Dresdner Ausstellung „Gewalt und Geschlecht" : Die Waffen der Venus

Das Militärhistorische Museum Dresden erkundet männliche und weibliche Gewalt im Krieg. Gorch Pieken, Kurator der Ausstellung, arbeitet künftig fürs Humboldt-Forum in Berlin.

Werner Bloch
V2-Formation. Die Installation „Craisy Daisy“ von Birgit Dieker vor dem Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden.
V2-Formation. Die Installation „Craisy Daisy“ von Birgit Dieker vor dem Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden.Foto: epd-bild / Matthias Schumann

Zwischenspurt in der MeToo-Debatte: Wer Neues erfahren möchte im Geschlechterkampf, ein unbekanntes Argument oder eine bahnbrechende Perspektive, der kann in Dresden fündig werden. Dort ist jetzt eine Ausstellung zu sehen, die es in Form und Thematik so noch nicht gegeben hat. „Gewalt und Geschlecht – Männlicher Krieg, weiblicher Frieden?“ Eine grandiose, monumentale und schon vorab heftig umstrittene Schau im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr, einem vornehmen Bau auf den Hügeln über Dresden.

Gewalt hat hier Tradition. Auf das Gebäude, das einmal das Armeemuseum der DDR war, hat der Architekt Daniel Libeskind 2011 einen gläsernen Keil niedersausen lassen, als wolle er die klassizistische Fassade und die militaristischen Geschichtsbilder ein für alle Mal zerschmettern. Dafür bekam das Museum viel Lob, inzwischen hat es sich als eines der wichtigen Museen in Deutschland profiliert.

Ist Gewalt geschlechtsabhängig? Sind Männer gewaltbereit und brutal, Frauen dagegen friedliebend und sanftmütig? Gilt also das Diktum der kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood: „Männer haben Angst, dass Frauen über sie lachen. Frauen haben Angst, dass Männer sie umbringen“?

Sind Frauen genauso gewalttätig wie Männer?

So fragt die Ausstellung, und da möchte es der Kurator Gorch Pieken ganz genau wissen. Fünf Jahre rackerte er an der Vorbereitung dieser ambitionierten Leistungsschau in der Gender-Sphäre und brachte seine Vorgesetzten zeitweise zur Verzweiflung. „Wir haben den Verdacht“, befand Pieken, ein enzyklopädisch gebildeter Historiker, „dass Gewalthandeln nicht nur mit Biologie zu tun hat, mit Testosteron oder Östrogen, sondern dass Frauen genauso gewaltvoll agieren können wie Männer.“

Die Frau als Kriegerin also, als Bomberpilotin und Amazone. Offenbar haben Kämpferinnen schon jahrhundertelang an Kriegen teilgenommen. Tausende von Crossdresserinnen, also als Soldaten verkleidete Frauen, dienten in verschiedenen Armeen, wie Pieken und sein Team herausfanden. Und natürlich gab es machtbewusste Herrscherinnen wie Katharina die Große, die in Hosen ritt und Kriege führte. Es gab Fliegerinnen wie Hanna Reitsch und Beate Uhse, die sich als tollkühne Pilotinnen in den Dienst der NS-Luftwaffe stellten.

Gorch Piekens Recherche zur „Geschlechtslogik von Gewalt“ sorgte schon früh für Ärger. Im Militärhistorischen Museum tut man sich mit der Genderproblematik eher schwer. „Gewalt und Geschlecht“ sollte eigentlich 2017 eröffnen, wurde dann jedoch verschoben. Zeitweise gab es sogar Gerüchte, die Ausstellung werde komplett abgesagt.

Gorch Pieken übernimmt die Leitung des Humboldt-Labors

Der Kurator Pieken wurde nach Potsdam versetzt. Mit seinem neuen Chef in Dresden, Armin Wagner, Historiker im Armeedienst, gab es Auseinandersetzungen im Hochdezibelbereich. Streitgegenstand soll auch ein mit Menstruationsblut getränktes Porträt von Donald Trump gewesen sein, das eine feministische US-Künstlerin gemalt hatte. Pieken wollte es unbedingt zeigen. „Es kam zu einem unüberbrückbaren Dissens auch über die Auswahl der Ausstellungsstücke, unmöglich, so weiter miteinander zu arbeiten“, sagt Gorch Pieken. In Potsdam saß er ein halbes Jahr in einer Art Dachstube im Zentrum für Militärgeschichte und Sozialforschung der Bundeswehr, fernab von der von ihm kuratierten Ausstellung. Zweifellos eine Degradierung.

Was als Zerwürfnis in Dresden begann, könnte sich für Berlin und das Humboldt-Forum nun als Glücksfall erweisen. Im April wurde bekanntgegeben, dass Pieken die Leitung des Humboldt-Labors übernimmt, also den Auftritt der Humboldt-Universität im Berliner Schloss organisiert. Dafür leiht ihn das Militärhistorische Museum für zwei Jahre aus. Er werde, erzählt Pieken, vor allem zum Thema Kolonialismus forschen und die „Wunderkammer“ ausloten, das Erbe der Sammlung der Preußischen Könige, das sich lange im Stadtschloss befand und nun dahin zurückkehrt. Hinzukommen die so genannten Exzellenzcluster und das Lautarchiv der Humboldt-Uni. Am kommenden Dienstag wird in Berlin Hartmut Dorgerloh offiziell zum neuen Generalintendanten des Humboldt-Forums gewählt. Auch er kommt aus Potsdam.

Der riesige Ausstellungsparcours kostete mehr als geplant

Gorch Pieken arbeitete zehn Jahre lang am Deutschen Historischen Museum in Berlin, dann in Dresden, wo er die viel gelobte Dauerausstellung aufbaute. Der eloquente Kurator scheint für das Humboldt-Laboratorium die Idealbesetzung: eine perfekte Synthese aus profundem Wissen und überbordender Fantasie.

Eine Freude, die sich in Dresden im Zusammenhang mit der ersten Sonderausstellung des Museums allerdings nicht einstellen wollte. Bei einem Jahresbudget von zwei Millionen Euro verschlang „Gewalt und Geschlecht“ gleich mal drei Millionen. Eine unerträgliche Budgetüberschreitung, befand der neue Museumsleiter Armin Wagner, der gerne die Reißleine gezogen hätte. Aber die Ausstellung war nicht mehr zu stoppen. Es ist eine kluge und subtile Präsentation geworden, die viele Fragen aufwirft.

Der riesige, wuchernde Ausstellungsparcours überfordert den Besucher beinahe, so viele Regionen und Epochen muss er durchmessen. Über 2000 Quadratmeter, rund 1000 Objekte, vom weltweit ältesten Grab eines Kriegers mit Streitaxt, 2500 Jahre vor Christus, bis zur Handtasche von Margaret Thatcher. „Es geht um Zuschreibungen“, begeistert sich Pieken, „um Männer- und Frauenrollen, um Geschlechterkonstruktionen. Der Krieger wird mit seiner Streitaxt begraben, weil so sein hohes Sozialprestige als Mann und als Krieger gewürdigt wird.“

Insignien der Macht von Männern und Frauen

Die Handtasche der „Eisernen Lady“ wiederum ist ein Weiblichkeitsattribut, das zur Insignie der Macht wurde, manchmal ebenfalls fast zur Waffe. Thatcher war bekannt dafür, dass sie den ausschließlich männlichen Ministern gern das Leben zur Hölle machte. Bei Reden senkte sie ihre Stimme künstlich nach unten, um männlicher zu wirken und mehr Autorität auszustrahlen.

Das Spiel mit Geschlechterrollen ist nichts Ungewöhnliches. Man findet es etwa auf einem Gemälde von Fürst Paul I. Esterházy, der sich in Frauenkleidern porträtieren ließ, als Paradiesvogel in flammend roter Robe. Dazu hielt er ein blutiges Schwert in der Hand – angeblich, weil er sich mit der biblischen Rächerin Judith identifizierte. „Gender kann richtig Spaß machen“, bemerkt Pieken fröhlich.

Für die Bundeswehr jedoch ist es ein Problem. Neuerdings tragen Soldatinnen eine obligate Handtasche, die zu ihrer Uniform gehört, was recht bizarr aussieht. Seit 2001 herrscht für Frauen in der Bundeswehr offiziell Gleichberechtigung, alle Karrierewege stehen ihnen offen – theoretisch. 36 Prozent der männlichen Soldaten lehnen jedoch laut einer Studie ihre Kameradinnen ab. Die Bundeswehr sei durch sie schwächer geworden, heißt es, Frauen könnten nun einmal nicht so weit marschieren und so viel Gepäck tragen. Braucht man im 21. Jahrhundert noch Muskelberge, um ein guter Soldat zu sein? Werden Schlachten durch Armdrücken oder durch Mausklicks entschieden?

Gleichberechtigung von Frauen - auch im Krieg?

Heute sitzen Frauen an Kommandostellen für Drohnen und führen Krieg, zum Beispiel in Afghanistan. Bei Prüfungen schneiden sie oft besser ab als Männer. Sie sind in vielerlei Hinsicht die vollkommeneren Soldaten.

Sind sie weniger aggressiv als Männer? Keineswegs, bemerkt die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich. Frauen sei ihre „Friedfertigkeit“ allenfalls anerzogen. Sie grundsätzlich als gewaltlose Wesen abzustempeln, sei ein Mittel der politischen Entmündigung.

Wie in einem großangelegten Feldversuch will die Ausstellung den Beweis erbringen, dass Gewalt auf allen Seiten floatet und nicht biologisch fixiert ist. Man blickt auf Fotos von unerschrockenen jungen kurdischen Peschmerga-Kämpferinnen, die bei der Belagerung von Kobane und der Befreiung vom IS in Nordsyrien eine entscheidende Rolle spielten. Andererseits werden Frauen oft Opfer von Gewalt, symbolisiert durch die Uniformen vergewaltigter US-Soldatinnen, die ihre qualvolle Geschichte als eine Art Selbsttherapie auf die Innenseite ihrer Jacken geschrieben haben.

Der Besucher erfährt nebenbei, dass Frauen die besseren Schützen sind, weil sie ihre Atmung angeblich besser kontrollieren können. In der Schweiz gibt es mehr Schützenköniginnen als -könige. Und die weiblichen Schützen der Roten Armee waren gefürchtet. Frauen können besonders brutal agieren, auch das will die Dresdner Ausstellung beweisen. Zum Beispiel die sogenannten Fliegermorde. Viele der im Zweiten Weltkrieg abgeschossenen USPiloten wurden gelyncht, oft unter dem Kommando von Frauen. Bestraft wurden sie dafür nie. Anders als die für ihre Grausamkeit berüchtigte „Hexe von Buchenwald“, Ilse Koch, die Ehefrau des Lagerkommandanten. Sie nahm sich 1967 im Gefängnis das Leben. Neben den abscheulichen Verbrechen war man ihr nach Kriegsende vor allem vor, sie sei eine schlechte Mutter gewesen.

Geschlechterbilder wandeln sich ständig

„Gewalt und Geschlecht“ stellt Rollen- und Genderklischees im Sekundentakt in Frage, umschwirrt sie mit flirrenden Bildern und Assoziationen. Definitive Antworten werden nicht gegeben. Eine „impressionistische Ausstellung“, nennt Pieken das. Auch bei den Männerbildern stehe nichts fest. „Wir haben ganz andere Vorstellungen von den Geschlechtern als vor 200 Jahren, und die werden in 200 Jahren wieder ganz andere sein“, sagt der Mann mit dem blonden Pferdeschwanz. Der Apoll von Belvedere, seit der Antike ein männliches Schönheitsideal, entspreche nicht mehr den heutigen Anforderungen an Mannsbilder, die teilweise von Bildern der Pornoindustrie inspiriert seien.

Der Platz vor dem Museum gehört der Kunst. An der Außenmauer reckt sich eine Nato-Kurzstreckenrakete in den Himmel, über die der norwegische Künstler Marten Traavik ein acht Meter langes Kondom gestülpt hat. Vor dem Haupteingang versammeln sich nackte weibliche Schaufensterpuppen zu einer V2-Formation, eine Mischung aus Tanzeinlage und Rakete. Waffentechnik, so die Message, muss viel mit erotischen Männerträumen zu tun haben.

Die Künstlerin Sylvie Fleurie schickt Raumschiffe wie bunte Delfine in den Himmel: „First Spaceship on Venus“, eine Art weibliches Gegenstück zur männerbetonten Raumfahrt. Und vor der Seitenwand des Museums prangt ein riesiges Billboard. Es zeigt, wie eine rote Bombe auf die Erde zurast. Die Guerrilla Girls, eine feministische Künstlerinnen-Gruppe aus New York, haben die „Östrogen- Bombe“ gezündet. Sie wollen zeigen, wie die Erde durch eine Explosion weiblicher Hormone zu einem friedlicheren und sicheren Ort werden kann.

„Gewalt und Geschlecht“, Militärhistorisches Museum Dresden, bis 30. Oktober. Do – Di 10 – 18 Uhr, Mo bis 21 Uhr. Infos: www.mhmbw.de

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