Die Tagesspiegel-Jury hat gewählt : "Negalyod" ist der beste Comic des Jahres

Platz zwei geht an das deutsche Taxifahrer-Drama "Nachts im Paradies". Hier begründen die Autorinnen und Autoren ihre Entscheidung.

Lars von Törne
Negalyod: Das Album des 35-jährigen Franzose Vincent Perriot (hier das Titelbild) überzeugte die Tagesspiegel-Jury.
Negalyod: Das Album des 35-jährigen Franzose Vincent Perriot (hier das Titelbild) überzeugte die Tagesspiegel-Jury.Foto: Carlsen

Der Saurierhirte Jarré wird in einer postapokalyptischen Welt in die Auseinandersetzung zwischen Rebellen und einer autoritären Regierung verwickelt. Es geht um Leben und Tod – und um einige der großen Menschheitsfragen: ökologische Katastrophen, das Ringen um politische Teilhabe, die Aufteilung der Welt in Habende und Dienende oder die zunehmende digitale Kontrolle der analogen Welt. Neben einem packenden Plot bietet das Comic-Album Negalyod (Carlsen, 208 S., 28 €) des 35-jährigen Franzose Vincent Perriot fantastische Wüstenkulissen und ausgefeilte Stadtarchitekturen, die an Comic-Altmeister Moebius erinnern. Damit hat dieser Science-Fiction-Western im vergangenen Jahr nicht nur viele Leser begeistert, sondern jetzt auch die Tagesspiegel-Jury: „Negalyod“ ist für sie der beste Comic des vergangenen Jahres.

Elf Titel wählte die Jury, die erneut aus acht Autorinnen und Autoren der Tagesspiegel-Comicseite bestand, dieses Mal in die Endrunde. Jedes Jurymitglied hatte zuvor fünf Favoriten nominiert und mit Punkten von fünf bis eins bewertet. Auf der Shortlist landete jeder Titel mit mindestens fünf Punkten oder zwei Nennungen, diese wurden dann abschließend bewertet – siehe Tabelle. Die abschließende Rangfolge ergibt sich aus der durchschnittlichen Punktzahl.

"Nachts im Paradies"

Auf dem zweiten Platz ein Titel aus deutscher Produktion: das Taxifahrer-Drama „Nachts im Paradies“ (Edition Moderne, 352 2., 29,80 €) des Münchener Comicautors Frank Schmolke. „Man wird von diesem starken deutschen Noir- Krimi aus der bayrischen Landeshauptstadt eiskalt erwischt“, urteilt Jurymitglied Christian Endres. Schmolke, der selbst lange Taxi gefahren ist, erzählt vom Münchner Taxifahrer Vincent, der zur Zeit des Oktoberfests in eine Welt von Prostitution und Gewalt stolpert. Der Strich wirkt kratzig, unruhig, der kantige Zeichenstil gibt dem Ganzen eine roh wirkende Anmutung. „Dieser Münchner Taxi Driver ist absolut packend und souverän umgesetzt“, lobt Endres.

"Sabrina"

Auf Platz drei landete ein Titel, der schon vor seiner Veröffentlichung auf Deutsch auch hierzulande viel Aufmerksamkeit erregte: die Erzählung Sabrina (Blumenbar, 208 S., 26 €) des US-Comicautors Nick Drnaso. Es ist die erste Graphic Novel, die je für den renommierten Man-Booker-Literaturpreis nominiert worden ist. Vor dem Hintergrund der Geschichte um eine verschwundene junge Frau geht es darin um zwei Freunde, die mit ihren Gefühlen überfordert sind und sich in virtuelle Welten und Verschwörungstheorien flüchten. „Die Panels wirken in ihrer Klarheit und Reduziertheit fast trist und leer, die Mimik der Figuren ist bis aufs Äußerste verschlankt und die extensive Nutzung der Zentralperspektive verstärkt die Distanz zu den Figuren“, urteilt Jurorin Ute Friederich. „Dennoch ist einem das Schicksal der Männer nicht egal, denn ihre Unsicherheit zeigt, wie verlockend einfach es scheint, Zuflucht in der medialen Welt zu suchen und den Bezug zum echten Leben zu verlieren.“

Die Punkte der Jury
Die Punkte der JuryFotos: privat, Grafik: Tsp/Bartel

"Wir waren Charlie"

Gleich dahinter auf Platz vier: Wir waren Charlie (Reprodukt, 320 S., 29 €), die Erinnerungen des Zeichners Luz, der viele Jahre lang für die französische Zeitschrift „Charlie Hebdo“ arbeitet, den mörderischen Anschlag auf die Redaktion im Jahr 2015 nur durch einen Zufall überlebte und danach vorübergehend Chefredakteur war. Jurymitglied Birte Förster: „Zeichner Luz, eigentlich Rénald Luzier, setzt Cabu, Charb, Tignous und all den anderen, die bei dem Terroranschlag auf das Satiremagazin am 7. Januar 2015 ums Leben gekommen sind, ein großartiges Denkmal.“ Mit lockerem Strich skizziere der Autor den Arbeitsalltag aus kreativen Einfällen, Albernheiten und Kabbeleien. „Lebhaft und charmant charakterisiert er aber vor allem seine früheren Kollegen, die mit der Zeit zu Freunden wurden.“

"Das Licht, das Schatten leert"

Die autobiografische Erzählung Das Licht, das Schatten leert (Edition Moderne, 240 S., 29 €) der Berliner Zeichnerin Tina Brenneisen folgt auf dem nächsten Platz. Darin thematisiert die Autorin die Totgeburt des eigenen Sohnes und ihren eigenen Umgang sowie den ihres Partners damit. Jurorin Birte Förster lobt neben der vielschichtigen Erzählweise die facettenreiche grafische Gestaltung: „Die Zeichnerin kehrt ihr Inneres über eindringliche Metaphern nach außen, die versinnbildlichen, wie sie den Halt verliert.“ Und Ute Friederich schreibt: „Tina Brenneisen erzählt schonungslos ehrlich, auch von allen Tabus, die mit dem Thema Totgeburt verbunden sind. Von dem Hadern mit dem eigenen Körper, von Schuldgefühlen und einem Verlangen nach Strafe und Gerechtigkeit.“

"Alack Sinner"

Auf Platz sechs landet die Neuauflage eines Comic-Klassikers: die gesammelten Comics der Noir-Krimi-Reihe „Alack Sinner“ (Avant, 704 S., 49 €), die die Argentinier Carlos Sampayo und José Muñoz von 1975 bis 2006 veröffentlicht haben. „Die expressiven, kontrastreichen Schwarz-Weiß-Zeichnungen passen kongenial zu den abgründigen, milieustarken Szenarios, in denen es vor lebensnahen Nachtgestalten nur so wimmelt“, befindet Jurymitglied Ralph Trommer. „Bis zum Ende der Serie fingen Sampayo und Muñoz die Korruptionen und Niederungen der Großstadt – ein fantasiertes und doch sehr reales New York – hart und unerbittlich ein.“

„Ein origineller, wunderschön gestalteter und erzählter Comic“, lobt Jurorin Barbara Buchholz.
„Ein origineller, wunderschön gestalteter und erzählter Comic“, lobt Jurorin Barbara Buchholz.Foto: promo

"Ein kleiner Schritt für die Menschheit"

Auf dem nächsten Platz: die Groteske Ein kleiner Schritt für die Menschheit (Jaja Verlag, 120 S., 18 €). Der Offenbacher Künstler Joachim Brandenberg erzählt darin von drei venezianischen Wissenschaftlern im 14. Jahrhundert, die beweisen wollen, dass sie nur weit genug gen Osten reisen müssen, um den Mond betreten zu können, der ja bekanntlich dort aufsteige. Das Buch besteche neben dem Artwork und der Liebe zum Detail auch durch seine virtuose Nutzung der Ausdrucksmittel dieser Kunstform, lobt Jurorin Barbara Buchholz: „Ein origineller, wunderschön gestalteter und erzählter Comic.“

"Monster"

Auf Platz acht eine weitere Neuauflage: die 18-bändige Thriller-Reihe Monster des japanischen Mangaautors Naoki Urasawa. Die war nach ihrer ersten deutschen Auflage 2002 bis 2006 lange vergriffen, jetzt veröffentlicht Carlsen eine erweiterte und qualitativ hochwertigere „Perfect Edition“, deren erste zwei Bände bereits erschienen sind (à 428/404 S., je 20 €). „Nicht nur Fans der japanischen Zeichenkunst sollten den Klassiker auf ihre Leseliste setzen“, schreibt Jurymitglied Sabine Scholz über die in Deutschland und Tschechien spielende Geschichte um einen Serienmörder. „Trotz all der eindringlichen Düsternis und des Spiels mit moralischen Fragen schimmert immer wieder auch Menschlichkeit durch.“

"Conan, der Cimmerier"

„Natürlich ist das hier Rummelplatzliteratur: aufregend, unterhaltsam und aus der Zeit gefallen. Aber eben nicht nur“ – das schreibt Jurymitglied Moritz Honert über eine neue Reihe von „Conan“-Adaptionen, deren erster Band Conan, der Cimmerier – Die Königin der schwarzen Küste (Splitter, 64 S., 15,80 €) auf Platz neun landete. Vordergründig erzählten Autor Jean-David Morvan und Zeichner Pierre Alary rasante Schwänke voller Blut, Gold und kaum verhüllter, kantig-cartooniger Astralleiber. „Wovon sie aber auch erzählen, ist die archaische Seligkeit des Fernwehs.“

"Strannik"

Auf Platz zehn: Die dokumentarische Erzählung Strannik (Rotopol, 48 S., 14 €), in der es um einen obdachlosen russischen Mixed-Martial-Arts-Kämpfer namens Vyacheslav geht. Die Autorin Anna Rakhmanko und der Zeichner Mikkel Sommer verknüpfen dafür zwei Ebenen: einerseits skizzenhafte Zeichnungen, die Vyacheslav auf seinen Streifzügen durch die Stadt oder bei einem Kampf zeigen, andererseits Texte, in denen Rakhmanko das verdichtet, was Vyacheslav ihr über seine Kindheit, seine Erfahrungen und Träume anvertraute. „Die beiden Erzählungen ergänzen sich wunderbar, weil immer wieder Verbindungen erkennbar werden und weil sie die unterschiedlichen Facetten von Vyacheslavs Persönlichkeit gekonnt spiegeln“, urteilt Jurorin Ute Friederich.

"Moonshine"

Der Südstaaten-Horror-Krimi „Moonshine“ (Cross Cult, bisl. 2 Bd. à 144 S., je 22 €) landet auf Platz elf: US-Autor Brian Azzarello „bedient mit seiner Story, seinen Figuren und deren Dialogen auf vorzügliche Weise gleich mehrere Subgenres zwischen Gangstern und Werwölfen“, urteilt Jurymitglied Christian Endres. Und der argentinische Zeichner Eduardo Risso liefere dazu die passenden Bilder: „stimmungsvoll, brutal, lässig, blutig, cool oder – und – unverschämt sexy“. Sein Fazit: „Nichts Feingeistiges, aber ein perfekt gemachter Reißer mit Whiskey, Wolfsfängen und Maschinenpistolen.“

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