"Die Partei" bei der Europawahl : Protest der Privilegierten

"Die Partei" zählt zu den Gewinnern der Europawahl. Das ist gar nicht lustig, denn sie betreibt ihre Satire auf dem Rücken von Minderheiten. Ein Kommentar.

Nico Semsrott (links) und Martin Sonneborn beim Wahlkampf für "Die Partei".
Nico Semsrott (links) und Martin Sonneborn beim Wahlkampf für "Die Partei".Foto: dpa/Wolfgang Kumm

Unendlicher Spaß, das ist das Wahlversprechen von „Die Partei“. Das Satireprojekt unter Martin Sonneborn macht sich über alles und jeden lustig, besonders über die Absurdität des Politbetriebs selbst. Unter dem Motto „Für Europa reicht’s“ tourten Sonneborn und sein Komiker-Kollege Nico Semsrott in den letzten Wochen durch das Land. Mit Erfolg: Beide können in das Europaparlament einziehen, „Die Partei“ holte 2,4 Prozent der Stimmen.

Den Wahlerfolg haben sie vor allem jungen Menschen in Großstädten zu verdanken. Acht Prozent der unter 30-Jährigen wählten die Satirepartei. Im traditionell linksgrünen Friedrichshain-Kreuzberg triumphierten nicht nur die Grünen, sondern auch „Die Partei“, die fast neun Prozent der Stimmen holen konnte und damit CDU, AfD und FDP weit hinter sich ließ.

Dass so viele junge Menschen in Deutschland eine Spaßpartei wählen, ist nicht besonders lustig. Es ist ein Armutszeugnis für die GroKo- Parteien, die offenbar jeglichen Kontakt zu jungen Wählerinnen und Wählern verloren haben. Die missglückte Antwort der CDU auf das Rezo-Video machte das in den letzten Tagen noch einmal deutlich. Das Wahlergebnis zeugt aber auch von einer Politikverdrossenheit, die man sich erst mal leisten können muss. Denn wer in Deutschland von rassistischer Gewalt, Armut oder homofeindlicher Diskriminierung betroffen ist, wählt wohl kaum zum Spaß. „Die Partei“ ist die Protestpartei der Privilegierten.

Das zeigt auch das Wahlverhalten von Martin Sonneborn, der seit 2014 im Europaparlament sitzt und dort abwechselnd mit „Ja“ und „Nein“ stimmt. So geschehen am 1. März dieses Jahres, als es um ein Verbot der sogenannten Konversionstherapie ging. Sonneborn stimmte gegen das Verbot – weil es sein persönlicher Rhythmus gerade so vorsah. Dabei ist Konversionstherapie eine ziemlich ernste Sache. Zu den Methoden dieser Pseudo-Therapie, die Schwule und Lesben „umpolen“ soll, gehören neben Gesprächen und Beten auch Dämonenaustreibungen und Behandlungen mit Elektroschocks. Sie hinterlassen oft bleibende psychische Schäden, bis hin zum Suizid.

In mehreren europäischen Ländern sind jetzt rechtsnationalistische Parteien stärkste Kraft geworden, die ebensolche Therapien befürworten. Die Lage ist zu ernst, als dass man weiterhin Satire auf dem Rücken von Minderheiten betreiben könnte. Sonneborn und Co. müssen jetzt Verantwortung übernehmen, wenn es schon ihre Wählerinnen und Wähler nicht tun. Sie sollten mit ihrem Wahlverhalten den rechten Parteien im Europaparlament etwas entgegensetzen und deutlich machen, dass es nicht peinlich ist, politisch für etwas einzustehen, sich gegen Rassismus oder Homofeindlichkeit zu engagieren. Vor den Wahlerfolgen von AfD, Rassemblement National oder Lega mag es einen Platz für eine Satirepartei im Europaparlament gegeben haben. Der Spaß ist vorbei.

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