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Im Kino: Das serbische Drama "Vater - Otac": Don Quijote in Belgrad

Der Filmemacher Srdan Golubović, schon zwei Mal oscar-nominiert, erzählt in "Vater" die wahre Geschichte eines Vaters, der um das Sorgerecht für seine Kinder kämpft.

Die Kamera folgt Nikola Stoijković auf Schritt und Tritt, begleitet ihn, wenn er durch serbische Felder und Dörfer stapft, sieht zu, wie seine Brottüte sich von Tag zu Tag mehr leert und sein Gesicht immer fahler wird. Niemand nimmt ihn ernst, obwohl er es doch so ernst meint. Eisern erträgt Nikola sein Leid, und die Zuschauerin hat keine Wahl, sie leidet mit ihm.

Am Beginn von Srdan Golubovićs serbischem Drama „Vater – Otac“, das auf der Berlinale 2020 mit dem Panorama-Publikumspreis ausgezeichnet wurde, steht eine Drohung. Biljana Stoijković stellt sich mit ihren zwei Kindern auf den Hof eines Fabrikgeländes und erklärt: „In meiner Hand halte ich eine Flasche Benzin. Wenn ihr meinem Ehemann nicht seine ausstehenden Gehälter bezahlt, zünde ich mich und meine Kinder an.“ Stille.

Golubović erzählt in einfacher Bildsprache, er verzichtet auch auf Filmmusik.

Biljana macht einen Teil ihrer Drohung wahr: Sie setzt sich selbst in Flammen, wird aber gerettet. Die Kinder kommen zu einer Pflegefamilie, doch Nikola will sie zurück, will das Sorgerecht wieder, auch weil der Amtsleiter mit der Pflegschaft Geld verdient. Also bricht er zu einem mehrtägigen Fußmarsch nach Belgrad auf, wo er seine Widerspruchsschrift dem Familienminister höchstpersönlich überreichen will.

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„Vater – Otac“ ist eine Geschichte von bitterer Armut und dem Kampf für Gerechtigkeit. Nikola, herausragend gespielt von Goran Bogdan, kämpft als eine Art serbischer Don Quijote gegen Korruption und die Windmühlen der Bürokratie – eine für postsozialistische Länder so typische wie destruktive Kombination. Nach jeder Begegnung mit seinen Widersachern bliebt Nikola als „Ritter von der traurigen Gestalt“ zurück. Doch im Unterschied zu Quijote bedient er sich der Mittel des zivilen Widerstands. Aus dem konsequenten gewaltfreien Protest des Helden entwickelt der Film seine Kraft.

Will seine Kinder wieder haben: Nikola (Goran Bogdan) kämpft um seine Rechte.
Will seine Kinder wieder haben: Nikola (Goran Bogdan) kämpft um seine Rechte.
© Barnsteiner Film/Maja Medić

Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit. Der 49-jährige Srdan Golubović, in dessen Filmen es stets um das Leben und Leiden der „einfachen Leute“ nach den Jugoslawienkriegen geht und der bereits zwei Mal für den Auslands-Oscar nominiert war, sprach mit dem realen Nikola, als der vor dem Familienministerium ausharrte. Dieser nennt den Marsch einen „Akt des Protests und Zeichen der Freiheit“. Man könnte einwenden, dass Nikola gebeutelt und Zwängen unterworfen ist; Armut hat nichts Rühmliches an sich. Aber Nikola hat nichts mehr zu verlieren, seine Beharrlichkeit fasziniert.

[In Berlin in den Kinos fsk, Krokodil, Tilsiter Lichtspiele]

Um das zu unterstreichen, arbeitet Regisseur Golubović mit den Mitteln des Minimalismus: wenige Schnitte, Nikola harrt aus, Kameramann Aleksandar Ilic ebenfalls.

Einmal sitzt der Held nach mehreren Tagen seiner Reise einfach da, holt seine leere Brottüte heraus - und packt sie wieder ein. Plötzlich läuft ein Mann ins Bild, überlässt Nikola eine Konservendose und verschwindet wieder. Beim Essen beginnt Nikola zu weinen. Schluchzend schaufelt er den Inhalt der Dose in sich hinein, die Kamera lässt nicht von ihm ab.

Zweifellos strapaziert „Vater – Otac“ auch die Nerven, allerdings mit Bedacht. Der Fokus liegt auf dem Protagonisten, die übrigen Figuren bleiben Charakterskizzen, der korrupte Amtsleiter ebenso wie die sensationsheischenden Journalist:innen, die auf Nikola aufmerksam werden, oder der selbstverliebte Familienminister. Srdan Golubović nutzt diese Figurenkonstellation eher als Sinnbild für die Verhältnisse in Serbien. Das ist so einfach wie schmerzvoll, noch lange nach der letzten Szene.

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