Dokumentation über die DDR : Matrose auf sinkendem Schiff

Väter-Doku: Andreas Goldsteins Essayfilm „Der Funktionär“ über den SED-Politiker Klaus Gysi.

Matthias Dell
Vater und Sohn in vergangenen Tagen, als die DDR noch ein Staat mit Zukunft war.
Vater und Sohn in vergangenen Tagen, als die DDR noch ein Staat mit Zukunft war.Salzgeber

Als Andreas Goldsteins Dokumentarfilm „Der Funktionär“ Ende März in der Akademie der Künste seine Berliner Premiere feierte, meldete sich im anschließenden Gespräch ein Mann aus dem Publikum zu Wort. Der wollte wissen, warum der Film über den DDR-Funktionär Klaus Gysi so trist ausgefallen sei und nichts von dem Charme und Witz des Politikers vorkomme. Weil es darum nicht gehe, antwortete der Filmemacher, weil die Witze, der Charme nur Ausfluchten gewesen seien, Kompensation in privater Runde, mit der das Scheitern im öffentlichen Leben überspielt werden sollte. „Der Funktionär“ sei keine Biografie Klaus Gysis und auch kein Porträt.

Und, ließe sich anfügen, keine Abrechnung des Sohnes mit dem Vater (1912-1999) – auch wenn der Film so aussehen mag und man der belegten Sprecherstimme Goldsteins die Schwierigkeiten anmerkt, über den „Funktionär“ zu reden. Andreas Goldstein, Halbbruder des Politikers Gregor Gysi und gerade erst als Regisseur mit seiner theaterhaft reduzierten Ingo-Schulze-Verfilmung „Adam und Evelyn“ hervorgetreten, ringt mit seinem Vater. Man könnte auch sagen: Er ringt mit der DDR in der Auseinandersetzung mit einem ihrer spezifischen Repräsentanten. Gysi war Verlagsleiter, Kulturminister unter Ulbricht, Botschafter in Rom, Staatssekretär für Kirchenfragen.

Gysi als Agent der DDR-Agonie

Der Film verdammt den Vater nicht, obwohl er schonungslos mit ihm ist. Es handelt sich um einen dokumentarischen Essay, der das Scheitern der DDR von ihrem Ende her bilanziert. Andreas Goldsteins Text kommentiert klug zusammengestellte Bilder (Montage: Chris Wright) verschiedener Herkunft: Fotos, die der Filmemacher in den achtziger Jahren gemacht hat, Footage von Auftritten des Vaters, Aufnahmen von heute und aus den neunziger Jahren.

Klaus Gysi wird in dieser Erzählung zu einem Agenten der Agonie, der zur Begründung seines Tuns immer wieder auf den Initiationsmoment seines politischen Lebens zurückkommt: Dass er als 16-Jähriger vom Fenster aus beobachtet habe, wie ein Arbeiter bei einer Demonstration von der Polizei getötet wurde. Von da an war Gysi klar: „Alles, wie es auch sei, sei besser als das.“ Goldsteins Film macht die Anekdote zum Sinnbild des Gründungsmythos der DDR. Zu einer Antwort, die sich immer wieder geben lässt und die genau dadurch fortlaufend den Anschluss an die Gegenwart verliert.

Viel reden, wenig handeln

Pathos stellt die Zeit still. Aus dem „Alles, wie es auch sei, sei besser als das“ folgt nichts mehr, und je länger die DDR an sich scheitert, desto müder wirkt der Satz. Wenn Goldsteins Text konstatiert, für die DDR habe der verordnete Antifaschismus und die Revolution der Eigentumsverhältnisse gesprochen, dann macht der Film am Beispiel Klaus Gysis deutlich, dass die DDR auf den Fundamenten ihrer Gründung nichts mehr gebaut hat. Dass die Faschisten nicht verschwunden sind, wenn der Antifaschismus am Beginn des neuen Staats steht; dass die Änderung der Eigentumsverhältnisse immer noch neue Bedürfnisse und weitere Herausforderungen produziert.

„Der Funktionär“ ist in diesem Sinne ein Film über tote Zeit. Sieben Jahre habe Ulbricht von Gysi als Kulturminister ein Konzept erwartet, heißt es einmal, sieben Jahre hat er keins geschrieben. Die Handlungsunfähigkeit, die Gysi mit ausschweifender Rhetorik überdeckt, erreicht den Sohn in den „windstillen“ achtziger Jahren als komplette Abwesenheit von Politik. Wie starr die Verhältnisse sind, wird an einem Zitat Erich Honeckers deutlich, der sich gegenüber Gysi wundert, warum die Genossen nicht einfach in die Kirchen gingen und mit den unzufriedenen Menschen redeten.

An den Demos auf dem Alexanderplatz wird etwas sichtbar

In der Erzählung des Films erscheint dem Funktionär dieser Vorschlag absurd, weil ohne Anweisung von oben kein Genosse mehr handelt. Das sind Momente, die den Blick auf die DDR-Geschichte öffnen: eine Metapher auf die Unfähigkeit zum Dialog, der bei der Demonstration vom 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz eingefordert wird. „Der Funktionär“ streift sie. Ein Dialog, für den es zu spät ist: „Kellner, die mit dem Kapitän Fragen der Befehlsgewalt diskutieren, während das Schiff sinkt.“ Fünf Tage später kapituliert die SED.

So schimmert durch die Geschichte des Vaters, der als Mann Ulbrichts unter Honecker abberufen und auf den Botschafter-Posten in Rom abgeschoben wird, die Ahnung vom frühen Ende der DDR: Während Ulbricht in den sechziger Jahren erkennt, dass die Planwirtschaft den Leuten zu wenig Anreiz für die Arbeit bietet, setzt unter Honecker die Bestechung der eigenen Bevölkerung durch Importe von Konsumartikeln ein. Sie führt einerseits zur Abkehr ins Private (die „Adam und Evelyn“ dann in aller gewitzten Paradiesähnlichkeit beschreibt) und andererseits die Schulden anhäufen, die den Staat am Ende untergehen lassen.

Im Modus des zugewandten Leidens

Der Blick auf die DDR in „Der Funktionär“ ist gerade in den theaterkritikerähnlichen Beschreibungen von Talkshow-Auftritten des Vaters bestechend, weil der Film als Korrektiv offizieller Klischees taugt. Goldsteins Ringen im Modus des zugewandten Leidens bilanziert den Verlust einer Möglichkeit. Das unterscheidet diesen Dokumentarismus von Annekatrin Hendels „Familie Brasch“, wo es um die Einschreibung von etwas Unterrepräsentiertem ins gesamtdeutsche Narrativ geht. Oder auch von Thomas Heises Familienchronik „Heimat ist ein Raum aus Zeit“, die Geschichte viel weiter denkt.

„Warum erwarten wir von den Vorangegangenen, dass sie in jedem Augenblick ihres Lebens mit sich selbst identisch sind? So fragt der „Der Funktionär“ einmal nach den Bedingungen seines eigenen Erzählens. Selbst wenn man Andreas Goldsteins Film auf eine Abrechnung des Sohns mit dem Vater reduzieren wollte – dass durch seinen Essayismus nicht auch die Idee vom Charisma des Klaus Gysi spürbar würde, lässt sich nicht in Abrede stellen. Nur ist diese rhetorische Brillanz der Konjunktiv der Geschichte. Von ihr ließe sich reden in einer Welt, in der die Verhältnisse nicht so sind, wie sie sind.

Ab Donnerstag, 11. April, in sieben Berliner Kinos.

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