Das Jahr 1913 im Brücke-Museum : Die Straßen der Großstadt

Zeichen des Aufbruchs: Das Berliner Brücke-Museum widmet dem Jahr 1913 eine schön komponierte Ausstellung.

Huträger, Kokotten. Ernst Ludwig Kirchners „Straßenszene mit grüner Dame“.
Huträger, Kokotten. Ernst Ludwig Kirchners „Straßenszene mit grüner Dame“.Foto: Brücke-Museum

1913 ist eine magische Zahl. Sie bezeichnet das letzte volle Jahr des Friedens vor dem Ersten Weltkrieg. Dass nach dessen Ende gleich vier Großreiche von der politischen Landkarte verschwunden sein würden, hätte sich in jenem Jahr niemand träumen lassen. 1913 war aber auch ein Jahr des Aufbruchs, der Moderne, der Zukunftsgewissheit – ein Jahr der Kunst, der brodelnd neuen Künste.

Eine davon war die des Expressionismus, als deren Kern die Künstlergemeinschaft Brücke galt. Nur war sie 1913, als sie ihren Durchbruch in Berlin hätte feiern können, bereits Geschichte, auseinandergefallen aufgrund des Streits zwischen ihren vier Hauptmitgliedern um die künstlerische Vorreiterrolle. Einer von ihnen – und wie schon damals deutlich war, das bedeutendste Mitglied der Gruppe – nahm sie ungeniert für sich in Anspruch: Ernst Ludwig Kirchner.

Kirchner war es, der die Kunst der Brücke in die Großstadt führte, der seinen persönlichen Stil zum visuellen Ausdruck großstädtischen Lebens mit allen Licht- und Schattenseiten machte. Wenn nun das Brücke-Museum unter seiner neuen und erfreulich aktiven Direktorin Lisa Marei Schmidt eine Ausstellung aus eigenem Bestand unter dem Titel „1913: Die Brücke und Berlin“ veranstaltet, dann kann nur Kirchner im Zentrum stehen. Er hat die zahllosen Bleistiftskizzen vom hektischen Verkehr am Potsdamer Platz geschaffen, hat das großstädtische Personal von Hutträgern bis Kokotten beobachtet, Straßenbahnen und Automobile unbekümmert um reale Größenverhältnisse als übergroße Wesenheiten dargestellt.

Umfangreiche Dokumentation zur Kirchners „Berliner Straßenszene“

1913 ist aber auch das Jahr eines unbeschwerten Sommers. Karl Schmidt-Rottluff entdeckt den unendlichen Sandstrand der Kurischen Nehrung, Kirchner und Otto Mueller vergnügen sich auf Fehmarn. Alle bringen Bilder mit, Skizzen und Gemälde; auch sie füllen ein Kapitel der schön komponierten Ausstellung. Max Pechstein, 1912 aus der Gruppe ausgeschlossen, weil er ohne die Kollegen ausstellte, weilt in Italien und malt ein Großformat, „Fischerboot“, das eine ganz andere kompositorische Reife zeigt als die betont rohen, robusten, unakademischen Brücke-Bilder.

Neben den Zeichnungen sind nur wenige Gemälde im Brücke-Museum zu sehen, so Schmidt-Rottluffs „Weinstube“ mit ihren rotgesichtigen Zechern; eines, Kirchners spannungsvolles „Im Cafégarten“, stammt von 1914 und ist in die ansonsten strikt auf 1913 beschränkte Auswahl gewissermaßen hineingeschmuggelt.

Um so heftiger springt die Leerstelle dieser Ausstellung ins Auge: Kirchners „Berliner Straßenszene“ von 1913, eines der Großstadtbilder der Berliner Zeit, die den Weltruhm des Künstlers begründen. Dieses Gemälde ist bekanntlich durch Entscheid des Berliner Senats 2006 an die Anspruchsteller in einem Restitutionsbegehren herausgegeben und kurz darauf in New York versteigert worden, für die Rekordsumme von 38 Millionen Dollar.

Zu dem Vorgang, der die kunstinteressierte Öffentlichkeit bewegte und zu einem Untersuchungsausschuss des Abgeordnetenhauses wie zu mehreren Strafanzeigen gegen die senatsseitig Verantwortlichen führte, liegt nun eine umfangreiche Dokumentation vor, herausgegeben von Lutz von Pufendorf als Vorsitzendem des Fördervereins des Museums. Pufendorf ist nicht nur selbst Anwalt, sondern war als Staatssekretär einer der Vorgänger der damaligen, inzwischen verstorbenen Kulturstaatssekretärin Barbara Kisseler.

Kein konventioneller Katalog, sondern eine „Zeitung“

Die Dokumentation unter dem Titel „Erworben – Besessen – Vertan“ (Kerber Verlag, Bielefeld 2018. 262 S., im Museum 34 €, im Buchhandel 45 €) enthält sämtliche Anwaltskorrespondenz, alle Gutachten sowie die Wortprotokolle der Ausschusssitzungen – teilweise, so Pufendorf, unter Bezug auf das Archivgesetz vor Gericht erstritten gegen eine Kulturverwaltung, die die mutmaßlich ungerechtfertigte, in jedem Fall aber schauderhaft dilettantisch abgewickelte Preisgabe des Gemäldes weiterhin verschweigen will. Peter Raue, als Anwalt selbst in zahlreichen Restitutionsverfahren tätig, urteilte damals im Tagesspiegel unter Anspielung auf die von Kultursenator Thomas Flierl hochgehaltenen Washingtoner Prinzipien, diese Rückgabe sei „nicht fair und nicht gerecht“. Das ist nun nicht mehr zu ändern, und so fehlt ausgerechnet im Brücke-Museum eines der Berliner Straßenbilder von Kirchner (immerhin ist der „Potsdamer Platz“ von 1914 stolzer Besitz der Nationalgalerie).

Aber das soll den Blick nicht verstellen auf die Vielzahl der Zeichnungen in Bleistift oder Feder, die Kirchner und Konsorten gerade 1913 aufs Papier geworfen haben. Es war eine glückliche Idee, die Ausstellung nicht mit einem konventionellen Katalog, sondern einer „Zeitung“ in expressivem Design zu begleiten. Die 32 Seiten sind randvoll mit Gedichten und Zitaten aus jenem Jahr, mit zeitgenössischen Fotografien und Abbildungen der ausgestellten Kunstwerke. Mitgearbeitet hat Florian Illies, der gerade den zweiten Band seiner romanhaften Anthologie „1913“ vorgelegt hat und wohl über einen der bestgefüllten Zettelkästen zu dem Jahr und seinen kulturellen Hervorbringungen verfügt. Also, nach zuletzt Jahren der Agonie ist das Brücke-Museum auf gutem Wege.

Brücke-Museum, Bussardsteig 9 (Dahlem), bis 2. Dezember. Zeitung 4,50 €.

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