• Deutscher Filmpreis 2020: "Systemsprenger" und "Berlin Alexanderplatz" sammeln die meisten Nominierungen

Deutscher Filmpreis 2020 : "Systemsprenger" und "Berlin Alexanderplatz" sammeln die meisten Nominierungen

Die Auswahl der Mitglieder der Deutschen Filmakademie ist weitgehend vorhersehbar. Sie bildet aber nicht die Bandbreite des Kinojahrgangs ab.

Helena Zengel hat gute Aussichten, für ihren furiosen Auftritt in "Systemsprenger" mit der Lola belohnt zu werden.
Helena Zengel hat gute Aussichten, für ihren furiosen Auftritt in "Systemsprenger" mit der Lola belohnt zu werden.Foto: Kineo/Weydemann Bros.

Burhan Qurbanis "Berlin Alexanderplatz" und Nora Fingscheidts "Systemsprenger" führen das Nominiertenfeld für den deutschen Filmpreis an, der am 24. April in Berlin verliehen wird. Ob vor Publikum oder unter Ausschluss der Öffentlichkeit, das ließen Kulturstaatsministerin Monika Grütters, deren Behörde die 2,8 Millionen Euro Preisgelder bereitstellt, und Filmakademie-Präsident Ulrich Matthes bei der Verkündung am Mittwoch noch offen. Da die Berliner Kulturverwaltung die vorübergehende Schließung der großen Säle in den staatlichen Bühnen bis zum 19. April angeordnet hat, ist es im Moment fraglich, ob die Lolas in diesem Jahr öffentlich verliehen werden.

Das wäre ein empfindlicher Rückschlag für die deutsche Branche, die die Verleihung des Filmpreises gerne als Bühne nutzt, um die eigenen Erfolge zu feiern. Die können sich in diesem Jahr immerhin sehen lassen. Paula Beer gewann auf der Berlinale den Silbernen Bär als beste Darstellerin, Nora Fingscheidt sorgte im Jahr zuvor mit "Systemsprenger" für Aufsehen, gerade hat sie ihre erste internationale Produktion mit Sandra Bullock abgedreht.

Bärengewinnerin Paula Beer geht leer aus

Umso erstaunlicher, dass Bärengewinnerin Paula Beer bei den Nominierungen für die Lolas - im Gegensatz zu "Systemsprenger"-Hauptdarstellerin Helena Zengel - übergangen wurde. Die anderen beiden Nominierungen in der Darstellerinnen-Kategorie gingen an Alina Serban für "Gipsy Queen" und Anne Ratte-Polle für "Es gilt das gesprochene Wort" von Ilker Çatak, der mit fünf Nominierungen, unter anderem für die Regie und als bester Film, die große Überraschung ist.

Dass zwei verlässliche Namen, Christian Petzold mit "Undine" und Jan Ole Gerster mit "Lara", nur in der Kategorie "Bester Film" berücksichtigt wurden, ist vielleicht ein Indiz für das Kinojahr, dessen Qualität sich schwer an konkreten Kriterien festmachen lässt. ("Undine" wurde nur noch in der Kategorie "Ton" nominiert) Daher ist es fast folgerichtig, dass die wichtigsten Lolas wohl zwischen zwei Filmen aufgeteilt werden, eben "Berlin Alexanderplatz" und "Systemsprenger"..

Nur eine Kategorie zeigt die Bandbreite des Jahrgangs

Welches Potential in diesem Jahrgang steckt, lässt sich am besten in der Kategorie "Schnitt" ablesen, in der mit "Schlingensief - In das Schweigen hineinschreien" von Bettina Böhler auch ein Dokumentarfilm nominiert ist. Zusammen mit "Systemsprenger" sowie Mariko Minoguchis relativitätstheoretischem Liebesdrama "Mein Ende. Dein Anfang" (eines der besten Drehbücher des Jahres) und Katrin Gebbes opakem Mysterydrama "Pelikanblut" zeigt sich hier die Bandbreite des deutschen Kinos 2020 am klarsten. Müßig zu betonen, dass alle Filme von Regisseurinnen sind. In den Kategorien "Regie" und "Bester Film" ist Fingscheidt als einzige Frau vertreten.

Mit Qurbani und Fingscheidt würdigt die Filmakademie immerhin eine neue Generation von Filmemacherinnen, die erzählerisches Neuland betreten und dabei über eine eigene Handschrift verfügen. Das Sozialdrama und das Geschichtskino - wie auch die Literaturverfilmung, siehe Christian Schwochows fades Bilderbuchkino "Deutschstunde", das die Akademiemitglieder bezeichnenderweise für die Kamera nominierten - sind im deutschen Film hinreichend toterzählt.

Hoffen darf auch Thomas Heise, der mit seinem epischen Lebenswerk "Heimat ist ein Raum aus Zeit " neben Maryam Zarees "Born in Evin" und "Schlingensief - In das Schweigen hineinschreien" für den besten Dokumentarfilm nominiert ist. Es wäre überfällig, dass mit dieser persönlichen Familienchronik - gerade vor dem Hintergrund, was hierzulande sonst als seriöse historische Aufarbeitung durchgeht - einer der profiliertesten deutschen Filmemacher endlich mit dem wichtigsten Filmpreis anerkannt wird.

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