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© Art Basel

Endlich wieder Art Basel: Die Millionen Dollar Rallye

Mit erstklassigen Werken der Moderne und Gegenwartskunst kehrt die Messe Art Basel nach der Pandemie triumphal zurück.

Drei Rotbuchen, sieben persische Eisenholzbäume, fünf Föhren und zwanzig Echte Sumpfzypressen: Sechs Tage lang spenden Parrotia persica und Pinus sylvestris und die anderen Bäume als „Isle of Trees“ im Rundhof der Halle 2 der Basler Messe nicht nur Schatten, sondern auch Sauerstoff. Die Natur im Herzen der bedeutendsten Messe für Gegenwartskunst und Moderne ist eine vitalisierende Leihgabe von Enzo Enea. Auf dem weitläufigen Gelände seines „Baummuseums“ in der Nähe des Zürcher Obersees rettet und hegt der Schweizer Landschaftsarchitekt und Sammler seit zwölf Jahren Natur und verschmilzt sie mit Werken wie der drei Meter hohen, fliederfarben lackierten Bronzeskulptur „Nonne“ von Ugo Rondinone zu einer grünenden, blühenden Oase aus Kontemplation und Kunst.

Wohl wissend, dass „Messen wenig umweltfreundlich sind“, wie Marc Spiegler als Global Director der Art Basel zugibt, bemüht sich die Messe mit Eneas wohltuender Mini-Wald-Installation nun sichtbarer um „nachhaltige Akzente“. Bäume spielen vereinzelt auch in den beiden Hallen am einen oder anderen Stand der 289 angereisten Galeristen aus 40 Ländern eine Rolle. So dominiert einer der monumentalen „Trees“ des chinesischen Künstlers Ai Weiwei die Koje der Berliner Galerie Neugerriemschneider, eine Skulptur aus abgestorbenen Wurzeln, Zweigen und Ästen südchinesischer Bergregionen, die der Künstler zu einer Memento Mori-Hommage an den Wert von Natur und Kultur komponiert.

Man darf spekulieren, dass sie während der Vorbesichtigungstage für eine sechsstellige Summe verkauft wurde – doch die Galerie nennt keine Preise. Ganz im Gegenteil zu den Giganten, aber auch mittelgroßen und kleineren Händlern des Markts: Die Preview-Tage waren laut veröffentlichter Listen und stolzer Reporte wahre Millionen Deal-Rallyes! Wie üblich werden die Verkäufe im Vorfeld vorbereitet. So konnten sogar XXXL-Formate der hochkarätigen Sektion „Art Unlimited“ platziert werden: Ein kunsthistorisch bedeutendes Werk von Félix González-Torres ging bei David Zwirner für 12,5 Millionen Dollar an eine Sammlung in Asien; Hauser & Wirth vermittelte ein ebenso wichtiges Werk, Lorna Simpsons „Wigs II“ für 595 000 Dollar an eine amerikanische Institution und Peter Kilchmann verhandelt mit einem Museum in den Emiraten über die sensationelle Arbeit von Francis Alys, „Border Barriers Typology“, für 1,5 bis 2 Millionen Dollar.

Weitere must sees hier: Leonardo Drews explosive Stapel-Installation „Chaos of our Time“ aus bemalten Holzstücken (Lelong, 650 000 Dollar) und Jordan Wolfsons phänomenale High Tech-Installation „Artists Friends Racists“ aus 20 holografischen 3D-Bildern, die in Intervallen aufleuchten (600.000 Dollar).

Eine "Spinne" von Louise Bourgeois für 40 Millionen Dollar - schon verkauft

Trotz oder gerade wegen fallender Börsenkurse ist Kunst als Top-Investment und gleichzeitig als Schlüsselwert westlicher Demokratie begehrter denn je. Dies bestätigen die 2021 um 18 Prozent auf 34,7 Millionen Dollar gestiegenen Umsätze der Galeristen, die der Gemeinschaftsreport der Messe mit der Schweizer Bank UBS meldet; dies untermauern auch Rekordzuschläge auf Auktionen. Die in Vor-Pandemiestärke angereisten Sammler, Museumsdirektoren, Kuratoren, Berater und Künstler – überwiegend aus Europa, den USA und erneut aus Asien – entscheiden professionell und engagiert zugleich, und ihre Mittel scheinen unbegrenzt.

Angesichts des Ukrainekriegs begreifen mehr und mehr Investoren, was wirklich zählt. Insofern ist auch das Werk, das den mit 40 Millionen Dollar höchsten Preis der Messe ausweist, die „Spider“-Stahlplastik der Künstlerin Louise Bourgeois aus dem Jahr 1996, die den Stand von Hauser & Wirth mit siebeneinhalb Meter hohen Beinen überspannt, bereits an eine europäische Sammlung verkauft. Mit ihrer ersten Künstlerin im Programm feiert die Galerie ihr 30-jähriges Jubiläum und eröffnet im Herbst eine weitere und damit 16. Dependance – nun in Paris. Dazu gab es in den ersten zwei Tagen wohl über 35 Verkäufe im Wert von 75 Millionen Dollar – mehr geht nicht. So lässt sich auch der Weggang von Simone Leigh zu Matthew Marks verschmerzen, Gewinnerin eines Goldenen Löwen auf der Biennale, deren Skulptur für einen hohen sechsstelligen Betrag sofort verkauft war.

Auch Gagosian, Ropac, Pace oder Perrotin trumpfen mit historischen Bestsellern und üppigen Verkäufen auf. So nennt die größte Galerie des Globus über 40 Verkäufe zu Preisen zwischen rund einer und 20 Millionen Dollar für die ersten Tage, darunter Werke von Picasso, Cy Twombly, John Currin oder Urs Fischer. Ropac listet mehrere Abschlüsse für Martha Jungwirth auf (50.000–290.000 €), für Georg Baselitz (75.000–1,35 Mio. €) oder Robert Rauschenberg (3,5 und 1,5 Mio. Dollar). Pace gab Joan Mitchells „Bergerie“ aus den frühen 60er Jahren für 16,5 Millionen Dollar weiter; auch Objekte von Jeff Koons’ Mondphasen-NFT-Projekt fanden für je 2000 Dollar neue Besitzer.

[Art Basel; Messehalle, bis 19. Juni, www.artbasel.com]

Um das Dreifache sind Preise für Superstars wie Jordan Wolfson oder Rashid Johnson innerhalb weniger Jahre gestiegen; noch höher die für Klassiker, so das schmale, zehn Meter lange Digitalprint „930-2 Strip“ (2013) von Gerhard Richter am Stand von Marian Goodman (4,8 Millionen Dollar). Das allgemein hohe Preisniveau gilt auch für Arbeiten jüngerer Künstler wie die amerikanische Malerin Bunny Rogers, die ihre ausverkaufte Serie „Joan“ bei der Berliner Galerie Société mit einem Triptychon (über 300.000 €) beendet. Entdeckenswert und noch günstig sind hingegen die Gemälde der 1986 in Henan geborenen Miao Miao bei Urs Meile, figurativ stilisierte Alltagsszenen mit einem surrealen Touch (10.000–20.000 Dollar).

So gut die Verkäufe, so hoch sind die Kosten der Galerien für die Messe. Zusätzlich zu den Standmieten zwischen 15.000 und mehr als 100.000 Schweizer Franken kommen Kosten für Reisen, Transporte, Installationen, Hotels, Dinners, Partys, Verpflegung, und Security, die sich bis zu einer halben Million und mehr addieren. Doch der finanzielle Input scheint sich zu lohnen. Ob dies auch für die Satellitenmessen gilt – Volta, June Art Fair und vor allem die mit der Art Basel verbandelte Liste –, darf bezweifelt werden. Mit Ausnahme weniger Galerien, so Emalin aus London, Capsule aus Shanghai, Francois Ghebaly (Los Angeles) und Nir Altman (München) beeindruckt die Messe vor allem mit ihrer Solidarität für ukrainische Künstler, zu sehen bei The Naked Room und Voloshyn aus Kiew. Um heute eine junge Galerie weiterzuentwickeln, braucht man Vermögen und/oder einen Moment, wie ihn die somalisch-französische Händlerin Mariane Ibrahim mit ihrer Galerie aus Chicago mitbringt. Sie stellt zum ersten Mal auf der Art Basel aus: Stars wie Amoako Boafo (400.000 Dollar) oder Ian Mwesiga. Statt vom Hype um afrikanische und afroamerikanische Künstler spricht sie von einer notwendigen Korrektur.

Nach dem Trubel auf der Hauptmesse kann man auf dem Messevorplatz über Lawrence Weiners aufs Pflaster applizierte Piktogramme hinüber zur Design Miami hüpfen und sich hier mit erlesenen Objekten von Jean Royère oder George Jouve entspannen. Ebenfalls sehr lohnenswert.

Eva Karcher

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