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Arturo Toscanini (1867 - 1957) gehört zu den bedeutendsten Dirigenten aller Zeiten.
© imago/Leemage

Toscanini-Festival in Parma: Eine feenhaft-fantastische Rarität von Puccini

Das "Festival Toscanini" im norditalienischen Parma gräbt Giacomo Puccinis Frühwerk "Le Willis" aus, dirigiert von Omer Meir Wellber.

Über eine Brücke hinter dem Palazzo della Pilotta, Machtsymbol der Adelsfamilie Farnese, kommt man in Parma in das Quartiere Oltretorrente, früher eine Hochburg wilder Revolutionäre. Der Schneider Claudio Toscanini, der im Freiwilligenheer von Giuseppe Garibaldi für die Unabhängigkeit Italiens kämpfte, hatte im Juni 1866 auf dem Weg Richtung Norden nur einen Tag Heimaturlaub. Genau in jener Nacht zeugte er seinen Sohn Arturo. «Das sind die Zufälle des Lebens», kommentierte der weltberühmte Dirigent später lakonisch.

Sein bescheidenes Geburtshaus ist inzwischen ein Museum, in dem zahlreiche Erinnerungsstücke ausgestellt sind – etwa ein Menuett aus der Feder des Maestros, ein Konzertfrack, Taktstöcke, Gipsabdrücke seiner Hände, seine Totenmaske, Konzertplakate und Bilder von befreundeten Künstlern. Ein Foto zeigt ihn mit dem Komponisten Giacomo Puccini, zu dem er ein enges, wenn auch nicht konfliktfreies Verhältnis hatte.

Toscanini setzte sich für Puccinis Opern ein, er dirigierte etwa die Uraufführung von «La Bohème» in Turin, von "La Fanciulla del West" an der Met in New York und schließlich die unvollendete "Turandot" an der Mailänder Scala.

Erstmals seit 1884 ist "Le Willis" in Italien in der Urfassung zu erleben

An diese lange Freundschaft will nun das Festival Toscanini erinnern. Zum Start der ersten Ausgabe steht eine Puccini-Rarität auf dem Programm. Erstmals seit der Mailänder Uraufführung im Mai 1884 kommt in Italien seine erste Oper «Le Willis» in der rekonstruierten Originalfassung auf die Bühne. Omer Meir Wellber, Musikdirektor des Festivals, sorgt mit internationalen Solisten und der Filarmonica Arturo Toscanini für einen kurzweiligen Abend.

Filippo Ferraresi, früher Regieassistent von Romeo Castellucci, ist verantwortlich für die halbszenische Umsetzung - die auf der kleinen Bühne des Auditorium Paganini freilich rasch an Grenzen stößt.

Roberto wird von seiner ehemaligen Verlobten in den Tod getrieben

Die märchenhafte Oper handelt von der Försterstochter Anna, deren Verlobter Roberto sich von einer Sirene verführen lässt. Anna stirbt an gebrochenem Herzen und vereint sich mit den «Willis», den Seelen toter Frauen, die von ihren Geliebten betrogen wurden. Von Rachlust getrieben, hetzen sie den ungetreuen Roberto schließlich bei einem schwindelerregenden Tanz zu Tode. Die raffinierten Harmonien in der Partitur von «Le Willis» deuten bereits auf die späteren Opernerfolge Puccinis hin.

Problematisch ist allerdings die Akustik des Auditoriums in der ehemaligen Zuckerfabrik Eridania. Der langgestreckte, von Stararchitekt Renzo Piano gestaltete Saal ist optisch beeindruckend. Doch der Klang des von Meir Wellber sicher geführten Orchesters und die Stimmen von Sängern und Chor kommen in den Zuschauerreihen nur gedämpft an.

Szene aus der Aufführung von "Le Willis" in Parma.
Szene aus der Aufführung von "Le Willis" in Parma.
© Fabio Boschi

Weitaus bekannter ist Puccinis Erstling heute in der überarbeiteten Version namens "Le Villi". Bei seinem Debüt als Opernkomponist musste er zunächst einen herben Rückschlag verdauen. Als der 25-Jährige das Manuskript 1883 bei einem Wettbewerb des Verlagshauses Sonzogno einreichte, wurde es von der Jury schnöde ignoriert. Puccini ließ sich jedoch nicht beirren. Mit Hilfe von Mäzenen erblickte «Le Willis» schon bald im Mailänder Teatro Dal Verme das Licht der Öffentlichkeit.

Der Musikverleger Giulio Ricordi sicherte sich nach diesem Erfolg umgehend die Rechte. Was damals passierte, liest sich wie ein Krimi. Inzwischen geht man nämlich davon aus, dass Ricordi einen Wettbewerbssieg Puccinis gezielt verhinderte, um «Le Willis» nicht seinem Rivalen Sonzogno zu überlassen. Auf Drängen Ricordis erweiterte der Komponist das Stück auf zwei Akte.

Omer Meir Wellber präsentiert sich als vielseitiger Künstler

"Le Villi" wurde dann im Dezember 1884 am Teatro Regio in Turin und kurz darauf an der Mailänder Scala aufgeführt. Die von dem amerikanischen Musikologen Martin Deasy herausgegebene Rekonstruktion der Erstfassung wurde erst 2019 vom London Philharmonic Orchester unter Mark Elder für das Label Opera Rara eingespielt.

Meir Wellber hat sich als Chefdirigent des BBC Philharmonic, Musikdirektor des Teatro Massimo und Erster Gastdirigent der Semperoper Dresden international einen Namen gemacht. Experimentierfreudig zeigt er sich nicht nur im Fach Oper. Bei einem Kabarettabend des Festivals auf einem ehemaligen Fabrikgelände vor den Toren von Reggio Emilia setzt er sich selbst ans Klavier. Mit der Sopranistin Hila Baggio, dem Schauspieler Ernesto Tomasini und Musikern der Filarmonica präsentiert er Stücke von so unterschiedlichen Komponisten wie Mischa Spoliansky, Henry Mancini, Friedrich Hollaender oder Jacques Brel.

Gemeinsam mit der Sopranistin Barbara Frittoli erinnert das Festival außerdem an die Operndiva Renata Tebaldi, die in diesem Jahr ihren hundertsten Geburtstag gefeiert hätte. Toscanini nannte sie «voce d’angelo», Engelsstimme, und verhalf ihr zu einer kometenhaften Weltkarriere. Auch eigene Kompositionen des Maestros sind in Parma zu hören. Zum Abschluss wird Fabio Luisi am 12. Juli auf dem Domplatz Beethovens Neunte dirigieren.

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