„Electric Girl“ im Kino : Superheldin des Alltags

Zwischen Fantasie und Paranoia: Die Comiczeichnerin Ziska Riemann hat mit „Electric Girl“ einen außergewöhnlichen Superheldinnenfilm gedreht.

Katrin Doerksen
Mangaträume. Victoria Schulz als Poetry-Slammerin Mia.
Mangaträume. Victoria Schulz als Poetry-Slammerin Mia.Foto: Farbfilm

Ein Stromschlag aus der Steckdose setzt im neuen Film der Comiczeichnerin Ziska Riemann („Get Lucky“) die Ereignisse in Gang. Im Kino können solche Unfälle ein Segen sein: Mel Gibson hört in „Was Frauen Wollen“ nach einem elektrischen Schlag plötzlich die Gedanken von Frauen. Mia (Victoria Schulz) ähnelt eher Shazam aus dem DC-Universum. Auch „Electric Girl“ ist irgendwie ein Superheldinnenfilm, nur ganz anders als die Materialschlachten von DC und Marvel.

Mia, eine Hamburger Poetry-Slammerin, hat nichts von Wonder Woman, im Gegenteil wirkt sie ständig gehetzt, unfähig, sich zu konzentrieren. Man ist geneigt, ihr die vermeintlich typischen Symptome ihrer Generation zu unterstellen: eine so chronische wie vehement nicht eingestandene Überforderung mit der Welt und allem, was nicht nach Mias Kopf geht. Ruhig und fokussiert wirkt sie ausschließlich bei ihrem neuen Job im Tonstudio. Hier synchronisiert sie die Superheldin eines japanischen Anime: Kimiko, die mit blauen Haaren und einem magischen Juwel auf der Stirn Tokio vor der Zerstörung durch Dämonen, die Yokai, rettet. Für zehn Staffeln ist Mia gebucht. Und so, wie sich der Anime – Bilder mit simpler, beinahe kindlicher Linienführung, eine Mischung aus westlichen und östlichen Zeichenstilen – und die Panels der Manga-Vorlage wiederholt in die Spielfilmhandlung drängen, so vereinnahmt auch Kimikos Mission zusehends Mias Leben. Die Grenzen zwischen Fantasie und Paranoia, wahren Superkräften und bloßem Irrsinn werden durchlässig.

Einfach mal drauflosfilmen, ungeachtet des Budgets

Nicht nur dank dieser Animationssequenzen hebt sich „Electric Girl“ vom Rest des jungen deutschen Kinos ab. Riemanns Film lässt sich radikal auf die Perspektive und Wahrnehmung seiner Protagonistin ein. In Mias wirrsten Momenten verlaufen Bild und Ton asynchron. Die Regisseurin scheut nicht davor zurück, ihr Publikum gewaltig zu irritieren: Gleich zu Beginn des Films entkoppelt sie Kamera und Ton immer wieder für kurze, wunderbar disruptive Momente voneinander. Verschwimmt Mias Sichtfeld, rauben ihr das Fiepen und Puckern der elektronischen Gerätschaften und Kabel die Nerven. So bleibt alles in der Schwebe: Vielleicht behalten ja jene recht, die Mia eine Psychose unterstellen. Aber eventuell tauchen die Yokai doch noch in der HafenCity auf.

Die mit atmosphärischem Gespür gewählten Locations, wie etwa ein altes Kraftwerk, lassen Hamburg überlebensgroß wirken – und zugleich verwahrlost, dystopisch. Die Farbpalette unterstreicht diesen rohen, improvisierten Anschein: blaustichige Schatten und ins Gelb-Orange verschobene Lichter, die das digitale Rauschen hervorheben. Der Film macht sein augenscheinlich kleines Budget durch eine Reihe handgemachter Tricks und cleverer Kameraeinstellungen wett, die viel der Fantasie der Zuschauer überlassen. „Electric Girl“ ist ein Plädoyer dafür, einfach draufloszufilmen, ungeachtet des Budgets und mangelnder Ausrüstung, ohne eine falsch verstandene Idee von Professionalismus.

Allein einige Szenen mit Mia und ihrer Familie, die zeigen, wie schwer es dem Mädchen fällt, mit der tödlichen Krankheit des Vaters umzugehen, wirken wie eher halbherzig in die Geschichte hineingeschriebene Ergänzungen. So bestätigt sich einmal mehr der Verdacht, dass im deutschen Kino das Bekenntnis zum Genrefilm meist nur in Verbindung mit einem sozialrealistischen Anstrich möglich scheint.
In den Kinos Acud, b-ware, Sputnik

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