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Als Hintergrund 30 Wolfsleiber an Fleischerhaken: Rosie Aldridge und Samuel Hasselhorn in „Das kalte Herz“.

© Bernd uhlig

„Das kalte Herz“ an der Berliner Staatsoper: Stein oder nicht Stein

Matthias Pintscher erkundet beherzt den deutschen Wald und die deutsche Seele: Dennoch ist es schwer, sich für die Uraufführung seiner neuen Oper zu erwärmen.

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Während die Berliner Philharmoniker vor wenigen Tagen mit Schumanns Frühlingssymphonie den Winter mal eben wegmusiziert haben, geht die Berliner Staatsoper jetzt den umgekehrten Weg und wirft sich mit voller Wucht in die Jahreszeit: In der Uraufführung „Das kalte Herz“ von Komponist Matthias Pintscher ist alles Frost und Furcht. Pintscher hat seit 2019 an dieser Oper gearbeitet und dirigiert bei der Premiere selbst.

Als Kind muss er sehr ergriffen gewesen sein von Wilhelm Hauffs gleichnamigem Märchen und von einer realen Wanderung durch den Schwarzwald während der Donaueschinger Musiktage, wie er erzählt. Nicht ergriffen genug allerdings, um die Vorlage tatsächlich in ihrer originalen Gestalt umzusetzen. Fairerweise muss man sagen, dass das vielleicht auch ganz gut so ist.

Endlich keine Gefühle mehr!

Hauff, der 1827 tragisch mit 25 an Typhus gestorben ist, setzt sich in seinem Kunstmärchen in Friedrich Engelsscher Manier mit der beginnenden Industrialisierung auseinander und erzählt, allerdings arg plakativ, dass es die Hauptfigur Peter erst dann zu Reichtum und Wohlstand bringt, als ihm der Holländer-Michel sein Herz entnimmt und durch eines aus Stein ersetzt. Endlich keine Gefühle und kein Mitleid mehr!

Davon hat es kaum etwas in Pintschers Oper geschafft, im Grunde gerade mal der Name Peter (seine Frau Lisbeth wird hier, kaum weniger plakativ, zu Clara, die „Klarsehende“) und das Motiv der Herzentnahme. Hauff benötigt für diesen Vorgang einen Satz, Pintscher komponiert 90 Minuten auf den Moment hin. Er und Texter Daniel Arkadij Gerzenberg haben zahlreiche neue Figuren geschaffen oder vorhandene aufgewertet, es ist eine Frauenoper mit Peter als Gegengewicht geworden.

Komponist Matthias Pintscher mit Librettist Daniel Arkadij Gerzenberg, Foto: Maximilian Semlinger
Das passende Setting fürs Shooting: Komponist Matthias Pintscher mit Librettist Daniel Arkadij Gerzenberg.

© Maximilian Semlinger

Bei Hauff liegen die ökonomischen Gründe ziemlich offen zutage, warum Peter ein Herz aus Stein haben will. Hier erschließt es sich nicht so leicht. Er hat irgendein Problem, einen Weltschmerz, der Arme leidet. Samuel Hasselhorn schlägt sich stimmlich ganz tapfer, vor allem während einer längeren a cappella-Passage gegen Ende hin. Die Herausforderungen sind groß, so legt er etwa mitten im Vokal „a“ von „Nacht“ einen Sprung um mindestens eine None hin. Freundin Clara (Sophia Burgos) kann Peter nicht helfen, nur mittels eines Lohengrin-Zitats kommuniziert er mit ihr: „Nie sollst du mich befragen“ – der Wagner-Dirigent Pintscher will damit offenbar die Mystik, das Geheimnisvolle der Figur steigern.

Die Mutter (Katarina Bradic), in Hauffs Märchen kaum mehr als ein flüchtig erwähnter Schatten, ist hier plötzlich handlungstreibende Figur, sie drängt auf die Entnahme des Herzens ihres Sohnes – warum, wird nicht ganz klar, aber sicher nicht, um ihm zur Ruhe zu verhelfen. Zwei weitere hebräische und ägyptische Gottheiten treten auf, jetzt haben wir das Ursprungsmärchen wirklich komplett hinter uns gelassen: Azaël (Sunnyi Melles in einer demonstrativ grotesken Sprechrolle) und Anubis, die hier statt des Holländer-Michels Peters Herz entnimmt. Ihr Auftritt ist musikalisch wie szenisch wohl als Höhepunkt des Stücks angelegt, Rosie Aldridge auch zweifellos die Sängerin mit der meisten stimmlichen Präsenz und Überzeugungskraft an diesem Abend.

Matthias Pintscher, der seit langem in New York lebt, erklärt, diese Oper sei für ihn auch eine Rückkehr in seine deutsche Muttersprache. Kompositorisch habe er noch nie zu so einem „breiten Pinsel“ gegriffen wie hier. Als Hörer nimmt man vor allem eine Musik wahr, die nicht entwicklungs- und melodiegetragen ist, sondern aus lauter akustischen Augenblicken, Ereignissen besteht, häufig vom großen Schlagwerk intoniert.

Dennoch gibt es Ansätze zu einer Wagnerschen Leitmotivik, manche Motive kehren wieder. Irrlichternde Geigenstriche erklingen, gegen Ende ein wunderschönes, einsames Fagott. Generell liegt aber eine Atmosphäre der Beklemmung und Angst, des Eingefroren-Seins über dem Ganzen, von Regisseur James Darrah Black seltsamerweise in eine Kulisse aus rund 30 an Fleischerhaken hängenden Wolfsleibern gekleidet.

„Das kalte Herz“ ist kaum darauf angelegt, ein Liebling beim Publikum zu werden, sondern dürfte vor allem für seinen Komponisten eine tolle Erfahrung gewesen sein. Das Ende ist auch nicht wirklich gelungen, Peter ist jetzt also gefühllos, wie geht es mit ihm weiter? Wirklich wissen will man es nicht, dazu kommt einem die Figur im Laufe dieser zwei Stunden nicht nahe genug. Toll allerdings, dass diese Form von neuester Musik trotz ihres wenig gefälligen Stoffs auf ein interessiertes, den Saal komplett ausfüllendes Publikum trifft.

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