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Zorn und Leidenschaft. András Schiff, 58, ist in Ungarn wüsten Anfeindungen ausgesetzt.

© ECM Records

Rechtsruck in Ungarn: "Europa muss endlich Druck machen"

"Das Gerede von Großungarn, der Chauvinismus, der Fremdenhass – all das ist unglaublich." Pianist András Schiff tritt in seiner Heimat Ungarn nicht mehr auf. Ein Gespräch über Boykott, Antisemitismus und Viktor Orbans rechtspopulistische Regierung, die die Medien an die Kette legt.

Herr Schiff, Sie geben in der ganzen Welt Konzerte. Weshalb treten Sie nicht mehr in Ihrem Heimatland Ungarn auf?

Ich bin sehr besorgt über das, was in letzter Zeit in Ungarn passiert. Vor etwa einem Jahr habe ich in der „Washington Post“ einen Leserbrief veröffentlicht, in dem ich die leise Frage stellte, ob Ungarn, das damals die EU-Ratspräsidentschaft innehatte, reif für diese Aufgabe ist. Was mit den Roma geschieht, die von rechtsradikalen Schlägerbanden terrorisiert werden, der offene Antisemitismus und der sehr konservative Chauvinismus und Nationalismus der Regierungspartei Fidesz – das ist alles nicht besonders europäisch. Der Leserbrief hat in Ungarn Stürme der Empörung ausgelöst. Die Ungarn hatten immer einen Hang zur anonymen Denunziation. Was über mich geschrieben wurde, zum Beispiel in einer großen Zeitung von Zsolt Bayer, einem Freund des Ministerpräsidenten Viktor Orbán, ist abstoßend und sehr aggressiv.

Er beschimpft Sie und Daniel Cohn-Bendit als „diese Cohns“, also als Juden, und bedauert, dass es nicht gelungen sei, sie umzubringen.
Im Internet wurde ich als „Saujude“ beschimpft. Danach habe ich alle Konzerte in Ungarn abgesagt.

Weil Sie antisemitische Übergriffe befürchten müssen?
Ich möchte es jedenfalls nicht riskieren, auch wenn wahrscheinlich nichts passieren würde, wenn ich jetzt nach Ungarn führe. Aber ich bin empört darüber, dass antisemitische Hetze in Ungarn salonfähig geworden ist. Im Neuen Theater in Budapest wird im Februar ein neuer Intendant eingesetzt, György Dörner, ein Rechtsradikaler. Ich kenne den früheren Direktor, der abgesetzt wurde, ein seriöser Theatermann. Es war die Entscheidung des Bürgermeisters, vielleicht sogar die Idee von Regierungsleuten, Dörner zum Direktor zu machen. Es gab große Proteste gegen die Berufung. Und István Csurka sollte das Theater mit übernehmen, das wurde zurückgenommen. Csurka ist ein schlimmer Faschist, als Gründer und Vorsitzender der offen rassistischen, antisemitischen Partei MIEP. Und eine andere rechtsradikale Partei, Jobbik, sitzt als drittgrößte Fraktion im Parlament.

Kann man diese Parteien mit der deutschen NPD vergleichen?
Jobbik und MIEP sind gefährlicher. Es ist schlimm genug, dass es die NPD gibt. Aber das ist in Deutschland eher ein Randphänomen, und es gibt eine allgemeine Empörung über solche Leute. In Ungarn ist man ungeheuer tolerant gegenüber solchen Parteien.

Im Bewerbungsschreiben für das Neue Theater schreibt Dörner unter anderem, er wolle ein Ende machen mit der „entarteten, krankhaften, liberalen Hegemonie“.
Das ist ein Kulturkampf. Das Wort „entartet“, das ganze Vokabular kommt einem aus anderen Zeiten bekannt vor. Róbert Alföldi, der Intendant des Nationaltheaters, wird von diesen Leuten auch im Parlament angegriffen und beleidigt, weil er homosexuell ist, mit Worten, die man in einem Parlament nicht verwenden sollte.

Ein Abgeordneter verhöhnte ihn als „Roberta Alföldi“.
Es ist abstoßend. Und symptomatisch für die gesamte Situation.

Einige Künstler protestierten - eine richtige Zivilgesellschaft fehlt

Sie sind nicht der einzige Künstler, der nicht mehr in Ungarn auftreten will. Ádám Fischer, der Generalmusikdirektor der Ungarischen Staatsoper, ist zurückgetreten. Vor kurzem hat der Dirigent Christoph von Dohnanyi aus Protest gegen Dörners Berufung einen Auftritt in Budapest abgesagt. Verlassen die Künstler das Land?
Das weiß ich nicht. Viele arrangieren sich. Ich finde es ganz wunderbar, was von Dohnanyi gemacht hat. Ich schätze ihn sehr als Musiker, auch als politisch wachen Menschen. Leider gibt es etliche, die nicht so wach und integer sind.

Anfang Januar fand in Budapest eine große Demonstration gegen die neue, von der Fidesz beschlossene Verfassung statt. Entsteht in Ungarn gerade eine Protestbewegung der Zivilgesellschaft?
Bei der Demonstration waren 100 000 Menschen. Ich hoffe, dass das immer lebendiger und größer wird. Aber es wird noch lange dauern, vielleicht zehn Jahre. Leider haben sehr viele Leute einfach Angst um ihre Existenz, um ihre Arbeit, auch in der Kunstszene.

Muss ein Schauspieler, ein Opernsänger, ein Regisseur, der gegen die Regierung protestiert, um seinen Job fürchten?
Ja, ein ungarischer Schauspieler kann außerdem nicht so einfach im Ausland arbeiten, das ist für Musiker leichter. Ich finde es schade, dass sich so wenige Musiker in Ungarn engagieren. Sie sind einverstanden mit der Situation oder sie haben Angst. Aber viele junge, gut ausgebildete Leute verlassen das Land und gehen nach England, Frankreich oder Deutschland.

Wie hat die rechtspopulistische Fidesz-Regierung Ungarn denn verändert?
Sie wurde 2010 mit großer Mehrheit gewählt. Viele Stimmen kamen von Protestwählern, die die korrupte sozialistische Vorgängerregierung abwählen wollten. Die Fidesz-Regierung hat angefangen, die demokratischen Fundamente zu zerstören, bei der Pressefreiheit, in der Justiz, in der Wirtschaft. Sie besetzen alle wichtigen Stellen mit ihren Leuten, die zum Großteil nicht sehr qualifiziert sind.

Der Schriftsteller György Konrad befürchtet, dass die Regierung eine „sanfte Diktatur“ errichten wird.
Das Land ist auf dem Weg dorthin. Dem oppositionellen Klubradio, dem einzigen interessanten Radiosender Ungarns, haben sie die Lizenz entzogen. Das neue Mediengesetz, das jetzt vom Verfassungsgericht gestoppt wurde, war ein Versuch, die Medien massiv unter Druck zu setzen und zu zensieren. Was geschieht mit diesem Volk, in dem die rechtsradikale Partei Jobbik so viele Anhänger hat? All das Gerede von Großungarn, der Chauvinismus, der Fremdenhass, es ist unglaublich. Auch wenn die Regierung hoffentlich einmal verschwindet, diese Leute bleiben da. Sie werden bestenfalls ihre Kleidung wechseln, wie sie es schon so oft getan haben.

Das Selbstmitleid der Ungarn und Schiffs Kritik am Schweigen der EU

Welche Ursachen hat diese Mentalität?
Im Grunde stimmt etwas mit dem Nationalcharakter nicht. Ungarn muss sich endlich von seinem ungeheuren Selbstmitleid befreien, das sogar in unserer Nationalhymne zum Ausdruck kommt: Wir haben immer gelitten ... An allem Elend sind immer die anderen schuld. Ein wenig Ehrlichkeit wäre gut. Zum Beispiel beim Blick auf das, was im Nationalsozialismus mit den ungarischen Juden passierte. Das war keine rein deutsche Angelegenheit, es gab zahlreiche ungarische Täter und die faschistische Bewegung der „Pfeilkreuzler“. Das wird heute gerne vergessen. Für viele Ungarn sind die Verbrechen der Pfeilkreuzler kleiner als die Verbrechen der Kommunisten. Man sagt einfach, dass die Kommunisten alle Juden waren, damit werden die antisemitischen Verbrechen der NS-Zeit verschleiert.

Ungarn erlebt eine wirtschaftliche Krise. Die Inflation steigt, die Währung ist auf einem Rekordtief, der Staat ist massiv überschuldet. Die Philosophin Ágnes Heller befürchtet bei einer weiteren Verschlechterung, dass es zu „undemokratischen und nicht mehr friedlichen Entwicklungen“ kommen könnte. Fürchten Sie das auch?
Ja, leider. Ich hoffe darauf, dass Europa endlich Druck macht. Ungarn ist arm und braucht dringend Geld von der EU und dem IWF. Bei denen bettelt die Regierung jetzt, nachdem sie sie vorher beleidigt hat. Aber es ist auch ein moralisches Problem. Es gab und gibt offene Pogrome gegen Roma, die von der Polizei und der Justiz überhaupt nicht oder nur sehr schwach geahndet werden. Die bewaffneten Garden der Jobbik-Partei zünden Roma-Siedlungen an und die Polizei greift nicht ein. Ein Vater kommt mit seinem kleinen Kind auf dem Arm aus einem brennenden Haus und wird von den Jobbik-Leuten mit Maschinenpistolen niedergeschossen. Solche Dinge sind schon vor ein paar Jahren geschehen, es ist ungeheuerlich.

Wie erklären Sie es sich, dass die EU dieser Entwicklung recht lange gleichmütig zugesehen hat?
Man will das nicht wahrnehmen. Ich verstehe die unglaubliche Toleranz der EU nicht. In meinen Augen ist die EU ein exklusiver Club. In einem solchen Club sollte es Regeln geben für den Fall, dass Mitglieder die Hausregeln nicht einhalten. Aber für die EU gilt offenbar: Wer einmal drin ist, bleibt drin, egal wie schlecht er sich benimmt.

Fidesz erhielt über 50 Prozent der Stimmen, jetzt liegt die Partei in den Umfragen bei 34 bis 39 Prozent. Wird die Regierung bei der nächsten Wahl abgelöst?
Nein, die nächste Wahl wird eine reine Formalität sein. Fidesz hat mit der neuen Verfassung, dem neuen Wahlrecht, die eigene Macht zementiert. Wenn es nicht zur absoluten Mehrheit reicht, sind Koalitionen mit den Jobbik und anderen Rechtsradikalen möglich. Die Linke hat komplett versagt. Was in Ungarn fehlt, ist eine bürgerliche, liberale Mitte.

Kämpfen Sie auch dafür, irgendwann wieder in Ihrem Land als Pianist auftreten zu können?
Ich hoffe, dass es eines Tages wieder möglich sein wird. Die Kunst lebt immer in der Gesellschaft, wir bewohnen keinen Elfenbeinturm. Gleichzeitig ist die Musik für mich eine heilige Botschaft. Ich bin der Überzeugung, dass sie die Menschen besser machen kann.

Das Gespräch führte Peter Laudenbach.

Gegen den Rechtsruck in Ungarn - zur Person András Schiff

András Schiff diskutiert am Sonntag, den 15. Januar, in der Berliner Schaubühne gemeinsam mit der Philosophin Ágnes Heller, dem Publizisten Ivan Nagel und dem österreichischen Osteuropa-Experten Paul Lendvai über sein Heimatland Ungarn. Die Veranstaltung „Streitraum: Anti semitismus in Ungarn – was tun?“ beginnt um 12 Uhr, es moderiert die Journalistin und Schriftstellerin Carolin Emcke.

Der 1953 in Budapest geborene Musiker lebt heute in Florenz. Schiffs Interpretationen von Mozart, Beethoven, Bach und Schubert werden für ihre intellektuelle Schärfe und hohe Sensibilität gerühmt. Auf CD liegen von ihm sämtliche Mozart-Sonaten und -Klavierkonzerte vor, außerdem alle Beethoven-Sonaten und die großen Bach-Solo- Werke. 2011 erschien seine preisgekrönte Schumann-CD „Geistervariationen“ (alle bei ECM). Bei den Berliner Philharmonikern war Schiff mehrfach „pianist in residence“. Außerdem gilt er als leidenschaftlicher Kammermusiker, er ist Gründer und Dirigent des Kammerorchesters Cappella Andrea Barca, leitete zehn Jahre lang das Mondsee-Festival bei Salzburg und rief mit Heinz Holliger 1995 die Ittinger Pfingstkonzerte ins Leben.

Im Januar 2011 verfasste er mit anderen Künstlern eine Resolution gegen die Orban-Regierung; seitdem engagiert er sich unermüdlich gegen den Rechtsruck in Ungarn.

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