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Neun Etagen ragt der Turm über dem einstigen Eisenbahn-Ausbesserungswerk in die Höhe.
© AFP/Pascal Guyot

Spektakuläres neues Museum: Der Turmbau zu Arles

Architektenstar Frank Gehry hat in der Provence einen kulturellen Leuchtturm geschaffen. Von der Aussichtsplattform kann man bis zum Mittelmeer schauen.

Etwas unvermittelt ragt neben der Nationalstraße aus Richtung Marseille ein Turm in die Höhe. Man macht ihn im Einerlei von Logistik-Zentren und Etappenhotels erst gar nicht aus, dann aber zieht er glitzernd und glänzend alle Aufmerksamkeit auf sich.

Die südfranzösische Stadt Arles hat ein neues Wahrzeichen: den 56 Meter hohen Bau, den der kanadisch-kalifornische Architekt Frank Gehry für die Kunststiftung Luma am Computer ersonnen hat.

Bilbao verdankt dem Museum von Gehry seinen Kulturturismus

Der Name Gehry ist untrennbar mit dem „Bilbao-Effekt“ verbunden – seit der mittlerweile 92-jährige Architekt in den 1990er Jahren einen Ableger des New Yorker Guggenheim Museums in die danieder liegende nordspanische Stadt gezaubert hat.

1997 eröffnet, hält die Anziehungskraft dieses in glänzend-metallisches Titan gekleideten Bauwerks bis heute an und hat aus der vormaligen Industrie- und Hafenstadt eine Kultur-„Destination“ gemacht. Seinen heutigen Wohlstand, von der durchdesignten U-Bahn bis zu den eleganten Flussbrücken verdankt Bilbao allein dem Kulturtourismus à la Gehry.

Dass in Arles etwas Ähnliches bezweckt wird, weist die Schweizer Mäzenin Maja Hoffmann weit von sich. Sie hat den gerüchteweise 150 Millionen Euro teuren Turm von Arles aus ihrem milliardenschweren Erbteil am Basler Pharma-Riesen Hoffman-La Roche bezahlt.

In der Tat haben Hoffmann und ihr ökologisch ausgerichteter Ehemann schon seit Jahrzehnten die Erhaltung und Pflege etwa der nahen Camargue mitbewirkt. Nun soll es also die Kultur richten – denn Luma, gebildet aus den Anfangsbuchstaben der beiden Hoffmann-Kinder –, soll kein bloßer Sammelplatz für großvolumige Kunst sein, sondern selbst durch Forschung und Experiment zu neuen, umweltverträglichen Techniken beitragen, nicht zuletzt in der Kunst selbst.

Seit der spektakulären Eröffnung des Gehry-Bauwerks reißt der Strom der Aficionados aus aller Welt nicht ab, die sich durch den Turm und die umliegenden Hallen auf dem elf Hektar großen ehemaligen Gelände für Eisenbahnunterhalt führen lassen.

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Jede volle Stunde hebt das Personal zu singen an: Tino Sehgal hat seine beliebte Performance ein weiteres Mal „ortsspezifisch“ untergebracht. Etwas enttäuscht nehmen die Besucher zur Kenntnis, dass Gehrys verdreht-verkanteter, mit einer Art metallener Kästen scheinbar zusammengesteckter und aus einer gläsernen Trommel herauswachsender Turm nur das Eingangsmonument ist, nicht aber das Schatzhaus der Kunst selbst.

Die nämlich ist auf die von der New Yorker Society-Designerin Annabelle Selldorf angenehm zurückhaltend renovierten Werkshallen verteilt, wie auch auf eine stützenfreie Rechteckhalle, die ihr Vorbild wohl in den entlang der Landstraße abgestellten Logistik-Schachteln hat.

Spaßbadrutschen schlängeln sich von der zweiten Etage hinunter

Die Kunst ist die, die man in den vergangenen Jahren in den global agierenden Galerien und demzufolge auf allen denkbaren Event-Ausstellungen hat sehen können. Ein besonderes Faible hat die Mäzenin für die Gebrauchskunst der bunt bezogenen Sofas auf dürren Baustahlbeinchen von Franz West, ferner für die Küchendeko von Rirkrit Tiravanija, der für das Café einen Wandteppich mit dem Motiv abgestorbener Sonnenblumen aus selbstverständlich lokal erzeugter Wolle hat weben lassen, und natürlich die Spaßbadrutschen von Carsten Höller, die sich von der zweiten Etage des Turms als Doppel-Helix hinunterschlängeln.r, die sich von der zweiten Etage des Turms als Doppel-Helix hinunterschlängeln.

Da sieht man erwachsene Sammler andächtig die korrekte Rückenlage beim Rutschen erproben, als seien sie Fünfjährige auf dem Spielplatz. Als Berliner erinnert man sich voller Nostalgie, dass der Prototyp des heutigen Höller'schen Exportschlagers einst in den „Kunstwerken“ in der Auguststraße montiert war.

Der Turm! Gehry war einer der allerersten, der die Möglichkeiten des Computers sowohl beim Entwerfen geometrisch „unmöglicher“, mehrfach gebogener Flächen als auch beim Herstellen der dazu nötigen Einzelteile erkannt hat und seither unablässig verfeinert.

Wie es ihm gelingt, in einen dem Prinzip, aber auch nur dem Prinzip nach zylindrischen Turm eine Doppelspindeltreppe, mehrere Aufzugsschächte, diverse Plattformen und Verbindungsstege, dazu Resträume etwa für Toiletten unterzubringen und das Ganze dann noch mit 11.000 Edelmetallschachteln wortwörtlich zu verkleiden, bleibt sein Geheimnis.

[Geöffnet täglich 10 – 19.30 Uhr, Eintritt frei]

Der Clou der Anlage aber ist eine Aussichtsplattform im neunten Obergeschoss, von ihr aus man bis zum Mittelmeer gucken kann. Dass Menschen gerne von oben herab gucken, sichert bereits Gehrys Großbau der Fondation Louis Vuitton in Paris eine nie abreißende Besucherschar.

Den „Parc des Ateliers“, wie das Gelände insgesamt betitelt ist, hat der belgische Landschaftsarchitekt Bas Smets so gestaltet, dass er möglichst naturbelassen aussieht. Allein dem kritischen Auge, das sich nicht unentwegt von wogenden Gräsern und gekräuselten Teichen verzücken lässt, enthüllt sich der technische Aufwand – in Gestalt etwa von Bewässerungsleitungen –, der zur Erzeugung konstanter Naturschönheit vonnöten ist.

Andererseits: Alle Gärten, mal abgesehen vom biblischen Paradies als dessen Urtyp, sind das Erzeugnis menschlicher Tätigkeit. Und erst seit dem 19. Jahrhundert sollen sie so tun, als seien sie von allein entstanden.

Eine Schar von Denkern und die Edelgastronomie sollen Gäste anlocken

Nun hofft also Arles auf den Bilbao-Effekt. In allen Berichten von den opulenten Eröffnungsfeierlichkeiten war davon die Rede, wie arm und bedürftig dies Städtchen doch sei. Nun, es beherbergt immerhin seit Jahrzehnten das weltweit bedeutendste Fotografie-Festival der „Rencontres“, es gibt römische Altertümer – und die wohlhabenden Pariser werden als Feinde ausgemacht, die das pittoreske Stadtzentrum ferienwohnungsweise erobert haben.

Dass die Stilllegung des Bahn-Ausbesserungswerks ein schwerer Schlag für die Ökonomie des Ortes war, steht außer Frage, ebenso, dass dessen Umwandlung zum umweltfreundlichen Kunst-Kombinat an Arbeitsplätzen auch nicht ansatzweise gutmachen kann, was seinerzeit verloren ging. Da nützt auch die hochmögende Denkerschar um den ubiquitären Hans Ulrich Obrist nicht, deren Dienste sich die Mäzenin glaubte versichern zu müssen.

Andererseits dürfte die Edelgastronomie bei Luma nicht ausreichen, alle Bedürfnisse der todsicher anbrandenden Touristenwelle zu befriedigen. Da werden schon noch etliche Euro in der lokalen Wirtschaft von Arles hängenbleiben. Immerhin ist der Luma-Park weit genug vom historischen Stadtkern entfernt, um dessen Bild nicht zu verunstalten. Und in der Sonne, die in Südfrankreich noch immer in alter Zuverlässigkeit vom Himmel brennt, löst sich die Silhouette des Silberturmes womöglich auf, an der Grenze zur Fata Morgana. Und sehet, das Paradies ist nahe.

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