Dokumentarfilm über Edgar Reitz : Filme können Freundschaften kosten

Edgar Reitz wird beim Deutschen Filmpreis für seine Verdienste für das Kino ausgezeichnet. Die neue Doku „Mit 800 Mal einsam“ porträtiert den Regisseur.

Regisseurin Anna Hepp mit Deutschlands Kino-Chronisten Edgar Reitz.
Regisseurin Anna Hepp mit Deutschlands Kino-Chronisten Edgar Reitz.Foto: Déjà-vu Film

„Wenn ich zurückblicke auf diese fünfzig Jahre, dann habe ich höchstens drei oder vier ausschließlich mit der Kunst vollbracht, und all die anderen Jahre waren Kämpfe ums Überleben und um sein Terrain zu erobern.“ Das sagt Edgar Reitz, einer der angesehensten deutschen Filmregisseure.

Der Satz erzählt viel über die Bedingungen des Filmemachens in Deutschland. Er beschreibt aber auch die Gewissenhaftigkeit des Menschen und Künstlers. Er fällt relativ spät in „800 Mal einsam – Ein Tag mit dem Filmemacher Edgar Reitz“, der damit beginnt, dass das Filmteam sich um Reitz und die Regisseurin Anna Hepp in einem leeren Kinosaal einrichtet.

Später besichtigen Hepp und Reitz in choreografierten Totalen das architektonisch beeindruckende Gebäude – die Lichtburg in Essen. Reitz erklärt sein Kino als Angebot, der Einsamkeit in einer Gemeinschaft auf Zeit zu entkommen: „Das Schöne ist, wenn du dir vorstellst, hier sitzen 800 Menschen und jeder von denen ist im selben Takt, wird sozusagen vom Film getaktet.“

Tiefer Absturz nach Verriss

Der Untertitel von Hepps Film – „ein Tag mit ...“ – ist Programm. Die Schauplätze wechseln später unter anderem noch von einem Waldstück in eine Kantine. Auch hier fließt als performativer Rahmen die – teilweise im Zeitraffer hochgequirlte – Drehsituation selbst ein. 2013 hatte die Filmemacherin und Fotografin Anna Hepp das Porträt „Ich möchte lieber nicht“ über den pensionierten Frankfurter Kulturfunktionär Hilmar Hoffmann gedreht, das auch zu einer schönen Arbeit über die Nicht-Möglichkeit der Annäherung wurde.

Mit dem 1932 geborenen Reitz läuft es deutlich besser, er öffnet sich nach grummeligem Beginn im Laufe des Drehtags zusehends. Dabei lässt er nach Kindheitserinnerungen und dem legendären Auftritt der jungen revoltierenden Filmemacher bei den Oberhausener Kurzfilmtagen (deren Leiter übrigens damals Hilmar Hoffmann war) auch fast überdeutlich dunkle Aspekte einfließen: „Es gab Phasen in meinem Leben, wo ich mich gefragt habe, welcher Unglücksstern hat mich einen Filmemacher werden lassen.“

Und wenn er erzählt, wie er nach einem vernichtenden Verriss seines Herzensprojekts „Der Schneider von Ulm“ 1978 im „Spiegel“ tief abstürzte („finanziell und moralisch“), wird deutlich, welche Verantwortung auch Filmkritik tragen kann. Aus diesem Absturz gerettet hat Reitz die Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte, die wenige Jahre später in dem Großprojekt „Heimat“ künstlerischen Niederschlag fand. Doch die ästhetisch so produktive Verzahnung mit dem Privaten bleibt nicht ohne Nebenwirkungen.

Persönliches Leben durch Filme ausgelöscht

In einer zentrale Passage des Films konstatiert Reitz, dass das Schaffen von Filmen aus der Biografie das persönliche Leben auslösche: „Wenn ich alle meine Freunde verfilmt habe, habe ich keine mehr.“ Auf Hepps emotionale Reaktion erklärt der Regisseur trocken, die Umwandlung von Realität in Kunst oder in Fiktion sei eben kein harmloser Vorgang: „Die emotionale Tiefe, die sie mal hatte, hat sie nach dem Film nicht mehr. Dafür hat sie dann der Film. Und es können nachher Tausende Menschen gerührt sein, wenn sie den Film sehen.“

Filmausschnitte gibt es in Hepps Film nur sehr sparsam, an zwei Stellen und einer einstimmenden Schnipselschau am Anfang. Das ist gut, man kann sie ja anderswo im Kontext ansehen. Ein bisschen albern ist, wenn „800 Mal einsam“ stilistische Eigenheiten von Reitz’ Arbeiten nachahmt. Doch dies schadet nicht der Schönheit und Präzision dieses ungewöhnlichen Filmporträts, das in klaren Worten und Bildern zentrale Fragen der Kunst und des Lebens verhandelt.

Abschied sei das schönste Filmthema für ihn, sagt Reitz, auch weil jeder Film und jede Einstellung vom Vergehen der Zeit erzähle. Der Trost sei, dass Filmemacher sie in ihrem Schaffen aufbewahren können. Genau dies tut auch Anna Hepp mit ihrem Film.
Ab dem 5. März in den Kinos

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!