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Edgar Hofschens „Modifikation A10“ von 1971 misst 300 x 400 Zentimeter.
© Galerie Nothelfer

Nach Tod des Gründers: Die Galerie Nothelfer startet mit neuem Programm

Vor einem halben Jahr starb Gründer Georg Nothelfer. Nun richten zwei Galeristinnen die Galerie neu aus. Sie wollen auch Jüngere ansprechen.

Schwarze Tapser und Kratzer, ein Riss, solide geflickt, aber grobschlächtig. Halten muss es eben. Musste es zuvor, als der Stoff, aus dem Edgar Hofschens Bilder sind, seinem eigentlichen Zweck diente: als militärische Zeltplane.

Hofschen verwandelt das Tarnmaterial in Malgrund, gibt jegliche künstlerische Tarnung allerdings auf. Gebrauchsspuren bleiben sichtbar, jede Verletzung der Oberfläche, jede Nahtstelle. Mehr noch bestimmen gerade sie die Struktur der Bilder. Statt Mimikry bleibt eine Art Tarnfarben-Palette, die das Werk des 1941 geborenen Malers dominiert.

Er male die strukturelle Substanz von Landschaften, hat der im ostpreußischen Tapiau geborene Künstler einmal gesagt. Ihr Ordnungsgefüge entdeckt er in den dicken, rauen Nähten des Segeltuchs. In den industriellen Planen, in die sich die Landschaft, durch den Einsatz in der Natur, vielleicht auch im kriegerischen „Feld“, eingeschrieben hat. Ein Paradoxon, kongenial transformiert von Tarn- zu Erdfarben, von rostigen Linien zu eindrücklicher Poesie.

1969 spannt er die erste Zeltplane auf einen Keilrahmen. Da ist er mitten im Studium der Kunstgeschichte und Philosophie. Parallel arbeitet Hofschen im Atelier. Das Malereistudium folgt 1972 an der Düsseldorfer Akademie. Von 1971 stammt die große „Modifikation A 10“ (49 000 Euro) in der Ausstellung bei Nothelfer. Strukturiert von vertikalen Nähten, die reliefartig den Landschaftsraum in die Tiefe öffnen.

Einen grob gestopften Winkelhaken greift der Maler auf, vergrößert ihn mit weißer Ölfarbe zur überdimensionalen Form, die den opaken Hintergrund mit luziden Transparenzen konterkariert. „Flecken, Kränze, Schlieren / Stäbe von Licht, geschichtet“, heißt es in einer von Hofschens lyrischen Annotationen, die er auch in seine Vita schreibt. Die künstlerische Lebensstation als philosophisches Programm bis zu seinem Tod 2016.

Farbe ist auf ein Minimum reduziert

Es ist ein sonniger Tag, gegenüber der „Modifikation A 13“ (35 000 Euro) zieht Vera Ehe ein Rollo hinunter. Plötzlich sind sie da. Diese Stäbe von Licht, die sich wie ein kompositorisches Moment in die Leinwand fügen. Einer just an der Stelle, wo die gemalte Linie aufhört. Gerade so, als hätte der Künstler solch alleatorische Momente eingeplant.

Der „geplanten“ oder „analytischen Malerei“ der 1970er Jahre wird Hofschen zugeordnet. Jener Abstraktion, die jegliche Bezüge außerhalb ihrer Eigenwirklichkeit negiert. Dabei legt schon seine stringente Materialwahl eher den Gedanken an die Arte Povera nahe. Wo er sich der Farbfeldmalerei nähert, ist Farbe auf ein Minimum reduziert. Hält Einzug in Form von milchig-weißem Ponal, braunen Rostpartikeln oder kleinen rosa Punkten, collagiert aus Einwickelpapier, wie man es vom Metzger kennt.

[Galerie Georg Nothelfer, Corneliusstr. 3, bis 3. April. www.galerie-nothelfer.de]

Wie stark diese Malerei in der Wirklichkeit wurzelt, zeigen Buchobjekte (4000 Euro), für die Hofschen auf Reisen fotografiert hat. In der Gegenüberstellung von Fotografie und Papierarbeit wird sein untrüglicher Blick auf die abstrahierenden Strukturen in der Landschaft nachvollziehbar.

Obschon Hofschen gleich zwei Jahre nach dem Kunststudium Teilnehmer der Documenta 6 war, ist er heute kaum noch bekannt. Mag sein, weil er parallel zur Kunst als Lehrer gearbeitet hat. Ein Stück weit ist diese Art der Abstraktion aber auch aus der Mode geraten respektive (noch) nicht im Zentrum des Kunstmarkts angekommen. Das wollen Irene Schumacher und Vera Ehe ändern und die Traditionsgalerie, die sie seit dem Tod von Georg Nothelfer vergangenen Oktober gemeinsam leiten, künftig auch einem jüngeren Publikum erschließen.

Die Sammlung durchforsten

Dass ihr Neuanfang mitten in die Pandemie fällt, sieht Vera Ehe nicht nur als Problem. „Bilder von Emil Schumacher, K. R. H. Sonderborg oder Christo & Jeanne-Claude sind immer gefragt. Dadurch kommen wir im Vergleich zu jungen Galerien glimpflich durch diese Zeit.“

Dank der Sammelleidenschaft des Gründers können die Galeristinnen auf einen immensen Fundus zurückgreifen. Fluch und Segen zugleich. Denn im Lager finden sich nicht nur Kunstwerke, sondern auch all die Kataloge, Künstlerbücher und Publikationen, die Georg Nothelfer im Laufe seiner fast 50-jährigen Tätigkeit zusammengetragen hat. Und sein Weindepot.

Ein Schatz, der erst einmal durchforstet und neu aufgestellt werden muss. Da kann die Corona-bedingte Zwangspause zumindest produktiv genutzt werden. Nicht nur um die horrenden Lagerkosten zu minimieren, sondern ebenso für den Relaunch der Homepage und die Auffrischung des Profils. „Hinter dem Konzept der Programmgalerie“, sagt Ehe, „stehen wir aber weiterhin. Das werden wir mit jungen Künstlerinnen und Künstlern ergänzen, die sich aus dem Blickwinkel der Gegenwart mit Informel, Tachismus oder gestischer Malerei auseinandersetzten.“

Den Auftakt macht im Mai eine Kooperation mit den „Kunstsaelen Berlin“ und deren kreativem Kopf, dem Künstler Michael Müller. Er kuratiert einen Dialog zwischen Künstlern der Galerie wie Gerhard Hoehme oder Michael Buthe und jüngeren Positionen wie wie Kerstin Brätsch oder Thomas Scheibitz.

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