Fall Claas Relotius : Die Wahrheit ist aufregend genug

Der Reporter Claas Relotius hat mit seinen Fälschungen die Werte der Reportage hintergangen. Er bringt damit die ganze Gattung in Gefahr.

Reportage als Teamwork. Im oscarprämierten Film „Spotlight“ (2015), decken Journalisten einen Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche auf.
Reportage als Teamwork. Im oscarprämierten Film „Spotlight“ (2015), decken Journalisten einen Missbrauchsskandal in der...Foto: Imago/Paramount

Seit zehn Tagen ist es unter Reporter-Kollegen unmöglich, über etwas anderes zu sprechen als über diese existenzielle Erschütterung. Sie ist vergleichbar mit der Erkenntnis der Katholiken über das Ausmaß des Missbrauchs in ihrer Kirche: Das Personal verrät die Lehre. Ausgerechnet in der Institution des „Spiegel“, die jahrelang die Deutungshoheit beansprucht hat in der Interpretation der Gebote der Reportage, hat jemand diese Hoheit missbraucht.

Der Übeltäter Claas Relotius wird von Tag eins seiner Enttarnung als Fälscher vom „Spiegel“ als brillant beschrieben. Das ist verständlich. Er muss brillant sein, sonst sähe das interne „Sicherungssystem“, das er unterlaufen hat, noch dümmer aus. Aber irritierenderweise hat Relotius den Status als Held nicht verloren. Im Gegenteil. Relotius ist in zahlreichen Preisverleihungen mit Lob überschüttet worden. Und wie verhext wird es ausgerechnet nach der Aberkennung oder Rückgabe dieser Preise noch besser: Relotius ist jetzt auch ein Genie.

„Ein Genie der Einfühlung“ für Thomas Assheuer, der in einem „Zeit“-Artikel beschreibt, dass das ganze Genre der Reportage ein Problem habe. Ein „genialischer Betrüger“ für Steffen Klusmann, den designierten Chefredakteur des Spiegel, der als erste Amtshandlung diesen Skandal aufklären muss.

Wenn wir jetzt nicht aufpassen, nimmt das frisch gekürte Genie alle Vorstellungen davon, was eine Reportage sein kann, mit in seine Therapiesitzungen. Relotius, der sich nun selbst zum Patienten erklärt hat, war der Vertreter einer hochgezüchteten Spezialform der Reportage, die es so wohl nur im „Spiegel“ gibt, trotzdem sind in der Debatte längst einige verstörende Annahmen über die machtvollste journalistische Gattung unwidersprochen stehengeblieben, die die Entgleisungen Einzelner mit dem Eigentlichen verwechseln.

Relotius war kein "Idol einer Generation"

Etwa die Annahme, dass die Wahrheit zu langweilig sei, um erzählt zu werden. Dass sich die Reportage irgendwo zwischen Redaktionserwartung und persönlichem Ehrgeiz des Autors manifestiere. Dass überhaupt alle Reporter bis zum 19.12. hätten schreiben wollen wie Relotius, aber nur so etwas wie Annäherungswerte erreichten. Dass das Ideal der Reportage in Hamburg geformt werde, wo Relotius als „Idol einer Generation“ beschrieben wird, das er nie war. Doch wer die Vorstellung nährt, dass es in der Reportage nur eine einzige, eindeutige, eng bemessene Vorstellung davon gebe, was richtig und „gefragt“ ist, liefert damit ohne Not die vielfältigste journalistische Gattung der Reportage ans Messer.

Eine gute Reportage stellt nicht den Autor heraus, sondern legt sich wie ein gut sitzender Handschuh um ihr Thema. Sie kann nicht nur dieses selbst erzählen, sondern auch die Bedingungen ihrer Entstehung. Eben diese Geschmeidigkeit der Form macht sie so kraftvoll, sie funktioniert als Verstärker des Inhalts und gibt den Erkenntnissen der Recherche mehr Gewicht. Logischerweise richtet dieses machtvolle Instrument in den Händen des Falschen noch größeren Schaden an.

Wer falsch dargestellt wird, kann eine Gegendarstellung fordern

Reportagen können, das kann man an glücklichen Tagen in den Zeitungen dieser Republik nachlesen, auf ganz unterschiedliche Arten brillant sein. Sie müssen es auch, denn ihre Themen sind ja unterschiedlich, und damit die jeweiligen Herausforderungen und die Art, auf die eine Reportage „gut“ und eine Leistung sein kann. Die wenigsten entstehen übrigens in unübersichtlichen Kriegsgebieten, sondern in einer eng vernetzten Gesellschaft, in der Anwälte über die Persönlichkeitsrechte ihrer Mandanten wachen und Gesprächspartner ihre Zitate autorisieren wollen. Wer falsch dargestellt wird, kann eine Gegendarstellung verlangen.

Während sich die einen in akribischer Kleinarbeit im Team durch Aktenberge wühlen und die „Panama Papers“ enthüllen, versuchen andere nachzuvollziehen, was es heißt, als Kind in einem Kinderheim traumatisiert worden zu sein. Einer versucht, eine gesellschaftliche Strömung zu verstehen, während ein Kriegsreporter sein Leben riskiert und ein anderer gegen die Mauern einer Lobby rennt. Diese unterschiedlichen Themen verlangen nach unterschiedlichen Tonlagen und die Reportage kann sie alle annehmen. Sie ist die freieste Form des Journalismus, eben nicht im Sinne von freier Erfindung, sondern in ihrer Darstellung der Realität.

Der Betrüger ist damit kein Symptom der vermeintlich anfälligen Gattung Reportage, sondern ihr Verräter. Eine Reportage, die lügt, ist einfach keine mehr.

Mit der Fixierung auf Relotius als Speerspitze der Speerspitze des Journalismus könnte man glatt übersehen, dass die meisten Reportagen ihre Preise für Differenzieren gewinnen, nicht für Pointieren. Henning Sußebach etwa, der für die „Zeit“ arbeitet, wird von Reportern mindestens so geschätzt wie Relotius – für völlig andere Eigenschaften. 2006 fächerte er nur scheinbar Bekanntes, das Leben eines Flaschensammlers, so lakonisch und detailreich auf, bis darin ein Wunder der Erkenntnis lag. Nannen-Preis. Viele Autoren spezialisieren sich auf Texte, in denen es nie knallt, aber dafür lange nachhallt.

Die "wahre" Geschichte steht keineswegs der "guten" im Wege

Nebenbei widerlegt diese durchaus übliche Reportagemethode eine weitere, unsägliche Annahme, die in der Relotius-Debatte ständig wiederholt wird: Dass die Wahrheit zu langweilig sei, um erzählt zu werden. Dass die „wahre“ Geschichte leider der „guten“ im Wege stehe (und man deshalb wohl frisieren müsse). Das Gegenteil ist der Fall. Tatsächlich liefert die Realität meistens viel mehr erstaunliche Wendungen und Details, als sie die eigene beschränkte Vorstellung liefern kann. Wenn man nur bereit ist, sich einzulassen.

Am Tag nach der letzten Bundestagswahl erhielt ich den Auftrag, im Osten verschiedene Orte zu bereisen. Berlin stand unter dem Schock der AfD-Ergebnisse, vielleicht würden sich im Land Antworten finden lassen, wie dieses zustande gekommen waren. Mit dieser Frage sollte es auch nach Dorfchemnitz in Sachsen gehen, das deutschlandweit den höchsten Prozentsatz an AfD-Wählern hatte: 47,4 Prozent.

Vor Ort herrschte eine seltsame Stimmung. Aus den Leuten brach ständig unvermittelt das Lachen heraus: über diesen Streich, den sie allen gespielt hatten. Sie lachten über die reflexhaft anreisenden Reporter mit ihren Blöcken und Sendewagen. Sie lachten über ihren bundesweiten „Rekord“. Der Bürgermeister setzte auseinander, was für ihn die Vorstellung von „rechts“ bedeutete. Seit Jahren war der Ort festes CDU-Gebiet gewesen. Für das Wahlergebnis gab es konkrete Gründe, unter anderem eine Fehde mit der Kreisstadt. Dorfchemnitz entsprach nicht dem Klischee der verbitterten Fremdenfeinde. Was für ein Glück!

Journalistische Redlichkeit ist das einzige Pfand

Die Redaktion freute sich. Entgegen dem Debatten-Eindruck werden bestätigende Klischees eben nicht in Auftrag gegeben. Klischeehafte Berichterstattung langweilt gute Redakteure. Sie passiert, auch in dieser Zeitung, aus einem Mangel an Ideen, Sorgfalt oder Mitteln, aber sie wird nicht verlangt. Es ist unter journalistischen Gesichtspunkten immer interessanter, ein Klischee zu brechen, statt es noch einmal zu beschreiben. Schon deshalb, weil es neu ist.

Die Form einer Reportage, so könnte fälschlicherweise schließen, wer nur die Relotius-Debatte verfolgt, entstünde zwischen den „Erwartungen“ einer Redaktion und dem persönlichen Ehrgeiz eines Autors. Das lässt den wichtigsten Punkt außer acht: Das Verhältnis eines Reporters zu seinem Thema und seinen Gesprächspartnern. Denn darin findet sich, wenn der Autor nicht von vornherein ein Fälscher ist, die eigentliche Geschichte. Hier entscheidet sich, was die Leute preiszugeben bereit sind und ob sie einem jemals wieder vertrauen. Es ist keine Kleinigkeit, seine Lebensgeschichte in die Hände eines Journalisten zu legen und die eigene Redlichkeit ist das einzige, was man ihnen als Pfand lassen kann.

Man muss das Vertrauen jedes Mal neu gewinnen

Oft geht es um heikle Themen. Da ist der Arzt, der sich nach der der Verschärfung des Gesetzes zur Sterbehilfe überlegt, ob er sagen kann, dass er das „Sterbefasten“ weiter unterstützt. Da ist die Mutter eines Opfers vom Breitscheidplatz, die sich mehrere Wochen den „Tagesspiegel“ schicken lässt, bevor sie sich für das Sprechen entscheidet. Der Ruf, dieses erarbeitete Vertrauen, ist das Wertvollste, was ein Reporter hat. Man kann es nur ein einziges Mal zerstören.

Vor der noch verschlossenen Tür eines Bürgermeisters, dessen Dorf soeben in den Verdacht geraten ist, eine rechte Hochburg zu sein, ist es übrigens völlig irrelevant, ob man jemals einen Preis gewonnen hat. Man muss das Vertrauen jedes Mal neu gewinnen. Da liegt es dann, an dieser Türschwelle, alles, was zuvor passiert ist. Die verbrannte Erde, die Sensationsgierige hinterlassen haben, jeder Missbrauch in der Vergangenheit. Der Reporter erhält jedes Mal da draußen einen direkten Spiegel dessen, was die Leute von „den Medien“ halten und von dem konkreten Medium, für das man arbeitet.

Zweifellos wird sich schon irgendwo jemand für die Verfilmung der Story vom gefallenen Helden warmlaufen. Falls man Relotius dafür sucht: Er liegt fortan im Weg jeden Reporters.

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