Doku-Essay „Spell Reel“ : Archäologie der Bilder

Die komplizierte Geschichte eines vergessenen Archivs: Filipa César ergründet im Doku-Essay „Spell Reel“ die Aktualität der antikolonialen Befreiungskämpfe in Guinea-Bissau.

Simon Rothöhler
Mobiles Kino. Die geretteten Filme werden wieder in Dörfern gezeigt.
Mobiles Kino. Die geretteten Filme werden wieder in Dörfern gezeigt.Foto: Arsenal Institut

Eine Filmdose wird geöffnet. Darin 16mm-Material, dessen Aggregatzustand an geschmolzene Lakritze erinnert. Durch Hitze, Feuchtigkeit und Lagerverwahrlosung ist eine merkwürdig opake Skulptur entstanden, die nicht mehr aufgerollt, in einen Projektor eingelegt, befragt werden kann. Unbrauchbar, sagt jemand. Andere Dosen sind beschriftet und enthalten Zelluloid, das trotz aller Angegriffenheit noch filmische Informationen enthält, die in die Gegenwart transportierbar sind.

„Spell Reel“, eine dokumentarische Arbeit von Filipa César, erzählt die komplizierte Geschichte eines vergessenen Archivs. Und wie es wiederentdeckt, teilweise restauriert und schließlich öffentlich zugänglich gemacht werden konnte. Es ist die Geschichte einer Entbergung wie einer Mobilisierung. Das 16mm-Material verdankt seine Entstehung einer militanten Kinopraxis. Gedreht wurde es während der antikolonialen Befreiungskämpfe in Guinea-Bissau, die elf Jahre angedauert und 1974 zur Unabhängigkeit des Landes geführt hatten. Dessen Territorium war seit dem späten 15. Jahrhundert als portugiesische Kolonie unter Fremdherrschaft gestanden.

Szenen zirkulierten mittels Open-Air-Kinos durch Guinea-Bissau

Die historischen Aufnahmen stammen vorwiegend von Sana na N’Hada, der sich Anfang der sechziger Jahre den Guerilla-Truppen Amílcar Cabrals angeschlossen hatte. 1974, im Jahr der portugiesischen Nelkenrevolution, war der durch eine Geschichte wechselvoller Allianzen und Fraktionierungen belastete Kampf schließlich gewonnen. N’Hada war als Sanitäter zu den Guerillas gestoßen, hatte Landbewohner paramilitärisch ausgebildet und später das Kino entdeckt: für sich und als Medium des Befreiungskampfes. Cabral schickte den jungen Mann zur Revolutionsfilmausbildung nach Kuba, wo ihn Santiago Àlvarez – der u.a. an „Die Stunde der Hochöfen“ (1968) beteiligt war, einem Schlüsselfilm des postkolonialen „Dritten Kinos“ – mit Praktiken vertraut machte, die Imperialismus und Kolonialismus politisch wie ästhetisch in die Defensive bringen sollten.

„Spell Reel“ deutet in einigen Passagen das geopolitisch verzweigte, prononciert internationalistische Netzwerk an, zu dem auch Regisseure wie Chris Marker gehörten, der Aufnahmen von N’Hada in seinem Essayfilm „Sans Soleil“ (1983) integrierte. Wichtiger als eine Rekonstruktion des Dekolonisierungsprozesses und der Entstehungsbedingungen des 16mm- Materials ist für César eine Erkundung seiner politischen Aktualität. Die in Kooperation mit dem Berliner Arsenal restaurierten Szenen zirkulierten 2014 mittels eines mobilen Open-Air-Kinos durch Guinea-Bissau. Die filmisch dokumentierten Vorführungen und Diskussionen geben einen Einblick in die politische Gegenwart des Landes, das zuletzt 2012 einen Militärputsch erlebt hat. Insbesondere aus den Diskussionsbeiträgen von Vertretern der jüngeren Generation wird – neben einer allgemeinen Skepsis gegenüber den regierenden, regelmäßig putschenden Eliten – deutlich, dass das nun mobile Filmarchiv des Befreiungskampfes einen wichtigen Ausgangspunkt für ein öffentliches Gespräch über die historische Genealogie der gegenwärtigen Verhältnisse bilden kann.

Dass die „Rettung“ des Archivs, deren Realisierung sich „entwicklungspolitisch“ ausgewiesener „Kulturerhalt“-Fördermittel des Auswärtigen Amtes verdankt, nicht ohne Verweise auf die lange Geschichte einer asymmetrischen Beziehung verstehbar ist, markiert „Spell Reel“, wenn eine Reisegruppe aus Guinea-Bissau, zu der auch Sana na N’Hada gehört, bei einer Führung durch die Berliner Stadtlandschaft der Gegenwart an einer Gedenktafel in der Wilhelmstraße 77 stoppt. Dort stand einst das Reichskanzlerpalais, in dem vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885 die „Berliner Konferenz“ getagt hatte. Afrikanische Vertreter waren damals nicht eingeladen, als die Großmächte auf Einladung Bismarcks den Kontinent unter sich aufteilten.

Brotfabrik, Wolf

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