Der Erfinder des "Sams" : Paul Maars Kindheitsbuch "Wie alles kam"

Erinnerungen sind wie Pfützen nach einem Starkregen: Mit „Wie alles kam“ hat der „Sams“-Autor Paul Maar seinen eigenen, wunderbaren Kindheitsroman geschrieben.

Der "Sams"-Erfinder und Kinderbuchautor Paul Maar, 82
Der "Sams"-Erfinder und Kinderbuchautor Paul Maar, 82Marcel Domeier/S.Fischer Verlag

Es dürfte eine reine Vorsichtsmaßnahme sein, wenn der allseits geschätzte Kinderbuch- und Theaterautor Paul Maar die Autobiografie seiner Kindheit als Roman bezeichnet. Maar, der 1937 in Schweinfurt geboren wurde, weiß um die Unzuverlässigkeit seiner eigenen Erinnerungen, um das Lückenhafte daran. Weshalb er das gleich zu Beginn seines Buchs „Wie alles kam“ (S. Fischer, Frankfurt/Main 2020. 302 S., 22 €.)thematisiert.

Er spricht davon, dass Erinnerungen keinen großen Fluss bilden, peu à peu nie zu einem breiten Strom werden würden, sondern sie vielmehr „verstreute große und kleine Pfützen nach einem Starkregen“ seien. „Schafft man es, mit einem Stock eine Furche zu einer benachbarten Pfütze in die feuchte Erde zu ziehen, verbindet sich der Inhalt der einen mit der anderen zu einer starken Erinnerung. Die meisten Pfützen bleiben aber isoliert.“

Sein Buch folgt demnach zunächst keiner stringenten Chronologie, gerade während der ersten Hälfte. Erst im letzten Drittel mündet es relativ zielgerichtet in Maars Jugendzeit. Da erzählt er schließlich davon, wie er seine Frau Nele kennenlernt oder er eine Italienreise mit zwei Freunden macht, eine richtiggehende Bildungsreise nach Rom und Florenz, und zwar mit dem Fahrrad.

Ja, und da erzählt er auch, wie er zu seiner rothaarigblaugepunkteten „Sams“-Figur gekommen ist, die ihn als Kinderbuchautor so berühmt gemacht hat. Selbst seiner im hohen Alter an Demenz leidenden Frau widmet Maar ein anrührendes, seltsam aus dem Buch herausragendes Kapitel.

Maar wächst in Schweinfurt und Obertheres auf

Im Zentrum jedoch stehen Kindheit und frühe Jugend; die Ereignisse, an die Maar sich sehr präzise erinnern kann, wie es den Anschein hat, vor allem die Familien, in denen er groß geworden ist: die Familie seiner Mutter, die nicht seine leibliche ist, und die seines Vaters. Namentlich Oma Kuni und Opa Schorsch, die Eltern seiner Mutter, sowie Oma Rethel und Opa Paulus, die Eltern seines Vaters.

Paul Maars leibliche Mutter stirbt im Kindbett, an einer Brustentzündung, die der behandelnde Arzt verharmlost, da ist der kleine Paul gerade sieben Wochen alt. Sein Vater heiratet ein zweites Mal, und so, wie Paul Maar sich seiner Kindheit in „Wie alles kam“ erinnert, ist diese einerseits eine schon auch behütete, andererseits ist sie entscheidend vom Krieg und den kargen Nachkriegsjahren geprägt.

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Der Vater ist bei der Marine und kommt in Kriegsgefangenschaft, seinen Sohn sieht er erst zwei Jahre nach Kriegsende wieder. Paul ist bei dessen Rückkehr schon fast zehn Jahre alt. Und weil die alliierten Bombenangriffe von 1943 an auch auf Schweinfurt immer stärker werden – sehr eindrücklich beschreibt Maar die sogenannten Christbäume und die zwei, drei Minuten später fallenden Bomben –, ziehen Paul und seine Mutter zusammen mit Großmutter Rethel schließlich zu den Eltern der Mutter aufs Land, nach Obertheres, einem Dorf in Unterfranken.

Hier müssen die Omas sich aneinander gewöhnen, hier kommt Paul in die Schule, hier blüht nach dem Krieg der Tauschhandel, auch bei den Kindern: Paul tauscht ein goldenes Feuerzeug, das er selbst im Tausch erworben hatte, gegen einen Nachmittag mit einem Hund.

Wie Maar das alles schildert, das ist mitunter heiter, oft berührend, in einer gleichermaßen klaren wie farbigen Prosa gehalten. Am beeindruckendsten ist, dass man bei der Lektüre nie den Eindruck hat, dass „Wie alles kam“ von einem über achtzig Jahre alten Autor erzählt wird. Viele dieser zum Teil großartigen Miniaturen lesen sich, als würde hier ein Kind, ein Jugendlicher aus seinem Leben berichten und wie nebenher die deutsche Provinz in den späten Kriegsjahren und den fünfziger Jahren porträtieren. 

Es ist ein enges, behaglich wirkendes Milieu, dem er entstammt, eine Gesellschaft, die nicht zuletzt vom Nazismus durchdrungen gewesen sein dürfte, wie man eher am Rande erfährt (der Vater äußert sich einmal antisemitisch) und die vom Holocaust nichts zu wissen scheint.

Vom Vater gab es viel Prügel

In der Perspektive des Kindes wirkt alles nicht so arg niederschmetternd, nicht die Bombenangriffserfahrungen, nicht die Hänseleien und Prügel der Mitschüler, nicht die Schläge durch den Vater, überhaupt das schwierige Verhältnis zu diesem nach dessen Rückkehr aus dem Krieg und dem erneuten Umzug zurück in das Schweinfurter Haus.

„Wie alles kam“ ist im Kern eine lebenslang komplizierte Geschichte zwischen Vater und Sohn, ein Buch über den Vater, über dessen langen Schatten. Darüber, warum dieser gerade mit dem älter werdenden Paul nicht zurechtkam und umgekehrt: „Der einzige Weg für ihn, Nähe herzustellen, war, mich zu schlagen“.

Für Edmund Maar blieb dieser Erstgeborene „der ungeratene Sohn, der so gar nicht seinen Vorstellungen von einem drahtigen, sportbegeisterten Jungen entsprach, sondern mit Brille auf der Nase und krummem Rücken verweichlicht im Sessel lümmelte, ein Buch in der Hand“.

Paul Maar schildert schon sehr früh im Buch, wie er noch im Alter kindliche Verhaltensweisen an den Tag legt, wie er versucht, den Schein zu wahren, artig zu sein, wie er oft unnötigerweise ein schlechtes Gewissen hat, nur um den Unwillen des Vaters nicht auf sich zu lenken. Wie er aber auch glaubt, seinen Teil zu dessen Ablehnung beigetragen zu haben.

Züge eines Bildungsromans

Der Vater taucht in diesem Kindheitsroman noch kurz vor seinem Tod auf, im Alter von 92 Jahren. Selbst im Pflegeheim will er seinem Sohn noch beweisen, dass er kein „Tattergreis“ ist. Es ist dann aber auch der Vater, dem der Sohn über einen Umweg das Sams verdankt. Weil sein Malerbetrieb in den fünfziger und sechziger Jahren auf über dreißig Mitarbeiter anwächst und er die Büroarbeit alleine nicht mehr schafft, stellt der Vater einen gewissen Herrn Wenner dafür ein, einen kleinen, unauffälligen Mann mit schütterem Haar, den eine Aura „von unausgesprochener Traurigkeit und Melancholie umgab“.

Der Vater geht mit diesem Mann nicht gut um, und für den jungen Paul ist Herr Wenner ein warnendes Beispiel, dem er gern zu mehr Enthusiasmus und Selbstbewusstsein verholfen hätte, auch in eigener Sache. Erst als er erwachsen geworden ist, erste Erfahrungen als Autor und Illustrator macht, gelingt es ihm, diesem Wenner, der vermutlich das Vorbild für den fiktiven Herrn Taschenbier ist, eine Figur zur Seite zu stellen, die all das im Übermaß verkörpert, „Lebensfreude, Witz, Mut, Selbstsicherheit und eine große Portion Frechheit“.

So trägt „Wie es kam“, wie es der Titel verspricht, nicht zuletzt viele Züge eines Bildungsromans. Gut möglich, dass man vor dem Hintergrund dieser so dezenten, hinreißenden Kindheits- und Jugenderinnerungen von Paul Maar die „Sams“ -Reihe noch einmal ganz anders liest.

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