Der Holocaust in der Geschichtsschreibung : Keiner wollte es wissen

Raul Hilbergs "Vernichtung der europäischen Juden" ist bis heute das Standardwerk zum Holocaust. Jetzt weiß man: Seine verspätete Veröffentlichung in Deutschland war ein Skandal.

Raul Hilberg (1926-2007)
Raul Hilberg (1926-2007)Foto: Reuters

Die deutsche NS-Vergangenheit ist immer für Aufregung gut. Das liegt in der Natur der Sache. Die Nazi-Verbrechen sind zu umfassend, als dass sich das Erschrecken darüber legen könnte, und ausgeforscht sind sie noch lange nicht. Eine der wichtigsten Veröffentlichungen zum Kernbereich der NS-Verbrechen liegt freilich schon lange zurück. Es handelt sich um „Die Vernichtung der europäischen Juden“ des amerikanischen Historikers Raul Hilberg (1926–2017). In Deutschland ist das mehrbändige Werk spät erschienen, erst 1982; in den USA lag es bereits 1961 vor. Und selbst dort kam es verspätet an die Öffentlichkeit, denn abgeschlossen hatte Hilberg sein – von da an fortlaufend aktualisiertes – Buch bereits 1955. Es ist die bis heute unübertroffene Gesamtdarstellung des NS-Völkermords, mit den Namen aller je bekannt gewordenen Täter, nüchtern und sachlich, soweit dies bei diesem Gegenstand überhaupt möglich ist.

Warum das Buch in Deutschland so spät erschien, ist freilich kein Zufall des Buchmarktes, sondern ein veritabler Skandal. Götz Aly, der Außenseiter-Historiker und Verfasser zahlreicher Bücher zur Nazi-Zeit (zuletzt „Europa gegen die Juden“, 2017), ist auf Gutachten aus dem Institut für Zeitgeschichte (IfZ) gestoßen, in denen von der Übersetzung von Hilbergs Buch abgeraten wird. So kam es weder 1964 noch 1980 zur Veröffentlichung in jeweils renommierten Verlagen. Erst ein Berliner Kleinverlag wagte sich an das Buch und machte es 1982 der Fachwelt bekannt, und auch dann dauerte es nochmals acht Jahre, bis eine erschwingliche Taschenbuchausgabe erschien.

So inszeniert man Kampagnen

Götz Aly (70), jahrelang als Journalist tätig, ist bestens vernetzt. Den Vortrag zu den Versäumnissen des in München ansässigen IfZ, den er am Mittwoch auf einer hochkarätig besetzten Fachtagung der Friedrich-Ebert-Stiftung zu Raul Hilberg hielt, gab er zuvor bereits (gekürzt) der „Süddeutschen Zeitung“ zum Abdruck, und noch davor wartete der „Spiegel“ mit der Geschichte auf. In der „Berliner Zeitung“, für die Aly als Autor tätig ist, erschien am Donnerstag ein entsprechender Artikel des Feuilleton-Chefs. So inszeniert man Kampagnen.

In der Sache selbst traf Aly einen wunden Punkt. Denn die Gutachten des Instituts mäkeln in einer Weise an Hilbergs Buch herum, die Alys Verdacht, hier sei es um die „Verteidigung des eigenen wissenschaftlichen Stammesgebiets und der Deutungshoheit gegen bessere, als Konkurrenten wahrgenommene Kollegen“ gegangen, plausibel macht. Hinzu kommt, dass die Gutachter im ersten Fall auf – so Aly – „bald erscheinende deutsche Arbeiten“ verweisen, im anderen „aus der zweiten Reihe des Instituts“ („Spiegel“) stammten. Jedenfalls rückten sowohl Droemer Knaur als auch C.H. Beck von ihren Publikationsplänen ab.

Zwischendurch lehnte auch der Rowohlt Verlag eine ihm angetragene Veröffentlichung ab, während er gleichzeitig Bücher über Mao oder Che Guevara veröffentlichte. Gerade das verweist auf die eigentliche Qualität der vertrackten Publikationsgeschichte: die der Verdrängung. Sie gilt für das IfZ wie insgesamt für die Nachkriegszeit, mindestens bis zur Fernsehserie „Holocaust“ von 1979. Die Deutschen wollten von den Verbrechen nicht wirklich Kenntnis nehmen. Schon das IfZ-Gutachten von 1964 behauptete, dass „die wesentlichsten, wenn auch nicht alle Fakten über die Endlösung dem deutschen Publikum vertraut“ seien. Das war nun geradezu grotesk. Erst Ende 1963 hatte der Auschwitz-Prozess begonnen, der nach und nach die furchtbaren Einzelheiten der Vernichtung offenlegte.

Die Mystifizierung der Vergangenheit

Hinzu kommt, dass etliche Historiker – nicht nur im IfZ – NS-belastet waren, als Parteimitglieder, Mitläufer, andere sogar in durchaus verantwortlichen Stellungen. „Wie die meisten Angehörigen der vom Nationalsozialismus geprägten, in Schuld und Tabus befangenen Deutschen“ – so Aly – „mystifizierten eben auch die Historiker die Vergangenheit.“ Und: „Sie standen exemplarisch für den damals vorherrschenden Geisteszustand der deutschen Gesellschaft“ – einschließlich, wie Aly bei der Berliner Tagung betonte, der politischen Linken. Ulrich Herbert, der renommierte Freiburger Zeithistoriker, sprang Aly darin bei: Auch in anderen Ländern, sogar in Israel, wurde nicht vorrangig zur Praxis des Holocaust geforscht; immer sei es darum gegangen, „Strukturen zu analysieren“.

Namens des IfZ antwortete dessen stellvertretender Direktor, Magnus Brechtken – Autor einer jüngst erschienenen Biografie Albert Speers –, in gebotener Sachlichkeit, dass das Archiv des Instituts jedem Forscher offen stehe und das IfZ selbst seine Geschichte aufarbeiten werde. Apropos: Das IfZ wurde 1949 gegründet, um – so die Selbstauskunft – „als erstes Institut überhaupt die nationalsozialistische Diktatur wissenschaftlich zu erschließen“.

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