Drohende Ausgangssperre : Wie und was man jetzt am besten liest

Bücher und Zeichen lesen in Zeiten der Corona-Pandemie: Gegenwartsliteratur altert gerade sehr schnell, Klassiker dagegen beruhigen.

Blick in das Fenster einer Bücherei im bayrischen, ausgangsgesperrten Mitterteich.
Blick in das Fenster einer Bücherei im bayrischen, ausgangsgesperrten Mitterteich.Foto: Nicolas Armer/dpa

Es fällt gerade schwer, die vielen Zeichen zu ignorieren, die man überall sieht und gleich zu übersetzen versucht dahingehend, was noch geht und was nicht. Was also bietet mir der Streaming-Dienst Tidal an, nachdem ich zuletzt bei Neil Young war und das „Sleeping-With-Angels“-Album habe durchlaufen lassen?

Den Song „Staying Out For The Summer“ von Dodgy, warum auch immer der nun gleich nach Neil Young kommt.
Was für ein schöner, positiver, melodiöser Gitarrenpopsong!, und das ausgerechnet direkt nach der Nachricht von der Ausgangssperre, die Bayerns Ministerpräsident Markus Söder über sein Bundesland verhängt hat.

Den Sommer draußen zu verbringen, oh ja, oje, das klingt jetzt schon wie eine Utopie!
Doch soll es hier ja um den Literaturbetrieb gehen, der in den nächsten Wochen genau wie alle anderen Kunstbereiche schwer in den Seilen hängt. Nach der Schließung der Literaturhäuser, die wiederum alle Autoren und Autorinnen und gerade die mit ihren Frühjahrsbüchern in schwerste ökonomische Bredouillen bringt, versucht die Literaturwelt sich wie alle anderen Kunstwelten digital neu zu organisieren.

Die Zeit scheint "Allegro Pastell" überholt zu haben

Der Vorteil, den er hat: die Lektüre von Büchern ist nicht an Veranstaltungen gebunden, vermutlich findet sie stärker denn je statt, auch nach dem Motto: endlich Zeit dafür.

Nur liest man dann beispielsweise Leif Randts neuen Roman „Allegro Pastell“, einen späten, sehr reifen, gegenwärtigen Pop-Roman – und hat bei der Lektüre den Eindruck, der spiele in einer weit, weit zurückliegenden Vergangenheit. Was Randts Helden Tanja und Jerome da alles tun!

Zwischen Berlin und Frankfurt pendeln, mal schnell ein paar Tage in Lissabon verbringen, auf Hochzeiten, in Clubs und auf Parties gehen, und sich unentwegt - nicht nur, klar - des eigenen, verfeinerten Geschmacks versichern, was für eine Petitesse! Der Roman ist gut, die Zeit scheint ihn aber gerade sehr überholt zu haben.

Ähnlich ging es mir die letzten Tage mit dem Roman von Die Gruppe OIL, „Naturtrüb“. OIL ist eine Band, die aus vier nicht mehr ganz Musikern, Zeichnern und Plattensammlern besteht, darunter der Staatsakt-Labelbetreiber Maurice Summen und der aus diversen Underground-Popzusammenhängen (Rollo Aller, Universal Gonzalez, Klotz &Dabeler) bekannte Reverend Christian Dabeler.

Klassiker halten Trost bereit

Die vier Bandmitglieder erzählen in „Naturtrüb“, wie sie in zwei Dörflein in Schleswig-Holstein Musik machen, Songs schreiben, aufnehmen und so allerlei Gedanken haben. „Wann wird die Menschheit endlich kapieren, dass die Welt auf keinen Fall eine weitere Band braucht“, entfährt es dem Reverend so ziemlich am Ende. Und so eine erst.

Diese Frage hatte man sich letztes Jahr schon gestellt, als das Projekt angekündigt wurde, die stellt sich jetzt natürlich noch dringlicher, gerade beim Lesen dieses Buches.

Aber was hilft es? Man sollte die Corona-Pandemie vielleicht doch nicht überall als Folie benutzen, Zeichen einfach ignorieren, Verdrängungsarbeit verrichten. Oder wirklich alte Bücher lesen, die nicht gealtert sind, Klassiker. Die beruhigen, schaffen Verbindungen, relativieren, sind lesenswert sowieso – und halten manchen Trost bereit. So wie Xavier de Maistres „Reise durch mein Zimmer“. Dieses Büchlein ist ein einziger Lobgesang auf eine abenteuerliche Reise in den eigenen vier Wänden, mit ganz viel Kunst und noch mehr Entdeckungen im scheinbar vertrautesten. Also: Dann los!

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