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Krieg in Mali: "Ein Angriff auf die Seele des Landes"

Im Konflikt in Mali steht auch das kulturelle Erbe des Landes auf dem Spiel. Der Anthropologe und Mali-Experte Professor Jeremy Keenan spricht im Interview über falsch verstandenen Islam, Tuareg und die Tradition Timbuktus.

Herr Keenan, Islamisten haben die Kontrolle im Norden Malis übernommen, die Regierung in Bamako hat Frankreich um militärische Hilfe gebeten. Befindet sich Mali im Bürgerkrieg?

Was wir in Mali sehen, ist ein Akt des Terrors. Die Islamisten, die sich im Norden des Landes breitmachen, sind größtenteils nicht aus der Region, sie kommen von außerhalb Malis. Deswegen erfahren sie auch fast keine Unterstützung der lokalen Bevölkerung.

Dennoch stehen sich die verschiedenen Volksgruppen in Mali feindlich gegenüber.
In einem politisch-geografischen Sinne ist das Land geteilt. Im Norden, der den größten Teil des Landes ausmacht, leben aber nur etwa zehn Prozent der Bevölkerung. Es ist gefährlich, dass in der Berichterstattung über Mali immer behauptet wird, dies sei das Gebiet der Tuareg in Mali. Tatsächlich machen die Tuareg nur ein Drittel der Bevölkerung im Norden aus. Das Land als Ganzes ist sogar noch viel komplexer. Weiter im Süden gibt es viele verschiedene ethnische Gruppen. Die Gesellschaft ist sehr pluralistisch.

Trotzdem sind über 90 Prozent der Malier Muslime. Welche Rolle spielt der Islam in der Gesellschaft, besonders da nun die Islamisten die Macht an sich reißen wollen?
Der Islam ist extrem wichtig. Schließlich ist Mali ein muslimisches Land. Wir haben dort jedoch einen liberalen Sufi-Islam. Er ist sozusagen der genaue Gegenpol zu der Art von Islam, den die Islamisten durchzusetzen versuchen. Wenn man es vergleichen will, repräsentieren die Islamisten ein Verständnis von Religion wie in der spanischen Inquisition. Der Großteil der Bevölkerung versteht den Islam aber, wie etwa die CDU/CSU in Deutschland das Christentum versteht. Beide bekennen sich allein durch ihren Namen deutlich zu christlichen Werten, doch es sind keine Extremisten.

Besteht die Gefahr, dass durch den Vorstoß der Islamisten Islam und Schariarecht künftig radikaler ausgelegt werden?
Seit dem Putsch der Regierung im letzten Jahr ist das oft kolportiert worden. Tatsächlich haben die Islamisten versucht, im Norden ihr radikales Verständnis von Islam durchzusetzen. Ich sehe allerdings keine Anzeichen für einen generellen Trend. Die Menschen in den Städten wie Timbuktu, die von den Islamisten überrannt wurden, wollen sich keine anderen Wertvorstellungen von den Extremisten aufdrücken lassen. Es gibt aber eine Sehnsucht danach, zu einer eher traditionellen Lebensweise zurückzukehren. Dabei ist es wichtig klarzustellen, was genau mit Scharia gemeint ist. Ich denke, dass die Mehrheit der malischen Bevölkerung die Scharia im eigentlichen Sinne, als Rechtsphilosophie, begrüßen würde. Sicher wäre es vielen lieber, ihre rechtlichen Auseinandersetzungen im Kontext der Scharia zu verhandeln, als einfach ein westliches Justizmodell zu übernehmen. Die Scharia an sich ist also nicht das Problem. Nur ihre radikale Anwendung und Auslegung, etwa die Amputation von Händen und die Todesstrafe.

Einer radikalen Auslegung des Islam fielen im letzten Jahr auch bedeutende Kunstschätze zum Opfer. In den Augen der Islamisten gilt die Verehrung von Heiligtümern der Sufi-Muslime als Götzendienst. Sie zerstörten daher Mausoleen, die zum Weltkulturerbe gehörten. Wird sich das nun wiederholen?
Das könnte passieren, wenn den Islamisten erlaubt wird, Fuß im Land zu fassen. Ich glaube aber nicht, dass das passieren wird. In Timbuktu selbst gibt es eher Bestrebungen, die Mausoleen wiederaufzubauen.

Was bleibt denn vom kulturellen Erbe?

Timbuktu hatte seine Blütezeit im 13. und 14. Jahrhundert. Es war Zentrum des Handels und der Kultur in der islamischen Welt. Eine Universität, Koranschulen, Moscheen. Heute ist es nur noch ein staubiges kleines Städtchen am Niger. Doch die Tradition, die Seele der Stadt, ist noch immer da. Das ist wichtig. Denn als die Islamisten die heiligen Stätten zerstörten, war das auch ein Angriff auf die Seele der Bevölkerung. Die Menschen schmerzte das. Es ist gut möglich, dass sich dieser Schmerz in eine positive Kraft verwandeln kann. Wenn die Probleme gelöst sind, könnten wir eine Wiederauferstehung Timbuktus als kulturelles Zentrum in einem modernen Sinne erleben. Wenn überhaupt, wird das natürlich noch Jahre dauern.

Frankreich hatte keine andere Wahl, als einzugreifen

Im Moment hat Timbuktu andere Probleme. War es richtig von Frankreich, militärisch einzugreifen?
Die Franzosen hatten keine Wahl, außer zum jetzigen Zeitpunkt einzugreifen. Der Erfolg der Mission wird aber davon abhängen, ob es den Islamisten gelingt, ihren Kampf als „Dschihad“ gegen westliche Mächte, in diesem Fall Frankreich, zu deklarieren. So könnten sie mehr Kämpfer mobilisieren. Wenn überhaupt haben sich Malier aus der Region ihnen bisher nur angeschlossen, um etwas Geld zu verdienen. Es ist nicht wie in Afghanistan, wo die Taliban auch Unterstützung aus der Bevölkerung erfahren. Die Franzosen werden also nicht eher gehen, bis das Ziel erreicht ist: ein geeinter souveräner Staat Mali.

Wie kann das gelingen?
Das drängendste Problem sind zurzeit natürlich die Islamisten. Aber selbst wenn sie weg wären, blieben all die großen Probleme, die es zuvor schon in Mali gab. Die malische Regierung im Süden muss das Land auch als Einheit behandeln. Das hat es bisher nie gegeben. Die Rebellion der Tuareg gab es, weil der Norden immer verachtet, politisch und wirtschaftlich marginalisiert wurde. Den Norden ordentlich zu entwickeln wird hunderte Millionen Euro kosten. Doch das Geld wäre da. Die EU hatte bereits Pläne, diese Mittel zu bewilligen, bevor die Kämpfe im letzten Jahr ausbrachen. Es würde auch helfen, den Norden in mindestens zwei weitere Provinzen aufzuteilen und ihm nach einem föderalen Modell Autonomie zu gewähren. Das könnte zumindest die ethnischen Konflikte zwischen Tuareg und Arabern dort entschärfen.

Ist denn die Regierung um Übergangspräsident Dioncounda Traoré in der Lage, das Land in diese Richtung zu entwickeln?

Keine Regierung hat es bisher geschafft, diese Probleme anzugehen. Vor allem, weil sie sich für den Norden einfach nicht interessiert haben. Aus der politischen Klasse in der Hauptstadt Bamako wird so eine Regierung jedenfalls nicht erwachsen. Doch vielen Menschen haben die Kämpfe bewusst gemacht, dass sich etwas verändern muss. Dennoch bleibt eine ganze Reihe von Hindernissen. Allein die Schrecken und Gräueltaten des vergangenen Jahres zu vergessen und gemeinsam nach vorne zu schauen, wird ausgesprochen schwierig sein.

Jeremy Keenan (68) ist Professor für Anthropologie an der School of Oriental and African Studies der Universität London.Fachgebiete: Sahelregion, Sicherheitspolitik, Globalisierung.
Jeremy Keenan (68) ist Professor für Anthropologie an der School of Oriental and African Studies der Universität London.Fachgebiete: Sahelregion, Sicherheitspolitik, Globalisierung.
© SOAS/University of London

Jeremy Keenan (68) ist Professor für Anthropologie an der School of Oriental and African Studies der Universität London. Fachgebiete: Sahelregion, Sicherheitspolitik, Globalisierung.

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