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Die Klassik-Tipps der Woche in Berlin: Kurtags Kafka-Fragmente und Bachs Cembalo-Werke
Achtung! Dieses Mal müssen sie schnell sein, gleich vier Konzerte finden bereits am Donnerstag statt
- Frank Weiss
- Tobias Schwartz
Stand:
In dieser Berliner Klassik-Woche sind die Konzerte alle eine Nummer kleiner, aber nicht minder spannend. Mahlers gigantische Sinfonie der Tausend am Freitag und Samstag mit den Berliner Philharmonikern ist natürlich schon lange ausverkauft. Dafür haben wir alternativ diese Tipps für Sie.
Noch bis Sonntag läuft das Ultraschall Festival mit György Kurtágs legendären „Kafka-Fragmenten“. Im Pierre-Boulez-Saal gibt es Bachs Cembalo-Konzerte und märchenhafte Klänge von Schumann und Co.
Düstere Kammermusik spielt das Konzerthaus Kammerorchester und das Brahms Ensemble der Philharmoniker stellt die Streithähne Brahms und Bruckner gegenüber.
Sinfonisch wird es mit dem Freiburger Barockorchester, das uns Musik von zwei böhmischen Komponisten näherbringt, kombiniert mit Mozarts „Prager“ Sinfonie.
1 Brahms Ensemble Berlin

© ©Monika Rittershaus
Aus den Reihen der Philharmoniker wurden zahlreiche Ensembles gegründet. So auch das Brahms Ensemble. Die Verbindung des Orchesters zu Johannes Brahms, der mehrmals mit den Philharmonikern auftrat, ist traditionell eng. Das Ensemble widmet sich seiner Kammermusik, wie dem Streichquintett Nr. 2 G-Dur op. 111. Als „nicht unlustig“ soll er das heiter-melancholische Werk 1890 gegenüber Clara Schumann bezeichnet haben.
Gegenübergestellt werden Anton Bruckners Intermezzo und Felix Mendelssohns Streichquintett Nr. 2. Spannend. Denn Brahms lehnte Bruckners Werke lange als „großen Schwindel“ ab. Es spielen Rachel Schmidt (Violine), Raimar Orlovsky (Violine), Diyang Mei (Viola), Julia Gartemann (Viola) und Uladzimir Sinkevich (Violoncello).
2 Kristian Bezuidenhout spielt Bachs Cembalo-Konzerte

© Marco Borggreve
Johann Sebastian Bach war bekanntermaßen ein virtuoser Organist. Doch er verschloss sich nicht den Neuerungen der Zeit und begann in den 1730er Jahren einen ganzen Zyklus von Cembalo-Konzerten zu schreiben. Das Cembalo galt als aristokratisches Instrument, doch Bach dürfte eines besessen haben. Viele seiner Werke, die heute auf dem Klavier gespielt werden, komponierte er auf und für das Cembalo – wie die Goldberg-Variationen.
Bach ging bei seinen Cembalo-Konzerten durchaus nachhaltig vor und verarbeitete auch frühere Solokonzerte, etwa für die Violine oder Oboe. Kristian Bezuidenhout, der südafrikanische Pianist und Spezialist für historische Aufführungspraxis, präsentiert drei dieser Werke in kammermusikalischer Besetzung mit Streichern.
Das bekannteste und virtuoseste Stück der Reihe ist das Konzert für Cembalo und Streicher d-moll BWV 1052, das den Abschluss des Abends bildet. Alle drei Sätze entstammen früheren Werken. Bach spielte es erstmals im Café Zimmermann in Leipzig. Zudem sind eine Cembalo-Fassung der bekannten d-moll-Chaconne sowie die Toccata d-moll BWV 913 zu hören.
3 György Kurtág: Kafka-Fragmente

© Sebastian Berger/Sebastian Berger
„Die Verwandlung“, „Der Prozess“ – das Werk von Franz Kafka gehört zum Kanon der Weltliteratur. Für seine Mitte der 1980er-Jahre entstandenen legendären „Kafka-Fragmente“ sammelte der Komponist György Kurtág über Jahre jedoch Zeilen und Zitate aus dessen privaten Aufzeichnungen, wie Tagebüchern, Briefen und Notizen, die er vertonte.
Entstanden ist ein Zyklus von 40 Miniaturdramen für Sopran und Violine, der seinen ganz eigenen Sog entwickelt. Das kürzeste ist elf Sekunden lang: „Es zupfte mich jemand am Kleid, aber ich schüttelte ihn ab“. Kurtág zeigt in dem expressiven Zyklus seine Kunst der Verdichtung der oft absurden Beobachtungen und rätselhaften Gedanken Kafkas.
Im Rahmen des Ultraschall Festivals und anlässlich Kurtágs 100. Geburtstags im Februar, singt Sopranistin Johanna Vargas, begleitet von Ilya Gringolts. Das Festival läuft noch bis Sonntag.
4 Düstere Meisterwerke von Schubert und Strauss

© Pablo Castagnola/Pablo Castagnola
Mit der Vergänglichkeit hat sich Franz Schubert immer wieder beschäftigt. So vertonte er das Gedicht Der Tod und das Mädchen von Matthias Claudius zunächst als Lied.
„Vorüber! ach, vorüber! / Geh, wilder Knochenmann! / Ich bin noch jung, geh, Lieber! / Und rühre mich nicht an“, heißt es dort. Später folgte ein Streichquartett in d-Moll, in dessen 2. Satz er das Lied aufgreift. Das Konzerthaus Kammerorchester spielt unter Sayako Kusaka Mahlers Bearbeitung für Streichorchester.
Zuvor gibt es Richard Strauss’ Metamorphosen für 23 Solostreicher, die der damals 80-Jährige 1945 nach Kriegsende angesichts der unsagbaren Zerstörungen schrieb. Über die ersten Skizze im Jahr 1944 hatte er „Trauer um München“ geschrieben.
5 Freiburger Barockorchester

© Marco Borggreve
Rund 400 Werke hinterließ der Böhmische Komponist Leopold Koželuh (1747-1818). Er ging von Prag nach Wien, feierte auch als Pianist Erfolge und galt bald als Konkurrent Mozarts. 1792 wurde er Kammerkapellmeister und Hofkomponist. Nach seinem Tod geriet sein Werk jedoch in Vergessenheit. Das Freiburger Barockorchester spielt seine Sinfonie g-Moll op. 22 Nr. 3.
Auch Anton Kraft (1749-1820) zog es von Böhmen nach Wien. Er war u.a. Schüler und Solo-Cellist bei Haydn. Solist seines Cellokonzerts op. 4 C-Dur ist Nicolas Altstaedt.
Den Abschluss bildet Mozarts dramatische Prager Sinfonie. Er ging den umgekehrten Weg. Seine Sinfonie Nr. 38 D-Dur KV 504 feierte 1787 in Prag ihre Uraufführung.
6 Boulez Ensemble & Matthias Pintscher

© www.peteradamik.de
In der klassischen Musik spielt das Märchen von jeher eine wichtige Rolle. Als Auftakt zu einer dreiteiligen Konzertreihe mit dem Boulez Ensemble dirigiert Matthias Pintscher Robert Schumanns Märchenbilder für Klavier und Viola op. 113 etwa, die den Abend eröffnen, lassen sich als Versuch interpretieren, den klassischen Märchenton in Musik zu fassen.
Bestens in diesen Kontext gefügt hätte sich Olga Neuwirths Bratschenkonzert „Remnants of songs … an Amphigory“, das auch mit romantischen Märchenmotiven wie dem Wandern, dem Suchen und dem Verlorensein spielt. Stattdessen erklingt ihr nicht minder fantastisches Trompetenkonzert „...miramondo multiplo…“, das mit Händel-Zitaten jongliert und mitunter an Jazz zu erinnern scheint. Den Solistenpart übernimmt, wie bereits bei der Uraufführung 2006 unter Pierre Boulez himself, der schwedische Trompeter Håkan Hardenberger.
Hans Werner Henze, den das Komponieren von Märchenbildern ebenfalls beschäftigte, bildet den Abschluss. Es erklingt sein „Le Miracle de la rose“ für Ensemble und Klarinette, die hier von der Ungarin Boglárka Pecze gespielt wird. Das Stück ist eine Fantasie über den gleichnamigen Roman Jean Genets, den der Widerspruch zwischen der Magie von Liebe und Schönheit und den Schattenseiten des Daseins – hier in Form von Verbrechen und Sühne – kennzeichnet, wie wir ihn aus vielen Märchen kennen.
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