Eine große Chance für Berlin : MoMA-Chef verteidigt umstrittenes Museum der Moderne

Der Bau am Kulturforum wird heftig kritisiert. MoMA-Chef Glenn Lowry meint, das neue Museum könnte Berlin zur Hauptstadt moderner Kunst machen. Ein Gastbeitrag.

Glenn Lowry
Innenansicht des geplanten Museums. So soll der Bau des Architekturbüros Herzog & de Meuron aussehen, wenn er fertig ist.
Innenansicht des geplanten Museums. So soll der Bau des Architekturbüros Herzog & de Meuron aussehen, wenn er fertig ist.Simulation: Herzog & de Meuron

Am 14. November soll der Bundestag die Mittel für das neue Museum am Kulturforum freigeben. Das Projekt steht wegen der schon vor Baubeginn hochgeschossenen Kosten von 450 Millionen Euro in der Kritik – und auch wegen seiner Architektur. Hier äußert sich Glenn Lowry zum Berliner Museumsstreit. Er ist seit 1995 Direktor des Museums of Modern Art in New York. Sein Haus wurde im Oktober wiedereröffnet, um rund 4700 Quadratmeter Ausstellungsfläche erweitert. Die Baukosten lagen bei 400 Millionen Dollar. Zur Eröffnung in New York sprach Lowry von einem „Netzwerk“ des MoMA, der Tate Modern London, dem Centre Pompidou in Paris und der Neuen Nationalgalerie. – Weitere Diskussionsbeiträge folgen, der New Yorker Glenn Lowry macht mit seinem Zwischenruf den Auftakt. (Tsp)

Berlin war zu Beginn des 20. Jahrhundert eine der bedeutendsten Städte der Welt, wenn man sich mit moderner Kunst beschäftigen wollte. Die Berliner Museen setzten einen intellektuellen und künstlerischen Standard, den nahezu jedes andere europäische und nordamerikanische Museum zu erreichen versuchte.

Als der junge Alfred H. Barr Jr, der Gründungsdirektor des Museums of Modern Art, in den zwanziger Jahren gebeten wurde, ein Museum für moderne Kunst in New York zu konzipieren, war seine erste Station Deutschland und vor allem natürlich Berlin. Was er dort lernte, was er dort sah, war der Katalysator für ein Museum, das heute zu den renommiertesten der Welt gehört – eben das Museum of Modern Art.

Berlin hat nun die Chance, an seine reiche Geschichte anzuknüpfen, in dem es die Möglichkeiten der grandiosen Neuen Nationalgalerie von Ludwig Mies van der Rohe mit einem Museum des 20. Jahrhunderts in unmittelbarer Nachbarschaft erweitert.

So kann Berlin die Energie wiedererlangen, die es damals zur Hauptstadt der modernen Kunst machte. So kann sich Berlin wieder als eine treibende Kraft im Studium des 20. Jahrhunderts positionieren. Und so kann Berlin das internationale und das deutsche Publikum, das diese moderne Kunst liebt, wieder erreichen.

In Berlin fehlt ein Bau für die Moderne

Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Als wir mit der Neuen Nationalgalerie zusammenarbeiteten und das 2004 MoMA nach Berlin brachten, waren wir, war die ganze Stadt von der Reaktion überwältigt. Besucher aus allen Gesellschaftsschichten kamen in die Ausstellung, sie kamen mit dem Verlangen, zu sehen und zu lernen.

Die Werke von Max Beckmann, Paul Cézanne, Marcel Duchamp, Roy Lichtenstein, Henri Matisse, Pablo Picasso, Jackson Pollock und vielen anderen Meistern des 20. Jahrhunderts zogen insgesamt 1,2 Millionen Menschen in die Ausstellung.

Und es gibt in den Museen und ihren Sammlungen immer noch viel zu lernen, wie die Ausstellung „Hello World“ im vergangenen Jahr im Hamburger Bahnhof bewiesen hat.

Was in Berlin fehlt, ist ein spezieller Bau, gewidmet der Kunst des 20. Jahrhunderts, der die vielen verborgenen Schätze aus dem Depot ans Licht holt und darüber hinaus einen flexiblen Ort für Sonderausstellungen bereit hält.

Ein großer Moment für die Stadt

Jacques Herzog & Pierre de Meuron sind die idealen Architekten, um das neue Museum zu entwerfen. Sie gehören zu den renommiertesten Architekten der Welt, die Liste ihrer erfolgreichen neuen Kunstmuseen ist unvergleichlich.

Zu ihren Markenzeichen gehören die Klarheit, das intelligente Material, die Aufmerksamkeit für das Detail und vor allem der Respekt vor der Kunst. Die Arbeit von Herzog & de Meuron ist immer smart, innovativ und erstaunlich schlicht.

[Unser neuer Newsletter BERLINER - Kunst bringt alle 14 Tage das Wichtigste aus der Kunst-Hauptstadt. Jetzt anmelden unter: www.tagesspiegel.de/berliner-kunst]

Dabei ist es eine Schlichtheit, die aus einer außerordentlichen Intelligenz entspringt und einem tiefen Verständnis folgt, wie man Kunst und Menschen auf eine besondere, bedeutsame Art zusammenbringt.

Deshalb ist dies ein großer Moment für Berlin und für die Kunst in der Stadt. Wir haben in New York gerade unsere eigene Renovierung und Erweiterung im Museum abgeschlossen und neue Räume eröffnet. Aus der Ferne bin ich begeistert von den Perspektiven, die das am Kulturforum geplante Berliner Museum des 20. Jahrhundert uns, die wir uns um moderne Kunst bemühen, bieten wird.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!