Deutsch-schottisches Theaterprojekt : Die Krauts sind sauer

Aber der Brexit bringt uns nicht auseinander: Im Theater an der Parkaue starten die deutsch-schottischen Projekte „1210 km“ und Schillers „Kabale und Liebe“. Sehenswert.

Schillerlocken. Musikertochter Luise Miller (Sophia Platz) liebt Ferdinand (Alexander von Säbel), den Sohn des Präsidenten.
Schillerlocken. Musikertochter Luise Miller (Sophia Platz) liebt Ferdinand (Alexander von Säbel), den Sohn des Präsidenten.Foto: Thomas Häntzschel/ Volkstheater Rostock

Am Ende tanzen die goldenen Sterne zu einer charmant-schrägen Version von Whitney Houstons „I will always love you“, und, ganz ehrlich, das ist ein trauriger Moment. Während im Theater an der Parkaue Jugendliche aus zwei (noch) europäischen Ländern eine Geschichte über das Kennenlernen, über Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten spielen, wird schließlich 651 Kilometer Luftlinie von Berlin und 783 Kilometer von Glasgow entfernt ein historischer Unfug namens Brexit verhandelt.

Die Folgen muss die junge Generation ausbaden, die hier versammelt ist, die sich in sportive Choreografien stürzt, von Wünschen und Hoffnungen erzählt und flache Witze übereinander reißt. „Wie nennt man einen wütenden Deutschen?“ Na, „Sauerkraut“. „Warum spielt ein Dudelsackspieler im Laufen?“ „Um dem Lärm zu entkommen.“

Fluide Identitäten

„1210 km – the space between us“ heißt die Koproduktion zwischen der Parkaue und „Junction 25“ sowie dem „Tramway arts center“ in Glasgow. Über den Zeitraum eines Jahres sind sich 29 Jugendliche aus Schottland und Deutschland digital und im Probenraum begegnet. In der Regie von Sarah Kramer, Rosie Reid Gudrun und Soley Sigurdardottir ist schließlich eine einstündige Performance entstanden, die sich ohne dozierenden Überbau in der Lebenswelt der Protagonistinnen und Protagonisten versenkt. Es wird (auf Deutsch und Englisch) aus den Briefen vorgelesen, die sie einander geschrieben haben, ein Quiz gespielt, bei dem es um die adäquate Übersetzung von Slang geht. So fängt er eben an, der Austausch.

Immer wieder treten Einzelne aus der Gruppe und erzählen von sich. Von fluiden Identitäten und Herkünften. Ein Mädchen mit kubanischem Vater ist dabei, ein Junge, der die ersten Lebensjahre in Ungarn verbracht hat. „Deutsch“ und „schottisch“ sind eben auch nur Label mit bedingter Beschreibungstauglichkeit. Das hat eine schöne Selbstverständlichkeit und lässt zumindest hoffen, dass sich noch viel mehr junge (und alte) Menschen vom Brexit nicht auseinander dividieren lassen.

Schnörkelose Schiller-Inszenierung

Apropos erzwungene Trennung. Eben die verhandelt auch Friedrich Schiller in seinem Drama „Kabale und Liebe“, das als zweite Premiere binnen zwei Tagen an der Parkaue herauskam – als Koproduktion mit dem Volkstheater Rostock, in der Regie von Kay Wuschek. Der bringt die Sturm-, Drang- und Suizid-Geschichte zunächst mal bemerkenswert schnörkellos auf die Bühne.

Die Musikertochter Luise Miller (Sophia Platz) liebt Ferdinand (Alexander von Säbel), den Sohn des Präsidenten von Walter, was sie ihm auch in überaus schönen Worten versichert: „Du hast den Feuerbrand in mein junges, friedsames Herz geworfen, und er wird nimmer, nimmer mehr gelöscht werden!“ Ferdinand erwidert die Gefühle der Bürgerlichen („Ich sehe durch deine Seele wie durch das klare Wasser eines Brillanten“), nur leider finden beider Väter die unstandesgemäße Liaison nicht so feiernswert. Präsident von Walter (Ulrich K. Müller), der um mehr Einfluss am Hofe ringt und überhaupt eine ziemlich eklige Macht-Schranze ist, will seinen Sprössling lieber mit der Mätresse des Herzogs, Lady Milford (Marie Ulbricht), vermählen.

Das Unglück nimmt seinen Lauf

Weil das aber auch nicht klappt, wird eine Intrige ersonnen: Luises Eltern (Ulf Perthel und Petra Gorr) werden aus vorgeschobenem Anlass verhaftet, die Tochter muss zu ihrer vermeintlichen Rettung einen gefakten Liebesbrief an den Hofmarschall von Kalb (Steffen Schreier) richten. Der wird Ferdinand zugespielt, und das Unglück nimmt seinen Lauf.

Es ist bei Schiller, siehe „Don Carlos“, ja nicht immer ganz leicht, im wirren Verkehr der betrügerischen Briefe den Überblick zu behalten. Wuschek aber schafft in seiner Inszenierung für Menschen ab 15 Klarheit. Im abstrakten Bühnenbild von Juan León, der mit hölzernen Schrägen, herunterfahrbaren Wänden und einem gekippten Flügel arbeitet, wird der eigenwillige Schiller-Sound verständlich, entfaltet die Geschichte um Machtmissbrauch, Unterdrückung und den Kampf um Autonomie ihre Wirkung. Ohne dass Wuschek, der Intendant der Parkaue, sie allzu gewaltsam aktualisieren müsste.

Klassiker für junge Generation

Sicher, in einer Szene begegnen sich beispielsweise Luise und Ferdinand – toll gespielt von Platz und von Säbel! – zu einer umnebelten und kräftig beleuchteten Elektro-Version von „Sweet Dreams“. Aber das steht im Dienste des Anliegens, einen Klassiker für die junge Generation erstmal zu erschließen – statt ihn gleich umgedeutet vorzustellen. Pathos, überhaupt Sturm und Drang bleiben schließlich anschlussfähig. Das beweist die Ruhe im pubertierenden Publikum. Etwa, wenn der getäuschte Ferdinand vors Mikro tritt und fragt: „Ist diese Stunde bestimmt, mich ganz zu zerschmettern?“

Programminfos: www.parkaue.de

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