
© Maximilian Semlinger
Die erste Opernpremiere in Berlin 2026: „Das kalte Herz“ von Matthias Pintscher an der Staatsoper
Der Komponist Matthias Pintscher hat sich von Wilhelm Hauffs „Das kalte Herz“ zu einer Oper inspirieren lassen. Über seine kontemporäre Interpretation eines fast 200 Jahre alten Märchens.
Stand:
Bei einem Spaziergang durch den Schwarzwald fand sich Matthias Pintscher vor einigen Jahren jäh in seiner Kindheit wieder.
„Deutschland hatte ich schon mit 16 Jahren verlassen. Ich ging in England zur Schule, war lange in Paris und lebe nun seit fast zwanzig Jahren in New York. Auf einmal stand ich in der deutschesten Gegend überhaupt, und viele Erinnerungen kamen in mir hoch“, sagt Pintscher, der als Komponist und Dirigent international gefragt ist.
„Diese Erfahrung wollte ich in einer Oper verarbeiten und mich dabei wieder mit der deutschen Sprache beschäftigen.“
Zu der Zeit fragte ihn Daniel Barenboim, damals noch Generalmusikdirektor an der Staatsoper, ob er nicht ein neues Bühnenwerk komponieren wolle. Pintscher hatte an dem Haus zuvor Opern von Wagner dirigiert.
„In der Atmosphäre des Waldes kam mir Hauffs Märchen ‚Das kalte Herz‘ in den Sinn. Als Kind hatte ich es mir immer wieder auf Hörspielkassetten angehört, die dunkle Abgründigkeit dieser Geschichte faszinierte mich.“
Das 1827 entstandene Märchen handelt von dem Köhler Peter, der sich ein besseres Leben erträumt. Er schließt einen Handel mit dem skrupellosen Holländer-Michel, der ihm Reichtum schenkt und dafür ein Herz aus Stein in seine Brust setzt.
Peter ist von nun an zu keinen Gefühlen mehr fähig.
Pintscher wurde sogleich bewusst, dass er den romantischen Stoff nicht einfach übernehmen konnte. Der Pianist und Lyriker Daniel Arkadij Gerzenberg, den er von gemeinsamen Projekten her kannte, schrieb daraufhin ein Libretto, das Hauffs Märchen mit unserer Gegenwart verbindet.
Im Laufe ihrer intensiven Zusammenarbeit kamen beide zu der Erkenntnis, dass der Austausch des Herzens aus heutiger Sicht besonders spannend sei.
„In dieser Metapher hat sich noch etwas anderes aufgeblättert, nämlich die Abwesenheit von Emotion“, sagt Gerzenberg. „Wir haben dieses Bild neu gedeutet und daraus eine eigene Geschichte entwickelt. Das Märchen ist Grundlage und Inspirationsraum.“
Als weitere mythologische Ebene kommt hier das Ägyptische Totenbuch mit der Gestalt des Gottes Anubis hinzu, der von einer Mezzosopranistin verkörpert wird.
Als Totenrichter überwachte Anubis das Abwiegen der Herzen von Verstorbenen und entschied darüber, ob sie mit der Seele wiedervereint würden.
Pintscher wurde durch eine nach dem Gott benannte Videoinstallation der israelischen Künstlerin Michal Rovner inspiriert, die Schakale bei Nacht zeigt.
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Außer Peter sind alle Figuren in der Oper weiblich – die Mutter des Protagonisten, seine Frau Clara, eine alte Frau, Anubis und der gefallene Engel Azaël, der in einer Sprechrolle von der Schauspielerin Sunnyi Melles gespielt wird. Regie führt der Amerikaner James Darrah Black.
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Auf der musikalischen Ebene ließ sich Pintscher von der Frage leiten, warum Menschen auf der Bühne singen, welche Emotionen dadurch zum Ausdruck kommen.
„Ich habe ein Werk geschrieben, das sich an dem langsamen Glühen von Wagner-Opern orientiert und zugleich eine Mikrokomplexität in der Klangsprache aufweist. Alles wird mit einem großen Pinsel auf eine große Leinwand aufgetragen.“
Die Sprache in Gerzenbergs Libretto habe ihn im besten Sinne provoziert. „Ich suche Inspirationen, die es mir erlauben, als Komponist in neue Richtungen aufzubrechen und Altes über Bord zu werfen“, sagt er, während er die großformatige Partitur von „Das kalte Herz“ aufblättert.
Die Pariser Uraufführung seines letzten Bühnenwerks „L’Espace dernier“ über den Poeten Arthur Rimbaud liegt bereits über 20 Jahre zurück.
„Dieses Stück, das sich aus Gedichten und Collagen zusammensetzt, ist komplex und intellektuell überfrachtet. ‚Das kalte Herz‘ ist als Gegenentwurf dazu gedacht. Wir wollen zeigen, dass man mit einer relativen klaren und einfachen Erzählstruktur vielschichtige Emotionen hervorrufen kann. Und viele Fragen sollen offen bleiben.“
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