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Die Matriarchin. Die resolute Mamaw (Glenn Close) muss die Erziehung des vernachlässigten J. D. (Owen Asztalos) übernehmen.
© Netflix

Wer versteht bloß diese „Rednecks“?: Die Romanverfilmung von „Hillbilly-Elegie“ scheitert ein zweites Mal

Vor vier Jahren sollte der Bestseller „Hillbilly-Elegie“ Trumps Amerika erklären. Ron Howards Verfilmung hinterlässt vor allem einen schalen Beigeschmack.

Von Andreas Busche

Die Menschen im sogenannten Rostgürtel der USA, der Heimat der Kohle- und Stahlindustrie, der Amerika sein prosperierendes 20. Jahrhundert verdankt, wurden in den vergangenen Jahren von der politischen Öffentlichkeit wie ein Sozialexperiment betrachtet.

Hier schien die Antwort auf die Frage zu liegen, wie ein Präsident Donald Trump möglich werden konnte. Man sah das gerade erst wieder bei der Präsidentschaftswahl, als sich die Politauguren der Nachrichtensender stündlich über die Wahlbezirke in den „Swing States“ beugten, als diagnostizierten sie einen kranken Patienten.

2016 wurde J. D. Vance’ autobiografischer Familienroman „Hillbilly-Elegie“ als einer dieser Schlüsseltexte gefeiert, der erklären sollte, was die verarmte weiße Arbeiterklasse in die Arme eines Mannes treiben konnte, der fernab des „Heartlands“ in einem goldenen Kitschpalast residiert.

Dem damals 32-jährigen Vance, Enkel eines Minenarbeiters, Sohn einer alleinerziehenden, medikamentenabhängigen Mutter, die aus den Bergen von Kentucky in die nördlichen Industrieregionen der Appalachen geflohen waren, bevor auch dort die Fabriken reihenweise dichtmachten, wurde die Anamnese eines ganzen Landes aufgebürdet.

In seinen Lebenserinnerungen blickt er allerdings auch nur von außen auf seine Herkunft, was ihm später immer wieder vorgehalten wurde. Sein „Bergvolk“ kennt Vance lediglich von Familienbesuchen an Wochenenden, er ist zudem der Erste in seiner Familie, der es zu einem Jura-Abschluss bringt, noch dazu in Yale. Heute ist er ein erfolgreicher Hedgefonds-Manager im Silicon Valley. Ein amerikanischer Traum.

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Den Tonfall zwischen unterschwelliger Herablassung gegenüber den „Welfare Queens“ und Familienvätern, deren einzige Sprache die Gewalt zu sein scheint, und dem Aufsteigerstolz eines Mannes, der es geschafft hat, hat Ron Howard in seiner lang erwarteten Verfilmung weiter gedämpft, die ab jetzt auf Netflix läuft.

Bei einem Dinnerempfang der Ivy-League-Eliten, wo sich Vance, gespielt von Gabriel Basso, für ein Praktikum empfehlen will, ist der Junge vom Land sichtlich fehl am Platz. Die feine Gesellschaft betrachtet ihn wie eine exotische Spezies.

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Als einer der Gesprächsteilnehmer scherzhaft die Bezeichnung „Redneck“ fallen lässt, vereist Vance’ Miene. „Dieses Wort benutzen wir nicht.“ Die Scham der Herkunft schwingt dennoch mit: Beim Essen scheitert er am Silberbesteck mit seinen unterschiedlichen Formen und Funktionen.

Neue Einsichten liefert der Film nicht

Viele hatten gehofft, dass Howard, ein wertkonservativer Hollywood-Liberaler wie er im Buche steht, die Kritik an Vance’ Buch – ganz zu schweigen von den vergangenen vier Jahren – aufgreifen würde. Bei Verfilmungen von Bestsellern, die so ihrer Zeit verhaftet sind wie „Hillbilly-Elegie“, ist ja im Grunde die Frage, was ein Regisseur am Ende weglässt, am interessantesten.

Hier fällt die Antwort frustrierend aus. Neue Einsichten liefert der Film nicht, er fällt sogar noch hinter die Vorlage zurück. Der Autor Vance ist wenigstens ein eloquenter Beobachter, auch wenn ihm die analytische Schärfe fehlt. Dem Regisseur Howard mangelt es an beidem.

Howards soziologische Beobachtungen, für die der sozialkonservative Vance – ein Republikaner, kein Trump-Anhänger – nicht nur von links, sondern vor allem aus seinem Herkunftsmilieu kritisiert wurde, halten sich mit oberflächlichen Beschreibungen auf.

Der Film taugt nicht zur nationalen Bestandsaufnahme

Es wird viel geschrien in „Hillbilly-Elegie“: im Wohnzimmer, von der Veranda, auf der Straße. Einmal zündet Vance’ kettenrauchende, fluchende Großmutter Mamaw ihren Brutalo-Ehemann an. Glenn Close, die Mamaw mit einer unansehnlichen Perücke spielt, und Amy Adams als Mutter Bev, zwischen Liebe, Sucht und gewaltsamen Ausbrüchen, überbieten sich gegenseitig im Overacting.

Es ist das eine, wenn ein Autor so über seine Familie schreibt. Aber als Showbühne für die nächste Oscar-Verleihung bleibt ein schaler Beigeschmack. Zumal Adams schon vor 15 Jahren in „Junebug“ eine der liebevollsten Darstellung einer „Southern Lady“ gelungen ist.

Howard konzentriert sich in erster Linie auf Vance’ inneren Zwiespalt: zwischen der Verantwortung für seine Mutter, die nach einer Überdosis im Krankenhaus liegt, und Schwester Lindsay (Haley Bennett) – oder seiner Karriere, der Abnabelung von der Familie. Am nächsten Morgen hat er ein Vorstellungsgespräch, das über seine weitere Zukunft entscheidet.

Dazwischen kehrt der Film an die Stationen der Kindheit zurück, in der sich die Matriarchin Mamaw als einzige Stütze erweist. Alles, was über die ökonomischen und kulturellen Umstände hinausweist, blendet Howard aus: Man muss nur an sich glauben, um es in Amerika zu schaffen.

Schon Vance ist dieses Mantra von Kritikerinnen um die Ohren gehauen worden. Der Film taugt noch weniger als das Buch zur nationalen Bestandsaufnahme. Nun hat Amerika vier weitere Jahre, um Antworten zu finden.

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