Debütroman von Michel Decar : Der Rest ist Tanzen

Sommer 1988: Michael Decars „Tausend deutsche Diskotheken“ ist ein großer Pop-Roman, der eine gerade erst historisch gewordenen Vergangenheit feiert.

Material Girl. Madonna zeigt sich 1990 beim Dortmunder Konzert ihrer „Blond Ambition World Tour“ im Bustier des Designers Jean Paul Gaultier.
Material Girl. Madonna zeigt sich 1990 beim Dortmunder Konzert ihrer „Blond Ambition World Tour“ im Bustier des Designers Jean...Foto: Franz-Peter Tschauner/dpa

Die alte Bundesrepublik, die wie die DDR nach 1989 untergegangen ist, glich den damals beliebten Kleidern mit Schulterpolstern. Statt eines Zentrums besaß dieser Staat bloß ein Hauptstädtchen namens Bonn, stets bemühte es sich, größer und bedeutsamer zu wirken, als es eigentlich war. In der Aufschneiderei verbarg sich ein Minderwertigkeitskomplex und mehr noch die Angst vor dem baldigen Untergang, ausgelöst durch das Betätigen eines roten Knopfes, durch havarierende Kernkraftwerke oder einmarschierende Russen. Denn einmal musste doch Schluss sein mit dem fröhlich-klammen Dasein im Provisorium.

Der Held von Michel Decars Roman „Tausend deutsche Diskotheken“ befindet sich in einer ausweglosen Lage. Kurz davor, die womöglich größte Verschwörung der deutschen Geschichte aufzudecken, arbeitet er sich in seinem zucchinigrünen Opel Admiral von München aus über Augsburg und Stuttgart, Mainz und Wiesbaden, zwei Landeshauptstädten, die so nahe beieinanderliegen, dass er Angst hat, sie würden „wie Supernovas aufeinanderprallen und verglühen“, immer weiter in den Norden hinauf. Und in die Paranoia. Die Autobahn, die ein Gefühl von Aufbruch und Weite verheißen könnte, wird ihm bald zu eng. „Ich hatte mich grundlos verzettelt, grundlos verlaufen, war Gefangener der BRD“, lautet sein Resümee. Man muss wissen, dass der Mann kaum noch schläft und sich hauptsächlich von Bacardi Cola und Marlboro Menthol ernährt.

Frankie ist ein Privatdetektiv vom Typus stolzer Verlierer. Seine Hemdsärmeligkeit erinnert an Jakob Arjounis deutsch-türkischen Ermittler Kemal Kayankaya und an Brenner, den zerknautschten Protagonisten der – uups, „jetzt ist schon wieder etwas passiert“ – Krimis von Wolf Haas. Nur dass es ihm an deren Intelligenz mangelt, nicht bloß der kriminalistischen. Seine Freundin, die in der Personalabteilung von Siemens arbeitet, verliert er an einen „FDP-Tennis-Typen“. Zeigt sich in Frankies fahriger, wenig vertrauenswürdiger Ich-Erzählung eine Schlitzohrigkeit, mit der er nicht bloß den Beamten, der ihn offenbar verhört, sondern auch den Leser leimen möchte?

Decar wurde mit dem Theaterstück „Philipp Lahm“ bekannt

Passiert ist Folgendes. Ein Klient namens Mauke, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbahn, wird erpresst. Der Erpresser hat ihn an einem späten Samstagabend aus einer Tanzbar oder Diskothek angerufen, im Hintergrund lief „White Heat“, ein nicht so bekannter Song von Madonna. Frankie soll herausfinden, wer der Anrufer war.

Michel Decar, der in Berlin lebt und mit seinem Theaterstück „Philipp Lahm“ bekannt wurde, ist 1987 geboren worden, ein Jahr bevor sein Debütroman spielt. Er schickt seinen Helden auf eine sentimentale Reise durch die frühe Helmut-Kohl-Ära, eine Zeit, in der sich kritische Geister noch von ihren Freundinnen trennten, weil sie die „FAZ“ lasen, und es einer Sensation nahekam, dass es in dem vor der Einführung stehenden Hochgeschwindigkeitszug ICE keine Speisewagen, sondern Bordrestaurants geben sollte. Als Mauke verhaftet wird, glaubt Frankie sich einem Komplott auf der Spur. Womöglich sitzt an der Spitze des Staatsbetriebs Bundesbahn ein DDR-Agent.

„White Heat“ steht für Weißglut. Aber dem gleichnamigen Titel aus Madonnas Album „True Blue“ fehlt zum Dancefloor-Kracher das Feuer. „Meinst du vielleicht ,Material Girl‘?“, wird Frankie in der Münchner Disco Jackie O. vom DJ gefragt, im Crash haben sie die ganze Nacht nur Fleetwood Mac gespielt, im Aquarius bleiben seine Recherchen genauso ergebnislos wie im Titanic City, Confetti, Sunset, Rollpalast oder Jee Bee. Frankie muss seine Feldforschung ausweiten, zusammen mit seinem in der Philosophischen Fakultät hängengebliebenen Adlatus Wetterstein, den er als „studentische Hilfskraft“ vorstellt. In Mainz heißen die Clubs La Bastille, Treffpunkt Pop Club und Flair, abgehakt werden auch berühmte Lokalitäten wie das Top Ten in St. Pauli oder der Ratinger Hof in Düsseldorf. Es ist, als ob die BRD anhand dieser Namen noch einmal neu kartografiert würde.

Der Erzähler schwelgt im Schauen und Staunen

„Tausend deutsche Diskotheken“ ist ein großer landeskundlicher Pop-Roman, der mit den Klischees des Hardboiled-Krimis spielt. Sprachlich gelingt Decar eine nahezu perfekte Mimikry, die Redewendungen, Diskurse und Hohlphrasen der achtziger Jahre erscheinen hier wie in Kunstharz eingegossen. Frankie „schmettert“ sich einen Espresso „rein“, findet manche Frauen „grande“, üppige Spesen bringen ihm „eine Menge Fun“. Und er versucht sich bei politischen Diskussionen „neue Perspektiven reinzuziehen“. Auf sein Geständnis „Ich liebe dich“ entgegnet die Herzensfrau: „Danke für die Info“.

Pop-Romane feiern die Gegenwart, in diesem Fall ist es die schweißfleckige Gegenwart einer gerade erst historisch gewordenen Vergangenheit. Der Erzähler schwelgt im Schauen und Staunen, im Budenzauber des Nachtlebens findet er seine Epiphanien.

„Um mich herum war der ganze Raum voller Haare und Haaransätze, Girls mit amerikanischen Augenaufschlägen, Girls in fleckigen Leggins, Girls mit Meinungen, Girls, die wippten und kippten. Unterleiber rieben gegeneinander, zirkulierten durch den Raum, die Räume, die Unendlichkeit. Von der Decke tropfte das Wasser.“ Dieser Text kann tanzen.

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Michael Decar: Tausend deutsche Diskotheken. Roman. Ullstein Verlag, Berlin 2018. 240 S., 20 €.

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