Heinrich von Kleist, Georg Trakl, Paul Celan, Jack London - alles Selbstmörder

Seite 2 von 2
Dichter und Maler, die Suizid begingen : Am toten Punkt, am Todespunkt
Birgit Lahann

Viele Schriftsteller haben sich mit dem Thema Suizid beschäftigt. So schreibt Max Frisch im März 1973 in sein Berliner Journal: Er denke nicht mehr an Selbstmord, was nicht heiße, dass er nicht im Affekt möglich ist. Und viele Schriftsteller haben sich umgebracht. Heinrich von Kleist, Georg Trakl, Cesare Pavese, Paul Celan, Walter Hasenclever, Jack London, Wladimir Majakowski oder Egon Friedell, der in Panik vor SA-Männern an seiner Wohnungstür aus dem dritten Stock sprang, zuvor aber die Fußgänger noch mit einem Treten Sie zur Seite! warnte. Stefan Zweig hatte sich vor den Nazis retten können, war aber heimatlos in Südamerika. Kurz vor dem gemeinsamen Suizid mit seiner Frau schriebt er ein Declaração: Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.

Auch der junge Hermann Hesse, der kleine Welthasser, war kurz davor, sich umzubringen. Er hatte sich einen Revolver gekauft und schrieb an seine Mutter, dass er sich gerade entschieden habe, noch nicht zu schießen. Später wird Hesse seinen Schülerroman „Unterm Rad“ schreiben. Sein trauriger Held Hans Griebenrath sucht sich im Wald einen Baum aus, prüft einen Ast, ob der auch hält, doch er geht am Ende ins Wasser und treibt kühl und still und langsam im dunklen Flusse talabwärts.

Wie Ophelia in Shakespeares „Hamlet“. Und da sagt dann einer der beiden Totengräber, wenn ein Mensch ins Wasser geht, ist er ein Selbstmörder. Aber wenn das Wasser zu ihm kommt, und ihn ertränkt, so ertränkt er sich nicht selbst. Ophelia ist also, wie so viele Selbstmörder, in den Tod hineingezogen worden. Ins Wasser ging auch Paul Celan. Er stieg unbemerkt in die Seine und ertrank. Das tat Virginia Woolf, als sie fürchtete, wahnsinnig zu werden.

Das tat auch die Mutter von René Magritte. Seine frühen Bilder werden durch ihren Freitod erst interessant. Régina Magritte fühlte sich vom Tod angezogen. Eines Nachts war sie verschwunden. Doch erst 17 Tage später wurde ihre Leiche im Wasser gefunden. René ist damals zwölf Jahre alt. Und natürlich hat er gehört, wie das Nachthemd sich um den Kopf der Mutter geschlungen hatte. So gibt es denn seit 1925 Bilder des großen Surrealisten, die an das Drama erinnern: Da liegen Frauen unter Fischen im Wasser, andere sind verschleiert, und es gibt Liebende, die sich durch Tücher küssen.

Suizide sind oft wie Dramen auf der Bühne. Sie erinnern an Lady Macbeth, Othello, Strindbergs „Fräulein Julie“ oder Willy Loman im „Tod eines Handlungsreisenden“. Wenn Sylvia Plath in „Lady Lazarus“ schreibt: Sterben ist eine Kunst, wie alles. / Ich kann es besonders schön, dann klingt es, als ob die Lyrikerin vor einem Publikum in der Rolle der Tragödin steht, die sich am Ende des Dramas umbringen, all ihr Können ausbreiten wird.

"Die Grenze ist erreicht. Kein Schritt weiter! Wo ist der Gashahn?"

Im Roman „Die Demütigung“ von Philip Roth war Simon Axler einmal ein Bühnen-Star. Als er sechzig ist, scheitert er mit Macbeth und Prospero, will sich umbringen, scheint dann aber den Prozess der Selbstauflösung mit der Eroberung einer lesbischen Frau zu überwinden. Doch die verlässt ihn wieder. Und nun kommt der großartige Schluss: Der Gedemütigte will das einst auf der Bühne Dargestellte jetzt Wirklichkeit werden lassen. Mit der Rolle, die ihn am Broadway berühmt gemacht hat, Tschechows Figur des Gawrilowitsch. Der erschießt sich im Glauben, gescheitert zu sein. Und so beendet auch Traxler nun sein Leben. Genauso wie damals kurz vor dem Schlussapplaus auf der Bühne. Aber jetzt mit einer echten Kugel im Revolver. Neben seinem Leichnam liegt ein Zettel mit neun Worten: Die Sache ist die: Konstantin Gawrilowitsch hat sich erschossen. Das sind die letzten Worte aus Tschechows „Möwe“.

Es sind diese Geschichten, die seit Jahren so geheimnisvoll und verführerisch auf mich gewirkt haben. Und die schreibenden und malenden Selbstmörder konnten den Prozess vom erfolgreichen Leben in die Tragik ihres Scheiterns beschreiben. Wir können ahnen, was in ihnen vor sich gegangen ist. Bei vielen wetterleuchtet das Ende schon lange vor der Tat durch ihr Leben. Selbstmörder ist man lange bevor man sich umbringt, schreibt Jean Améry. Und dann geht es ganz schnell. Warum begeht man Selbstmord? fragt Klaus Mann, als sich wieder einer seiner Freunde getötet hat. Plötzlich ist man am toten Punkt, am Todespunkt. Die Grenze ist erreicht. Kein Schritt weiter! Wo ist der Gashahn? Her mit dem Phanodorm! Schmeckt es bitter? Was tut's? Das Leben hat nicht eben süß geschmeckt.

Und er weiß, wovon er redet. Er weiß, wie eingeengt der Blick eines Selbstmörders im Augenblick der Tat ist. Er hat doch Suizidversuche hinter sich und hat dabei nicht an seinen Übervater Thomas Mann gedacht, der nach Klaus’ Freitod bitter fragte, warum er es der Familie angetan hat. Nein, er hat es sich angetan!

Künstler haben sich mit den Befindlichkeiten auseinandergesetzt, die zu ihrer Selbsttötung führten, in Erzählungen, Romanen, Briefen, Bildern, Tagebüchern und Gedichten. Dichter verfügen über die Feinfühligkeit für die Wahrnehmung verborgener Seelenregungen, schreibt Sigmund Freud. Und so werden schließlich Antworten auf die Frage nach dem Warum sichtbar, auch, wenn wir ihre letzten Gedanken nicht kennen und der Augenblick der Wahrheit ihr Geheimnis bleibt.

Der Text ist ein gekürzter Vorabdruck aus Birgit Lahanns Buch „Am Todespunkt – 18 berühmte Dichter und Maler, die sich das Leben nahmen“, das dieser Tage im Dietz Verlag erscheint, 247 Seiten, 22 Euro.

Artikel auf einer Seite lesen
Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!