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Nimm dies. Blumen für den frisch gewählten Thüringer Ministerpräsidenten.
© dpa

Vorgeschichte, Nachwehen, Hintergründe: Die Kemmerich-Wahl wirft ein Schlaglicht auf die Krise im Osten

Martin Debes beleuchtet in „Demokratie unter Schock“, wie es zur fatalen Ministerpräsidenten-Wahl von Thomas Kemmerich durch die AfD kommen konnte.

Auf dem Höhepunkt der Krise liegt ein Strauß Blumen vor den schwarzen Cowboystiefeln eines Mannes mit Glatze. Es ist der 5. Februar 2020, der FDP-Politiker Thomas Kemmerich wird im thüringischen Landtag gerade mit Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten gewählt. Die damalige Fraktionschefin der Linkspartei und heutige Bundesparteichefin, Susanne Henning-Wellsow, hat den richtigen Sinn für diesen High-Noon-Moment – und dessen Bedeutung über Thüringen hinaus. Der Fall Kemmerich erschüttert bundesrepublikanische Gewissheiten und Parteien.

Martin Debes, politischer Reporter der „Thüringer Allgemeinen“, zeigt das bemerkenswert gut in seinem Buch „Demokratie unter Schock - Wie die AfD einen Ministerpräsidenten wählte“. Hätte diese Szene nicht im beschaulichen Erfurt, sondern in Washington oder Berlin gespielt, Amazon oder Netflix hätten sich an diesem politischen Drama wohl längst die Serienrechte gesichert.

Vorgeschichte, Nachwehen und Hintergründe der Wahl von Thomas Kemmerich zum Kurzzeit-Ministerpräsidenten geben einen Einblick in die ebenso oft hyperkomplexen wie von Einzelpersonen und deren Egoismen geprägten Funktionsweisen von Politik – und die mindestens halbkaputte Parteiendemokratie in Ostdeutschland.

Debes, so scheint es, war überall dabei, kennt jede Verabredung im hintersten Winkel Thüringens zu Bier und Roster, weiß von jeder SMS zwischen Kemmerich und den weiteren Hauptakteuren: dem CDU-Fraktionschef Mike Mohring und Nun-Wieder-Ministerpräsidenten von Thüringen, Bodo Ramelow (Linke).

Er kann also erzählen von den neuen, schön weißen Fenstern im Bungalow von Ramelow, dem kleinen Ort Mödlareuth, der als „Little Berlin“ gilt, oder geheimen Treffen mit Unternehmen und Alt-Politikern. Debes ist nah dran, verliert aber nie die Distanz. Sein Buch reicht insofern an das viel gelobte „Machtverfall“ des Journalisten Robin Alexander heran, das den Abschied von Angela Merkel aus der CDU nachzeichnet. Allerdings spart sich Debes die vielen Seitenhiebe und nur mühsam überdeckten Missfallensbekundungen Alexanders. Er überlässt das Werten dem Leser.

Die Politiker waren Schlafwandler

Der Journalist nimmt sich Zeit, die handelnden Personen einzuführen und die schwierige Ausgangslage in Thüringen zu erklären. Jahrelange persönliche Fehden haben das Miteinander insbesondere in der Landes-CDU schwer gemacht, die AfD ist unter Björn Höcke besonders radikal, der Linken-Mann Ramelow selbst für CDUler ein akzeptabler Gesprächspartner. Dabei ordnet Debes die Lage gelungen in den gesamtostdeutschen Kontext ein: der rasche Aufstieg der radikalen AfD, die Erosion der alten Volksparteien, die Verunmöglichung alter Bündnisse, der Blick ins Ungewisse. Wo finden sich Mehrheiten jenseits des Radikalen?

[Martin Debes: Demokratie unter Schock. Wie die AfD einen Ministerpräsidenten wählte. Klartext Verlag, Essen 2021. 248 Seiten, 18,95 €.]

Durch die Detailversessenheit und langjährige Kenntnis der Personen gelingt es Debes über die allgemeine Empörung hinaus („Dammbruch“, „Tsunami“) die Motivation der Handelnden offenzulegen. Besonders das Porträt des ehrgeizigen Mike Mohring ist gelungen und vielschichtig: Der Autor zeichnet nach, wie Mohring die Wahl Kemmerichs erst zu verhindern suchte, dann von ihr profitieren wollte. Seine Herleitung des Vorgangs durch einen CDU-internen Streit lässt das Ganze weniger als Versehen, denn als von Egoismen getriebenen Somnambulismus erscheinen. „Schlafwandler“, so nennt Debes das politische Personal Thüringens in dieser Zeit.

Debes, das ist eine große Stärke des Buches, zeigt gleichzeitig die warmen Momente in der Politik, etwa die große Anteilnahme Ramelows während einer Krebs-Erkrankung Mohrings, und vermittelt das Bild eines auch von persönlichen Geschichten, Fehlern und Zuneigungen geprägten Politik-Geschäfts und weniger als Gesamtkunstwerk strategisch planender Politik-Maschinen. Es ist ein, in dieser Detailtiefe, seltener Einblick.

Eine andere Stärke ist, dass Debes bei aller – teils auch übermäßigen – Detailversessenheit das Erklären nicht vergisst: das Erklären Thüringens, der Funktionsweisen der Landespolitik. Insofern ist das Buch nicht nur für Politik-Insider geeignet, sondern auch für alle, die es werden wollen. Letztlich liefert Debes auch ein wertvolles Beispiel dafür, warum es guten Journalismus vor Ort – ob in Erfurt, Magdeburg oder Saarbrücken – braucht. Demokratie stirbt im Dunkeln. Martin Debes leuchtet mit der Taschenlampe ihr Innerstes aus.

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