Das soziale Leben ist in Zeiten der grassierenden Covid-19-Seuche schwer durcheinandergeraten, liegt gar danieder. Das fängt bekanntlich beim Händeschütteln, Abbusseln und Umarmen an und hört beim bloßen Aufenthalt in Räumen mit nur ein paar Menschen nicht auf, es müssen schließlich nicht immer Flugzeuge oder Messehallen sein.

Die Toilettenpapierhamsterkäufe passen also ins Bild. Sie sind die Vorbereitung antisozialer Akte, des Rückzugs auf die Toilette – und natürlich selbst antisozial: Es soll ja Menschen geben, denen das Papier wirklich ausgegangen ist.
Tja, und was lässt sich tun, wenn es nun bald kein Toilettenpapier mehr gibt? Dann muss man es wohl mit dem Komponisten Max Reger halten, der einst nach einem bösen Verriss seinem Kritiker schrieb: „Sehr geehrter Herr! Ich sitze hier im kleinsten Raum meines Hauses und lese Ihre Kritik. Noch habe ich sie vor mir... Hochachtungsvoll: Max Reger.“

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