Der Aufbau Verlag wird 75. : Den Wurzeln verpflichtet

Man muss sein Herz an etwas hängen, das lohnt: Der Berliner Aufbau Verlag feiert seinen 75. Geburtstag.

Der Stand vom Aufbau Verlag 2015 auf der Buchmesse in Leipzig
Der Stand vom Aufbau Verlag 2015 auf der Buchmesse in LeipzigFoto: Jens Kalaene/dpa

Es ist stets ein gutes Zeichen, wenn man von einem Verlag, einem traditionsreichen zumal, so gar nichts hört – außer dass er eben seinem Kerngeschäft nachgeht und Bücher veröffentlicht.

Um den Berliner Aufbau Verlag, der an diesem Wochenende seinen 75. Geburtstag feiert, ist es also im positiven Sinn still geworden, spätestens seit Constanze Neumann 2017 die verlegerische Führung von Gunnar Cynybulk übernommen hat. Cynybulk hatte, als der Verlag 70 Jahre alt geworden war, von den zwei Säulen von Aufbau gesprochen: der Konzentration auf die Gegenwartsliteratur einerseits, davon „die Klassiker von morgen zu finden“, wie er es ausdrückte. Und der Tradition andererseits, für ihn die Aufbau-„Substanz“, die Bücher der Autoren des Exils, die Klassiker.

Neumann schließt daran konsequent an. So veröffentlicht der Aufbau Verlag in diesem Herbst beispielsweise Victor Klemperers Kinonotizen „Licht und Schatten“ oder ein Buch von Volker Weidermann über die Jahre von Anna Seghers im mexikanischen Exil.

Aber auch neue Romane von jungen Autorinnen wie Olga Grjasnowa oder Cemile Sahin. Die kleine Jubiläumsreihe passt ebenfalls ins Bild: hier Erzählungen von Philipp Winkler und Kristen Roupenian, dort unveröffentlichte Briefe von Hans Fallada an seine Kinder und ein Gespräch über Klaus Gysi, geführt von dessen Kindern Gabriele und Gregor.

Der einstige DDR-Kulturminister Klaus Gysi war es, der am 16. August 1945 mit Heinz Willmann und Kurt Wilhelm den Aufbau Verlag gründete, im Auftrag des „Kulturbunds zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“. Schnell wurde der Verlag in Ost-Berlin zur Anlaufstelle für zurückkehrende Emigranten. 

2008 musste der Verlag Insolvenz anmelden - und wurde gerettet

Hier erschien Anna Seghers’ „Das siebente Kreuz“, Bücher von Johannes R. Becher oder eine mit dem Suhrkamp Verlag abgesprochene Werkausgabe von Brecht; dazu Bücher von Gerhart Hauptmann, Ernst Niekisch oder Hans Fallada. Mit dessen Roman „Jeder stirbt für sich allein“ in der Originalfassung landete man 2011 einen mehr als veritablen Bestseller.

Mochte Thomas Mann Aufbau einmal als „Staatsverlag“ der DDR bezeichnet haben, so kam der Verlag doch häufig der offiziellen DDR-Kulturpolitik in die Quere. So 1956, im Jahr des Ungarn-Aufstands, als der damalige Verlagsleiter Walter Janka verhaftet und in einem Schauprozess verurteilt wurde und jahrelang hinter Bautzener Gittern verschwand.

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Oder 1976, als Aufbau-Autoren und -Autorinnen, darunter Sarah Kirsch und Christa Wolf, gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann protestierten. Unter der Zensur stetig leidend, brachte Aufbau wohledierte Klassikerausgaben heraus, verlegte Titel aus dem Westen, veröffentlichte Unbequemes, Regimekritisches aus der DDR, Bücher von Irmtraud Morgner, Elke Erb oder in einer besonderen, sogenannten Anderen Reihe solche von Bert Papenfuß, Peter Brasch und Jan Faktor.

Nach der Wende geriet Aufbau in schwerste Turbulenzen. 1991 wurde der Verlag von dem Frankfurter Immobilienmakler Bernd F. Lunkewitz gekauft. Dieser war ein durchaus engagierter Verleger, so engagiert, dass er jahrelang auch gegen die Treuhand und die Bundesregierung prozessierte, weil die Treuhand ihm den Verlag wohl widerrechtlich verkauft hatte.

Nach dem Ausstieg von Lunkewitz musste der Verlag 2008 Insolvenz anmelden. Es folgte mit Matthias Koch ein neuer Investor, der die Aufbau Verlagsgruppe schließlich durch die Insolvenz führte.

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Koch siedelte den Verlag in seinem „Kreativhaus“ am Moritzplatz an, und in Folge gab es nur noch übliche, nicht an die Existenz gehende, in den Griff zu bekommende Probleme: die Demission von Cynybulk, der zu Ullstein wechselte, oder das Einstellen eines Sub-Labels wie Metrolit, das leider nicht erfolgreich genug war. Ansonsten gilt für den Aufbau Verlag, der zur Zeit so schön in Ruhe arbeitet, eine von Hans Fallada stammende Devise, mit der das Jubiläumsprogramm überschrieben ist: „Man muss sein Herz an etwas hängen, das es verlohnt.“

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