Fernsehklassiker "Holocaust" : Späte Katharsis

Vor 40 Jahren schockierte die TV-Ausstrahlung der US-Serie „Holocaust“ die Deutschen. Sie veränderte die Erinnerungskultur.

Jüdische Familien werden nach Auschwitz deportiert, eine Szene aus der Serie „Holocaust“.
Jüdische Familien werden nach Auschwitz deportiert, eine Szene aus der Serie „Holocaust“.Foto: dpa/picture alliance

„Anruf erwünscht“ war in Riesenlettern im Studio zu lesen, darunter die Nummer des Zuschauertelefons. Nach jeder Ausstrahlung einer der vier Folgen der US-Serie „Holocaust. Die Geschichte der Familie Weiss“ lud der WDR Ende Januar 1979 Studiogäste zur Diskussion, nach jeder Folge durften Zuschauer anrufen. Tausende griffen zum Hörer, 30 000 sollen es insgesamt gewesen sein. Die meisten drängte es, von ihrem Schock zu berichten, von Scham und Schuldgefühlen. „Schluchzend oder bedrückt beteuerten Leute, sie hätten von nichts gewusst“, erinnert sich eine damalige Mitarbeiterin des Senders in Köln. Es war, als wollten sie sich entschuldigen, entlasten. Auch Abwehr gab es, wütende Rufe nach dem „Schlussstrich“ oder solche, die sich über „die Lügen“ der Serie zum Judenmord empörten. Aber es riefen sogar ehemalige Wehrmachtsangehörige an, die bestätigen wollten: „So war es.“

Das Fernsehprojekt „Holocaust“ schien vielen unerhört, nicht zuletzt wegen des grassierenden Antiamerikanismus. Ausgerechnet Amerikaner hatten die NS-Verbrechen der Deutschen zu Unterhaltungsstoff verarbeitet. Was wusste man schon auf der anderen Seite des Atlantiks? Allerdings war die Story der fiktiven jüdischen Arztfamilie Weiss und der nichtjüdischen Familie Dorf gut recherchiert; es lebten genügend jüdische Exilanten in den USA, die zurate gezogen worden waren. Außenaufnahmen drehte das amerikanische Filmteam unter anderem im Berliner Stadtteil Wedding. Zwischen den rußgeschwärzten Fassaden des Arbeiterviertels ließ sich 1977 ohne großen Aufwand das Warschauer Ghetto nachstellen. Für Szenen in den Lagern Auschwitz und Buchenwald nutzte die Crew des Senders NBC die KZ-Gedenkstätte Mauthausen in Österreich. Mehrere amerikanische Schauspieler, die NS-Täter darstellten, wurden während der Dreharbeiten krank, berichtet die damalige Produzentin in der Dokumentation von Alice Agneskirchners „Wie ,Holocaust’ ins Fernsehen kam“, die Mitte Januar gezeigt wird, wenn die Serie nach 40 Jahren wiederholt wird.

Das Land von Beethoven und Schiller

Den Anfang der Geschichte, die sich im Zeitraum von 1935 bis 1945 abspielt, machte die Hochzeit von Karl Weiss und Inga Helm, eine der ersten, herausragenden Rollen von Meryl Streep. Nach den Nürnberger Gesetzen begegnet das Berliner Paar Repressalien gegen die „Rassenschande“ der „Mischehe“, die Atmosphäre wird zunehmend gespannter. Doch auch als Ausgrenzung und Entrechtung nach der Pogromnacht 1938 eskalieren und die nationalsozialistische Menschenjagd täglich brutaler wird, will Karls Mutter Berta Weiss noch fest „an das Land von Beethoven und Schiller“ glauben, das wieder zu sich finden würde. Unterdessen offeriert der arbeitslose Sohn der „arischen“ Familie Dorf, der Jurist Erik, seine Dienste der NSDAP, fängt Feuer und steigt auf zum persönlichen Referenten Reinhard Heydrichs, der den Terror gegen Juden organisiert. Erik Dorf wird Schritt für Schritt zum Täter.

Schon im April 1978 hatten mehr als hundert Millionen Amerikaner die „Holocaust“-Serie gesehen, gebannt und aufgewühlt. „Nazi Germany“ hatte die Gesichter gewöhnlicher Menschen erhalten: jüdischer, mit deren Not man sich identifizierte, nichtjüdischer, deren inhumane Kälte abstieß. Zuschauer sahen Opfer und deren Mörder, Verfolgte und Verstrickte. Es ging um Alltag, Feiern, Karriere, Liebe und Streit, Mut und Verrat. Gegen Ende, als jegliche Zivilisation kollabiert, konnten die Zuschauer ahnen, was die Implosion aller Hoffnung bedeutet hatte. Auseinandergerissen durch Flucht und Deportation in Ghettos und Vernichtungslager hört die Familie Weiss auf zu existieren. Allein der jüngste Sohn Rudi ist 1945 noch am Leben.

Genozid als Seifenoper?

War das Massenmord, massentauglich bearbeitet? In der New York Times hatte der KZ-Überlebende Elie Wiesel die Nichtdarstellbarkeit des Holocaust beschworen, entsetzt von dessen „Trivialisierung“ durch eine „Seifenoper“. Rechtfertigend zitierte darauf der Drehbuchautor Gerald Green Unterstützer wie Raoul Hilberg, Eugen Kogon oder Primo Levi. Wiesels Ansicht wiederum teilte auch Claude Lanzmann, Regisseur der monumentalen Dokumentation „Shoah“, an der er längst arbeitete, als „Holocaust“ gedreht wurde, und noch lange weiterarbeitete, nachdem „Holocaust“ gezeigt worden war. Lanzmann brauchte zwölf Jahre. Er filmte 350 Stunden Interviews mit Überlebenden, Zeitzeugen und Tätern, aus denen die wohl bedeutendste zeithistorische Dokumentation wurde. Neuneinhalb Stunden, ohne Musik, Interviews und Kommentare aus dem Off zwingen dazu, das Unerträgliche wenigstens als Erzähltes zu ertragen. Schon in dieser Form durchbricht es die Schallmauer der Seele.

„Wer behauptet, der amerikanische Film ,Holocaust’ hätte die Deutschen aufgerüttelt, der lügt“, erklärte Lanzmann gegenüber der Filmkritikerin Heike Hurst im Juli 1985. „Es war nur ein Strohfeuer, denn dieser Film war ein totaler Schwachsinn.“ Hunderte Male habe er auch nach dessen Ausstrahlung erlebt, dass die alten Nazis, die er aufspürte, „von den Jungen, ihren Kindern, geschützt wurden“. Lanzmann blieb bei der Undarstellbarkeit des Holocaust, auch später, als Steven Spielbergs Epos „Schindlers Liste“ ins Kino kam, vor 25 Jahren. Und Lanzmann hatte recht, er hatte moralisch, politisch und ästhetisch recht. Trotzdem ist die Wirksamkeit gerade trivialer Genres unleugbare Realität. Nicht ohne Grund steht etwa „Schindlers Liste“ in einigen arabischen Staaten auf dem Index – der Film könnte Empathie für die Sündenböcke wecken.

Kontroverse in Deutschland

Zwanzig Millionen Deutsche sahen die Serie 1979, die Einschaltquoten lagen teils bei rund 40 bis 50 Prozent. Weltweit erreichte „Holocaust“ in insgesamt dreißig Ländern etwa 700 Millionen Zeitgenossen. Im Sommer 1978 hatte der WDR die Senderechte für die Bundesrepublik Deutschland eingekauft, doch bei der ARD hatten die Programmmacher zunächst damit gehadert: War das den Deutschen zumutbar? War die Serie pietätlos? Würde sie den Antisemitismus neu anfachen? Gerüchten zufolge steckte „die SPD“ hinter dem teuren Ankauf für mehr als eine Million D-Mark, schrieb „Die Welt“.

Aber wie blamabel wäre es erst, wenn sich nun gerade die Deutschen verweigerten! Immerhin könnte man jene erreichen, die Dokumentarfilme mieden. Nach knappem Votum einigten sich die Fernsehdirektoren auf einen präzedenzlosen Kompromiss. Statt im Hauptprogramm würde die Serie Ende Januar 1979 zeitgleich auf allen dritten Programmen laufen. Zur Vorbereitung wurden Dokumentationen gesendet, in der Presse, an Schulen und Universitäten wurde debattiert, und die Bundeszentrale für politische Bildung druckte Begleitblätter. Noch ehe der erste Teil lief, schickten Gegner Hasspost an die ARD, und Bombenanschläge beschädigten Sendemasten in Koblenz und im Münsterland.

Der Strick im Haus des Henkers

Anfang Februar 1979 verkündete das Titelblatt des „Spiegel“ zu einem Foto der Filmfigur Erik Dorf in SS-Uniform: „Der Judenmord bewegt die Deutschen“. Der Bericht dazu fing an mit den Worten: „War das, endlich doch noch, die Katharsis? War es.“ So hatte es ein Psychoanalytiker formuliert: Die Serie habe reinigende, kathartische Wirkung, wie eine griechische Tragödie. „Im Haus des Henkers“, schrieb der Spiegel über die „historische Woche“ der Ausstrahlung, „wurde vom Strick gesprochen wie nie zuvor“.

Dass „Holocaust“ ein bundesweites Thema und der Begriff selber damals zum Allgemeingut wurde, lag daran, dass die Serie dem breiten Publikum gab, was keine Dokumentation geben kann oder darf: Offene, emotionale Einladung zur Identifikation, romanhaft verflochtene Erzählstränge, die Erlaubnis zu Tränen der Erschütterung, zu Kino-Mitempfinden, selbst sentimentalem oder tröstlichem. Damit durfte es auch um uns selber, um die Zuschauer gehen. Undenkbar wären solche Affekte angesichts der Aussagen von Zeitzeugen. Sie wären tabu durch den intuitiven Respekt, die lastende Ehrfurcht und die Panik vor der nicht aushaltbaren Realität. In der fiktiven Narration Genre bleibt das Grauen hinter Milchglas, und so näherte sich das Publikum dem Grauen an – und damit sich selber.

Unzumutbar schien den bundesdeutschen Sendern seinerzeit offenbar der Schluss der amerikanischen Serie. Ihr vierter Teil, „Die Überlebenden“, endet mit Palästina, mit Israel als Perspektive auf einen Neubeginn. Die deutsche Fassung kappte ihn. Sie schloss mit dem Appell, das Schweigen über die NS-Verbrechen aufzulösen. Jetzt, in der Wiederholung, werden auch die zwölf damals zensierten Minuten gezeigt.

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