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Von der fürsorglichen Ehefrau zur Spaßverderberin: Leïla (Leïla Bekhti) ist von den Ausfällen ihres Mannes zunehmend überfordert.
© Stenola Productions

„Die Ruhelosen“ im Kino: Die soziale Zeitbombe

Eingezwängt in Rollenmustern: In „Die Ruhelosen“ dominiert eine Krankengeschichte eine Familie. Der stille Star von Joachim Lafosses Film ist der kleine Sohn.

Damien ist als Maler geschäftlich so erfolgreich, dass es für zwei dicke Autos und ein großzügiges und geschmackvoll ausgestattetes Familienanwesen zwischen sattem Grün mit anliegendem Teich reicht. Partnerin Leïla restauriert nebenan in einem zweiten Atelier alte Möbel und betreut die Hausaufgaben des entzückenden gemeinsamen Sohns Amine.

Alles perfekt also, wäre da nicht Damiens manische Depression, die den kräftigen Mann mit den Zottellocken zu einer sozialen Zeitbombe macht, die Partnerin, Sohn und Nachbarn mit einer Hyperaktivität verstört. Diese Phasen beginnen meist gut gelaunt, aber enden oft in groben Aggressionen.

Wenn er nachts lautstark alte Fahrräder repariert, sich mit Sprüngen in den Teich vor den Kindern der Nachbarschaft zum Clown macht oder den Konditorladen leer kauft, ist das für Amine und Mutter Leïla peinlich. Gefährlich wird es, wenn Damien sich in manischem Zustand ans Steuer setzt, um in wilder Raserei den Sohn zur Schule zu fahren. Oder er, so beginnt „Die Ruhelosen“ im bunt ausstaffierten Urlaubsidyll, den zehnjährigen Jungen das Motorboot vom Tauchausflug zurückfahren lässt, weil er aus einer Laune heraus lieber ans Ufer schwimmt.

Kleinfamilie unter Druck

Der Bootsausflug geht noch mal gut aus, auch dank der Umsicht des Sohnes, der offensichtlich nicht zum ersten Mal in eine solche Lage kommt – und die aufgezwungene Verantwortung vielleicht sogar genießt. Meist überfordert diese aber, die Attacken des Vaters und die in ihnen lauernden Gefahren setzen die Kleinfamilie heftig unter Druck. Und nachdem der belgische Regisseur Joachim Lafosse das Begehren des Paares noch einmal deutlich ausgestellt hat, verschiebt sich die Beziehung zwischen Leïla und Damien zunehmend vom Partnerschaftlichen zu einseitiger Fürsorge. Leïla gerät in die Rolle der strengen Spaßverderberin, die zur Einnahme der Medikamente, zum Maßhalten und zur Rücksicht auf den Sohn drängt.

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Der auf gestörte Beziehungen spezialisierte Lafosse („Die Ökonomie der Liebe“) inszeniert diesen Wandel als Reihung von zunehmend auch körperlich übergriffigen Szenen, die in ihrer Drastik ausgestellt wirken – auch wenn der Regisseur sie durch eigene Erfahrungen als Sohn eines bipolaren Vaters biografisch beglaubigt. Dabei konzentriert sich der von Jean-François Hensgens meist mit naher Handkamera gedrehte Film auf Beobachtungen des zunehmend gestressten Familienlebens, das soziale Umfeld und eine klinische Behandlung Damiens werden nur angedeutet.

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Mit Lust am Klischee inszeniert ist dabei das Bild des wilden Künstlers, der den Exzess zum Schaffen braucht. In einer zentralen Szene kommt Leïla zu einer Aussprache in Damiens Atelier, wo dieser ohne Reaktion zu den laut aufgedrehten Klängen von Jean Ferrats „Mes amours“ wie besessen an einem Ölgemälde wischt und kratzt. Später wird er mit verbaler Vehemenz seine genialen künstlerischen Pläne (New York!) den Begrenztheiten des bürgerlichen Lebens gegenüber stellen. Gegen Ende des Films verschiebt sich der Fokus auf die zunehmend launische Leïla, die Damiens Rückkehr zur Kunst und seine Annäherung an den Sohn hintertreibt und so auch Amine von sich entfremdet.

(In den Kinos Kant, Brotfabrik, Delphi Lux, fsk, Wolf, auch OmU)

Das alles ist von Leïla Bekhti (hierzulande bekannt aus der Netflix-Serie „The Eddy“) und Damien Bonnard (Die „Wütenden“) energetisch und eindringlich gespielt, schwächelt aber durch die (auch geschlechter-)stereotype Anlage von Figuren und Plot. So wird der vom androgyn wirkenden Gabriel Merz Chammah mit subtiler Zurückhaltung gespielte Amine zur einzigen Identifikationsfigur: Einmal zaubert der Junge mit der spontan nachgespielten Imitation eines früheren väterlichen Anfalls sogar ein Lächeln auf die Gesichter der Eltern – und einen Hauch von Humor in den Film.

Zur Lösung reicht das aber nicht. Und leider gibt ihm auch das Drehbuch kein Eigenleben jenseits der familiären Relationen und somit auch keine Möglichkeiten zur Entwicklung. So lässt sich „Die Ruhelosen“ mit dem größten Gewinn vielleicht – jenseits der Krankheitsgeschichte – als bitter überzeichnete Darstellung einer zwischen klassischen Rollenmustern eingezwängten Kindheit sehen. Anstrengend ist das beim Zuschauen streckenweise aber schon.

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