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Am Stand des Londoner Händlers Stephen Ongpin Fine Art: Emil Noldes „Bildnis einer Südseeinsulanerin“.

© Salon du dessin

Kultur: Engel auf Reisen

Wer Grafik sammelt, kommt am „Salon du dessin“ nicht vorbei. Seit 25 Jahren behauptet sich die Pariser Spezialmesse.

So schnell geht ein Vierteljahrhundert vorüber! Der Salon du dessin, die Pariser Messe für grafische Arbeiten, findet bereits zum 25. Mal statt. 39 Galerien nehmen in den idealen Räumlichkeiten der Alten Börse teil: Mehr geht wirklich nicht, schließlich soll Platz bleiben für die regelmäßige Sonderausstellung eines Museums. Diesmal ist es das Moskauer Puschkin-Museum, aus dessen Bestand von 27 000 grafischen Blättern der langjährige Louvre-Generaldirektor Pierre Rosenberg 26 Beispiele gewählt hat. Und zwar offenbar mit Bedacht überwiegend solche, die aus Privatsammlungen stammen und teils erst in den neunziger Jahren vom russischen Staat als dem Träger der Institution erworben wurden. Ein dezenter Hinweis an die in Paris zahlreich auftretenden Privatiers, ihre Schätze einmal einem Museum anzuvertrauen?

Es fehlen die ganz großen, teuren Blätter

Das Angebot ist farbiger als in den Vorjahren, dies der erste Eindruck. In den meisten Galerien dienen Aquarelle und Gouachen als Blickfang. Der zweite Eindruck: Die Vorherrschaft von Barock, Rokoko und Klassizismus, also des 17. bis frühen 19. Jahrhunderts der Vormoderne, ist deutlich beschnitten. Daraus erklärt sich denn auch der dritte Eindruck, der freilich erst nach sorgfältiger Besichtigung der Kojen gewonnen werden kann: Es fehlt an den ganz großen, teuren Blättern. Anders herum: Das Angebot ist durchweg auf ein zwar zahlungskräftiges, aber doch unbedingt kenntnisreich wählendes Privatpublikum gerichtet. Ein Blatt wie der Entwurf des Spaniers José Maria Sert für das Wandbild „Fortschritt der Wissenschaft“ von 1934 für den Genfer Völkerbundpalast verlangt schließlich bei 90 000 Euro einen Liebhaber – und sticht auch bei Messe-Methusalem Eric Coatalem aus dem Angebot hervor. 1934, das ist 20. Jahrhundert! Und das ist so stark vertreten wie wohl nie zuvor beim Salon. Damien Bouquet aus Paris bietet eine großformatige, vielfach gefaltete Zeichnung plus Brief von Lucian Freud von 1940 an (95 000 Euro). Aber auch Paul Eluards zarte Zeichnung auf papiernem Tischtuch samt zu Augen stilisierten Brandlöchern einer Zigarette ist eine Trouvaille (1920er Jahre, 15 000 Euro).

Lucian Freud hat auch Marlborough aus London im Sortiment, zwei männliche Figuren der dreißiger Jahre (je 40 000 Euro), daneben zwei ebenso erotisch angehauchte Frauendarstellungen von Gustav Klimt, die eine von 1905 (62 000 Euro), die andere aus der reiferen Zeit 1911 (39 000 Euro). Martin Moeller aus Hamburg wartet mit zwei großformatigen Kohlezeichnungen von Käthe Kollwitz auf, besonders eindrucksvoll des Selbstbildnis von 1924 aus Berner Privatbesitz für 120 000 Euro. Dreimal so teuer ist das wunderbare „Bildnis einer Südseeinsulanerin“, das Emil Nolde 1914 auf seiner Reise ins vermeintliche Paradies auf Reispapier gezaubert hat. Der Londoner Händler Stephen Ongpin kann auf eine makellose Provenienz verweisen: Das Blatt erwarb ein Sammler 1921 vom Künstler, und von dessen Erben kommt es nun erstmals auf den Markt.

Deutsche Künstler sind stark vertreten

Eigensinniger, überraschender ist das Angebot im Bereich des 19. Jahrhunderts. Da sind deutsche Künstler stark vertreten. Antonacci Lapiccirella Fine Art aus Rom bietet vier große, in sehr feinem Stift ausgeführte italienische Ansichten von Jakob Philipp Hackert aus dem Besitz des Grafen von Paris an. Goethes Lieblingskünstler, der von 1768 bis zu seinem Tod 1807 in Rom lebte, schuf 32 solcher Ansichten, deren Provenienz sich wie ein Auszug aus dem europäischen Adelskalender liest; angefangen mit Karoline Luise von Sachsen-Weimar-Eisenach, die sie auf Vermittlung des Dichterfürsten aus dem Nachlass des Künstlers erwarb.

Es sind solche Randnotizen, die das Stöbern in den Kojen so anregend machen. Natürlich wäre es schön, die vier Blätter (26 000–35 000 Euro) würde ein Museum erwerben. Da wären Mäzene vonnöten. Wie wohl auch bei den beiden Bleistiftzeichnungen von Christoph Heinrich Kniep, immerhin Begleiter Goethes auf dessen „Italienischer Reise“ von 1787. Pandora Old Masters aus New York hat die ausweislich ihrer identischen Maße von 57 mal 73 Zentimetern als Pendants gedachten Capricci von 1816/18 – das eine mit einem griechischen Tempel in der seinerzeit vermuteten, ursprünglichen Holzbauweise, das andere mit einem römisch gedachten, steinernen Altar – für je 24 000 Euro im Angebot. Thomas Le Claire (Hamburg) wartet mit einer „Waldlandschaft mit ruhendem Wanderer vor einem Bildstock“ auf, von Carl Blechen in seinen späten Jahren nach 1830 in Bleistift und Feder angelegt und grau laviert, geradezu ein Muss für ein Museum bei allerdings 65 000 Euro.

Adolph Menzel kommt immer wieder beim Salon zur Ansicht, und die rasante Preissteigerung für das zunehmend kleiner werdende Marktangebot lässt sich gut verfolgen. Glatte 72 000 Euro nennt W. M. Brady aus New York für das postkartenkleine Skizzenblatt, auf dem der Künstler zwei Männerköpfe, zwei Hände sowie schlicht ein paar Aquarellfarbproben hinterlassen hat. Ähnliches ließe sich bei Liebermann beobachten, doch das hinreißende Pastell der „Spielenden Kinder im Tiergarten“ von 1898 hat Arnoldi-Livie aus München bereits verkauft und mag den Erlös naturgemäß nicht nennen.

Weit älter ist ein Spitzenstück des diesjährigen Angebots: eine Akademiearbeit des jungen Jacques-Louis David, ein „Herkules“ aus seiner Lehrzeit zwischen 1770 und 1774. Da ist die Revolution noch weit weg, aber das Vokabular der kommenden Historienbilder Davids entsteht bereits. 200 000 Eure ruft Nathalie Motte Masselink auf, nachvollziehbar angesichts der extremen Seltenheit eines solchen Blattes, von dem nur fünf weitere Beispiele bekannt sind.

Nicht, dass diesmal keine barocken Arbeiten zu sehen wären; nur bewegt sich alles im Rahmen gängiger Angebote. Ein bisschen Tiepolo, Vater und Sohn, dann der Serienproduzent Giovanni Paolo Pannini, der römische Veduten für die betuchten Reisenden der „Grand Tour“ anfertigte; sehr hübsch ein Architekturcapriccio von unbekannter (italienischer) Hand, das sich Palladios berühmten Entwurf für die Rialto-Brücke verdankt (bei Moeller, 6000 Euro). Trouvaillen sind oft versteckt: wie die kleine Federzeichnung „David und der Engel“ um 1635, die keck mit „Rembrandt“ signiert ist und doch ganz klar aus dessen Werkstatt stammt. Auch wenn die vorgebliche Autorschaft nicht zutrifft, ist das Blatt beim Pariser Händler Haboldt seine 38 000 Euro wert.

Wer ganz auf seinen Spürsinn setzt, ist im Salon ohnehin bei der Extra-Koje „Anonyme Zeichnungen“ am richtigen Ort: Da finden sich Blätter, die ihrer Zuschreibung noch harren, wie die beiden Ölskizzen von Vögeln, italienisch um 1600, für die je 9 000 Euro angeschlagen sind. Insgesamt reicht das Preisspektrum von 900 bis immerhin 22 000 Euro. Der Besuch dieser Koje ist stets besonders rege, denn wer wollte da nicht „die“ Entdeckung seines Sammlerlebens machen? Schließlich ist der Salon du dessin eine Messe für Kenner und Liebhaber, und wenn sich der Veranstalter mittlerweile auf Augenhöhe mit der New Yorker Print Fair wähnt, dann ist das nach einem Vierteljahrhundert erfolgreicher Arbeit nur zu verständlich.

Salon du dessin, Palais Brongniart (Alte Börse), Paris; bis 4.4., tgl. 12–20 Uhr. www.salondudessin.com

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