"Eine einzige Geschichte" von Julian Barnes : Die Liebe ist eine Mulde

Von der Erziehung der Gefühle und ihrem Scheitern: Julian Barnes’ großartig erzählter Roman „Eine einzige Geschichte“.

Julian Barnes bei einer Preisverleihung 2011
Julian Barnes bei einer Preisverleihung 2011Foto: Reuters/Luke MacGregor

Ort und Zeit: Spielen sie für Beziehungen überhaupt noch eine Rolle? Wer wirklich liebt, wird diese Frage als töricht zurückweisen. Wie Paul, der Erzähler und Protagonist von Julian Barnes’ neuem Roman „Die einzige Geschichte“, der sich im Alter von 19 Jahren in eine 48-jährige verheiratete Frau verliebt. Und der sich dabei natürlich prompt „der alten, anhaltenden, unausrottbaren Illusion“ hingibt, „dass Liebende irgendwie außerhalb der Zeit stehen.“ Erst im Rückblick, etwa fünf Jahrzehnte später, wird er erkennen, wie sehr auch in seinem Fall die gesellschaftlichen Umstände mitbestimmend waren.

Bei diesen handelt es sich um ein für Barnes-Leser seit seinem Debütroman „Metroland“ von 1980 wohlvertrautes Gefilde. Es ist das verklemmt-neurotische England der frühen sechziger Jahre. Noch genauer: die Suburbs um London, in diesem Fall „das Village“. Ein Mittelschichts-Ort mit jeder Menge Liguster- und Kirschlorbeerhecken, wo unter der Woche allmorgendlich die Anzugträger mit den Pendlerbussen in die City gondeln. Und sich ihre Gattinnen dann irgendwie die Zeit vertreiben müssen, zum Beispiel auf dem Tennisplatz.

Er ist 19, sie ist 48 - und sie werden ein Paar

Dort, im Tennisclub, hätte Paul nach dem Willen seiner Mutter in seinen vorlesungsfreien Wochen eine nette, heiratsfähige Christine oder Virginia kennenlernen sollen. Dass es dann mit Susan Macleod eine Mutter von zwei fast erwachsenen Töchtern wird, bereitet dem jungen Mann erhebliche Genugtuung. Schließlich ist er wild entschlossen, einem anderen, aufregenderen Lebensmodell zu folgen als seine Eltern, die für ihn das Musterbeispiel für „Muldenhocker“ sind. So nennt Paul all jene Erwachsenen, die sich in ihrem Leben eine weiche, grasbewachsene Mulde gesucht haben, „Ehe“ genannt, und so lange darin hocken bleiben und hineinwühlen, bis es kein Entkommen mehr gibt. „Was auch geschehen mochte, ich wollte kein Muldenhocker werden.“

Was der junge Mann stattdessen wird, jedenfalls nach außen hin, ist Susans „Tennispartner“ und „Fahrer“. Eine Konstellation, die natürlich Erwartungen à la „Die Reifeprüfung“ oder „Die Erziehung der Gefühle“ weckt, die aber von Julian Barnes’ Erzähler früh korrigiert werden: „Sie denken womöglich: Französische Romane, eine ältere Frau, die den jüngeren Mann in ‚die Kunst der Liebe' einführt, ooh là là. Aber unsere Beziehung war keine Spur französisch und wir auch nicht. Wir waren englisch, und deshalb standen uns nur die moralisch aufgeladenen englischen Wörter zur Verfügung: Wörter wie sündiges Weib und Ehebrecherin. Dabei war nie ein Mensch so frei von Sünde wie Susan“.

Natürlich durchschaut ihre Umwelt die Fassade der beiden schnell. Vom Tennisclub werden sie bald schon ausgeschlossen; Pauls entsetzte Eltern flüchten sich dagegen in ein „englisches Schweigen, ein Schweigen, bei dem beide Seiten alle unausgesprochenen Worte sehr wohl verstehen.“ Und Susans Ehemann Gordon, der seine Frau schon lange nicht mehr richtig angesehen hat, geschweige denn Sex mit ihr hatte?

„Mister Elefantenbuxe“, wie seine Frau ihn verspottet, bleibt nichts anderes übrig, als den neuen Hausfreund seiner Frau zähneknirschend zu tolerieren. Nur manchmal verraten zynische Bemerkungen, aber auch plötzliche Gewaltausbrüche, wie es in ihm aussieht. Im Übrigen trinkt „Mr EP“ oder löst wie besessen Kreuzworträtsel. Eine Tätigkeit, in der Barnes’ Protagonist nur den hilflosen Versuch eines weiteren Muldenhockers erkennt, das Chaos der Welt auf ein kleines verständliches Raster von Schwarzweißquadraten zu reduzieren.

Mit "Vom Ende einer Geschichte" bekam Julian Barnes 2011 den Booker-Preis

Pauls verächtliche Reflexionen über die Philosophie des Kreuzworträtsels sind ein großartiges Beispiel für die Barnes-typische Mischung aus erhellendem Detail und literarischem Essayismus, amalgamiert in einer wie stets leichthändig-geschliffenen Prosa. „Die einzige Geschichte“ ist der nunmehr 13. Roman des britischen Erfolgsautors und versammelt wieder all die Themen, um die die Werke von Julian Barnes seit fast 40 Jahren kreisen: Liebe und Tod, Jugend und Alter, das Misstrauen gegenüber endgültigen Festlegungen oder Urteilen, die obsessive Beschäftigung mit der Vergangenheit und die Fragwürdigkeit aller Erinnerung.

Nach seinem jüngsten Ausflug in die Zeit des Stalinismus mit „Der Lärm der Zeit“ wirkt Barnes’ neues literarisches Vexierspiel zunächst wie eine Rückkehr zu dem Erfolgsrezept, das dem Romancier 2011 mit „Vom Ende einer Geschichte“ den Booker-Preis einbrachte. Denn hier wie dort erinnert ein unzuverlässiger Erzähler seine im Unglück endende Lebensgeschichte voller Schuld und Lebenslügen. Doch während Anthony Webster emotionale Risiken gerade zu vermeiden trachtete, liefert sich Paul mit jugendlicher Naivität seiner ersten Liebe „in all ihren Erscheinungsformen aus, von Schmetterlingsküssen bis hin zum Absolutismus.“

Einzige Schwäche: Susan Macleod als zweite Hauptfigur bleibt zu sehr im Dunkeln.

Länger als ein Jahrzehnt bleiben Paul und Susan zusammen. Etwa zwei Jahre nach ihrer ersten Begegnung verlässt sie sogar Ehemann und Familie und zieht mit dem Ich-Erzähler in ein Häuschen nach London – für Paul nach außen hin ein Aufstieg vom „Fahrer“ zu Susans „Neffen“ und „Mitbewohner“. Der Roman von Barnes ist in drei Teile gegliedert, und während der erste vom Liebesrausch des Anfangs erzählt, so der zweite vom Scheitern der Beziehung und der dritte vom Leben danach. Dabei wechselt die Erzählstimme überzeugend vom Ich über das Du zum Er. Schließlich geschieht die erste Liebe „immer in der überwältigenden ersten Person, … im überwältigenden Präsens“. wogegen der desillusionierte Erzähler, versehrt mit einem „verödeten“ Herzen, im Alter „sein Leben in der dritten Person“ betrachtet.

Das Ende des Romans ist so bestürzend wie erschütternd. Doch was ist es eigentlich, das die Abwärtsspirale auslöst, die Susan an Pauls Seite zur Trinkerin macht? Und Paul beim Versuch, Susan und ihre Liebe vor dem Alkohol zu retten, an den Rand der Selbstzerstörung bringt? Barnes’ Roman liefert mehrere Gründe: ein Missbrauchserlebnis in der Kindheit, der Tod einer Jugendliebe, Susans Überzeugung, einer „abgehalfterten Generation“ anzugehören, deren beste Vertreter im Krieg blieben. Oder doch ihre Schuldgefühle, ihre Familie verlassen zu haben?

Wenn dieser großartig erzählte Roman eine Schwäche hat, dann die, dass Susan Macleod zu sehr im Dunkeln bleibt. Dabei ist sie als Vertreterin einer bestimmten Zeit und Gesellschaft die interessantere Figur als Paul, der den Rest seines Lebens über die Liebe und sein verpfuschtes Leben grübelt. Und der gar nicht merkt, dass auch die Vorstellung von der einen, im Guten wie im Schlechten lebensprägenden Liebe nur eine Mulde ist, in der man sich einrichten kann.

Julian Barnes: Die einzige Geschichte. Roman. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019. 304 Seiten, 22 €.

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