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Zur Eröffnung des Filmfests Venedig: Die Königinnen des Lido

Penélope Cruz spielt die Hauptrolle im Eröffnungsfilm, auch Isabelle Huppert ist da. Über Seitenblicke und Herzensangelegenheiten bei den Pressekonferenzen.


Isabelle Huppert als Bürgermeisterin und Penélope Cruz als Starfotografin: Gleich am Eröffnungstag der diesjährigen Filmfestspiele Venedig wird der Lido von gleich zwei Leinwandköniginnen beehrt. Sie kommen mit dem Boot zu den Pressekonferenzen ihrer Film. Das Schöne an solchen Festival-Pressekonferenzen ist nicht zuletzt die Nahbarkeit der Stars, der Top-Regisseure.

Der Moment, in dem Pedro Almodóvar (buntes Hemd, Sonnenbrille) am Mittwochnachmittag, Stunden vor der Eröffnungsgala, Penélope Cruz seine Verehrung zu Füßen legt und von ihrer gemeinsamen Wellenlänge spricht, von der Natürlichkeit der Diva, die das Ergebnis harter Arbeit sei. Und Cruz sitzt mit feinem Lächeln daneben.

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Niemand kann so subtil und freundlich amüsiert sein (und mit solcher Noblesse ein Chanel-Kostüm tragen) wie die spanische Schauspielerin und Oscar-Preisträgerin. Zuvor hatte sie verraten, dass sie mit Almodóvar arbeiten wollte, seit sie 1990 nach „Fessle mich“ aus dem Kino kam. Er bot ihr dann „Kika“ an, aber es klappte erst ein paar Jahre später, bei „Live Flesh“.  „Madres paralelas“ ist ihre siebte Zusammenarbeit – der Wettbewerbsfilm am Lido erzählt von unvollkommenen Müttern und der verdrängten Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs, von Vorfahren und Nachkommen.

Oder die Art, wie Isabelle Huppert mit ihren berühmten nach unten weisenden Mundwinkeln, die immer ein wenig mürrisch wirken, die Medienvertreter fixiert, die im Schachbrettmuster im Konferenzsaal des Casinò sitzen. Aufmerksam lässt sie den Blick schweifen, hört zu, denkt kurz nach, als sie nach Frauen in der Politik gefragt wird. Ihre Bürgermeisterin in „Promesses“ (in der Nebenreihe Orizzonti) schwankt zwischen Altruismus und politischem Machtstreben.

Aber nein, sagt sie, der Film richtet den Fokus nicht auf den Unterschied zwischen Männern und Frauen in der Politik. So wie ihre Figur Clemente sich verhält, könnte es sich genauso gut um einen Mann handeln. Es geht vielmehr um Integrität, um Loyalität, darum, wie viel Macht man benötigt, wenn man etwas für dieBürger und ihre Bedürfnisse ausrichten will.

Pedro Almodóvar erinnert an die Opfer des Spanischen Bürgerkriegs

Pressekonferenzen sind anders als Interviews, sie leben von der seltsamen Mischung unterschiedlichster Nachfragen, von Zufällen und Peinlichkeiten. Als ein amerikanischer Kollege wissen will, wie das damals mit ihrer Rolle in Otto Premingers Thriller  „Unternehmen Rosebud“ war, und hinzufügt, dass sie diesem Part eigentlich ihre Rolle in Michael Cinimos „Heaven’s Gate“ verdanke, weist Isabelle Huppert ihn mit vollendeter Höflichkeit in seine Schranken. Danke, das habe sie gar nicht gewusst.

Penélope Cruz beim Filmfest Venedig. Sie spielt die Hauptrolle im Pedro Almodóvars Eröffnungsfilm "Madres paralelas".
Penélope Cruz beim Filmfest Venedig. Sie spielt die Hauptrolle im Pedro Almodóvars Eröffnungsfilm "Madres paralelas".
© Joel C Ryan/AP/dpa

An Tag Eins des 78. Filmfests Venedig  geht es meist ernst zu im Konferenzsaal. Alle haben ein Anliegen, werben weniger für ihren Film als für brennende Themen, für Herzensangelegenheiten. Almodóvar für die Erinnerung an die immer noch aus der spanischen Geschichtsschreibung verdrängten Bürgerkriegs-Opfer. Er schimpft auf Politiker, die einen Schlussstrich ziehen wollen, wirbt für die Aufarbeitung des paralysierenden Kriegstraumas. Und für das Recht der heutigen Mütter-Generation, anders als etwa seine eigene Mutter nicht mehr allmächtig, sondern unvollkommen zu sein.

Huppert wiederum bricht eine Lanze dafür, dass unser aller Leben politisch sei. Der Politik können wir nicht entkommen, auch wenn man keine Lokalpolitikerin ist wie Clemente in „Promesses“, die die heruntergekommenen  Mietwohnanlagen an der Pariser Peripherie renovieren lassen will und dafür  vor zweifelhaften strategischen Tricks nicht zurückscheut. Und Festivaldirektor Alberto Barbera bricht einmal mehr eine Lanze für das Kino selbst.

Jury-Präsident Bon Joon Ho sagt, der Festivalchef sieht aus wie Fellini

Als er die Jury unter Leitung von Oscar-Preisträger Bong Joon Ho („Parasite“) vorstellt,  geht er einmal mehr auf die Waffenstillstände in der Filmwelt ein. Die manchmal allzu erbitterte  Konkurrenz zwischen den Festivals habe sich mit Corona zum Glück etwas gelegt, Wettbewerb sei gut, aber sie müssten es nicht übertreiben. Auch die Fehde zwischen Streamingplattformen und Kinobetreibern vor allem über exklusive Verwertungsfristen für die Filmtheater möchte er beigelegt sehen. „Wir müssen alle zusammen neue Regeln aufstellen“. Auch Cannes denke inzwischen darüber nach, Netflix nicht mehr zu boykottieren. Gleichzeitig macht Barbera unmissverständlich klar, dass der Film ohne Kinopublikum keine Zukunft hat. Richtiges Kino gibt es nur im Kino, mit Dolby-Anlage, anderen Zuschauer:innen, gemeinsamem Lachen und Weinen.

Seien wir verbindlich: Bong Joon Ho macht es vor, schaut von der Seite auf den Festivaldirektor und stellt fest, sein Profil gleicht dem von Fellini. Wie das die italienischen Kolleg:innen freut! Überhaupt huldigt der Koreaner dem italienischen Film, zählt prestissimo die übrigen Meister auf, Antonioni, de Sica, Rossellini, Francesco Rosi und einige mehr. Jetzt freut er sich vor allem auf die jungen Regisseurinnen und Regisseure, nachdem er hier vor zehn Jahren Alba Rohrwacher entdeckt hat. Die Vorfahren, die Nachkommen, auch das Kino braucht Geschichtsbewusstsein.  

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