Element Of Crime im RBB Sendesaal : Am Ende geht das Licht an

Stadtinventur: Element Of Crime und Berlin gehören zusammen. Im RBB Sendesaal stellen sie ihr Album "Schafe, Monster und Mäuse" vor.

Jochen Overbeck
Sven Regener mit seiner Trompete.
Sven Regener mit seiner Trompete.Foto: dpa

Nach dem Konzert zündet sich eine ältere Dame vorm Portal des Haus des Rundfunks erst einmal eine Zigarette an und sagt dann ihrem Begleiter, wie schön das wieder einmal gewesen sei. Und dass Element Of Crime doch zum Inventar der Stadt gehörten. Dann laufen die beiden leicht schlagseitig Richtung Westend.
Kurz ist man geneigt, ihr Recht zu geben, aber nur kurz, denn eigentlich verhält es sich doch so: Element Of Crime sind nicht das Inventar, sondern dessen Beobachter. Stadtchronisten, deren Blick immer an den kleinen Dingen hängenbleibt. Dort, wo es ein wenig knirscht, wo wonnevolles Chaos entsteht, wo die Abläufe ihr Selbstverständnis noch aus jener Zeit beziehen, in der in dieser Stadt Zwischenlösungen Dauerzustand waren und man ganz gut die Teilhabe am ernsthaften Leben verweigern konnte. So klingt auch ihre Musik: immer haarscharf an der Gradlinigkeit vorbei.

Lakonie und Postapokalypse

Die vier Bandmitglieder – live werden sie durch einen Musiker am Akkordeon und einen an Klarinette und Saxofon verstärkt – haben nun also ein neues Album veröffentlicht. Es ist das 14. seit ihrem Debüt 1986. 32 Jahre später singen sie über „Schafe, Monster und Mäuse“, und die Beobachtungen nehmen noch mehr Raum ein als zuletzt. „Am ersten Sonntag nach dem Weltuntergang“ heißt der Opener der Platte, mit ihm beginnt das Konzert. Während Gitarrist Jakob Ilja einen süßen Twang aus seiner Gitarre in den Saal schickt, singt Sven Regener lakonisch, aber liebevoll von postapokalyptischen Spaziergängen auf dem Kurfürstendamm. „Schön war das Leben, schlecht war die Welt“, singt er. Seine Trompete - er hält sie beim Betreten der Bühne wie ein Handwerker eine Bohrmaschine – setzt er erst gegen Ende an. Dann schmettert er ein Solo, das wehmütig, aber nicht traurig klingt, nach Begräbnismusik aus New Orleans, aber auch Nini Rossos epochaler Edelschnulze „Il Silenzio“. Später folgen „Im Prinzenbad allein“ und „Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“.

Die Katze im Sack

Einmal witzelt Regener ein bisschen darüber, dass das Publikum an so einem Abend, an dem eine noch nicht veröffentlichte Platte fast in Gänze vorgespielt wird, womöglich Enttäuschungen ausgesetzt ist. Die Katze im Sack, so sagt er, würde man mit einer Eintrittskarte für so eine Veranstaltung kaufen. Also streut er ein paar alte Hits ein, etwa das aufzählungsreiche „Lieblingsfarben und Tiere“ oder „Delmenhorst“, die ewig gültige Hymne über die Heimatstadt Sarah Connors. Nötig wäre das nicht, denn auch in den neuen Stücken kann man sich als Zuhörer hervorragend einrichten. Etwa in „Die Party am Schlesischen Tor“, einem Song über einen dieser Abende in Warteposition, über warme Nächte, Sternis unter der Hochbahn und ein Fest, auf das man am Ende doch nicht geht. Oder in „Ein Brot und eine Tüte“, einer Art Bestandsaufnahme der Bewohnerschaft eines Berliner Mietshauses vom Vorderhaus über die Seitenflügel bis ins Hinterhaus, erzählt an der Kasse im Lebensmittelladen.
Nach einer guten Stunde kommt die Sollbruchstelle. Der Teil des Konzerts, der im Radio übertragen wurde, ist vorbei, es folgen zwei Zugabenblöcke. Das Publikum und die Band sind also unter sich, was tatsächlich an der Dynamik des Abends eine Menge ändert. Das bis dahin sehr höfliche Publikum lässt sich ab und an zu Zwischenrufen hinreißen. Und Regener greift nun selbst vermehrt zu seiner Gitarre. Vor allem aber spielt die Band jetzt die Songs, die die meisten schon kennen.

Heute hinterm Mond

Etwa „Vier Stunden vor Elbe 1“, das vor 27 Jahren auf dem Album „Damals hinterm Mond“ erschien oder das nur unwesentlich jüngere „Weißes Papier“, später folgt „Draußen hinterm Fenster“. Mit „Dunkle Wolke“ und „Dieselben Sterne“ beenden zwei Stücke vom letzten Album „Lieblingsfarben und Tiere“ den Abend. In diesen letzten 20 Minuten wird noch einmal die bemerkenswerte Entwicklung des Quartetts deutlich; der Weg von einer Band, die doch im angloamerikanischen Wavepop grundiert war, hin zu einer Gruppe, die einen Sound pflegt, dessen Bestandteile zwar recht einfach zu benennen sind. Man hört da Chanson raus, etwas Country, den gediegenen Balladen-Rock’n’Roll der Righteous Brothers, Mariachi-Musik, Shanties und ein bisschen Alex-Chilton-Weltenschmerz. Aus all dem haben Element Of Crime aber etwas ganz eigenes destilliert, das wiederum viele andere beeinflusste. Dass Mitglieder jüngerer Popbands wie Isolation Berlin oder Das Paradies im Saal sitzen, passt. Bedauerlich ist hingegen, das irgendwann das Licht angeht. Man hätte dieser Band ewig weiter zuhören können, wirklich ewig.

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